Imre Kertész, geboren vor achtzig Jahren in Budapest, zählt zu den größten lebenden Schriftstellern. Er hat das Glück, ausgezeichnete Übersetzer und Übersetzerinnen ins Deutsche zu haben, die seine makellose, klare, unerbittliche Intelligenz in unsere Sprache gebracht haben. Das ist für diesen Autor von enormer Bedeutung, denn keineswegs ist es sein Geburtsland Ungarn, das ihn liest und verehrt.
Dort hadert die verdrängungsselige Mehrheit mit seiner Sicht der Dinge. Vor wenigen Wochen, als Imre Kertész auf der Frankfurter Buchmesse den Jean-Améry-Preis entgegennahm, sagte er: "Im Grunde bin ich ein Deutschenschriftsteller."
Sein zwischen 1973 und 2003 erschienener "Zyklus der Schicksallosigkeit" ("Roman eines Schicksallosen", "Fiasko", "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" und "Liquidation") ist ein Monument des geschundenen Menschen und des befreiten Denkens. Als Imre Kertész im Oktober 2002 der Nobelpeis für Literatur zugesprochen wurde, war er Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin, jener Stadt, in der er sich so wohl fühlt wie nirgends sonst. Der Schriftsteller platzte vor Glück ob der Nachricht aus Stockholm. Das Preisgeld, verkündete er den herbeigeeilten Journalisten, werde er "ver-schwen-den!". Genüsslich betonte er jede Silbe.
Wer Kertész´ Schilderung seiner Mutter kennt, ahnt, dass er von ihrer Energie etwas geerbt haben muss. In seiner Autobiographie "Dossier K." (2006) heißt es über seine schöne Mutter, die einer Schauspielerin ähnelte und die noch mit dem Judenstern auf der Straße um Autogramme gebeten wurde: "Sie war ein Genussmensch, ein echter Epikureer, und dabei ließ sie sich von ein paar Antisemiten nicht weiter stören." Sie sollte in einem Versteck überleben, im Unterschied zu Kertész´ Vater, der im Holocaust umkam. Dessen "Schuld" bezeichnet Kertész als doppelte, einmal, weil er Jude gewesen sei und dann, weil er seinen Sohn nicht habe schützen können. 1944, im Alter von 14 Jahren, wurde Imre Kertész nach Auschwitz deportiert. Im April 1945 befreiten ihn die Amerikaner in Buchenwald.
Pünktlich zum achtzigsten Geburtstag sind nun Imre Kertész´ "Briefe an Eva Haldimann" erschienen, eine in der Schweiz lebende gebürtige Ungarin und engagierte Literaturkritikerin, die 1977 die erste westliche Rezension schrieb für die Neue Zürcher Zeitung. "Wahrscheinlich ahnen Sie gar nicht", schreibt Kertész am 14. Dezember 1977 aus Budapest, "was für ein seltenes Geschenk für mich das würdigende Interesse eines unabhängigen Geistes in meinem täglichen Kampf gegen das Schweigen ist."
Besprochen hatte Eva Haldimann den Bericht "Der Spurensucher", handelnd von einem ungarischen ehemaligen KZ-Häftling, der die Orte seines früheren Leidens aufsucht, Buchenwald, Zeitz, und schockiert ist, keine Spuren der Vergangenheit - die doch seine Gegenwart geblieben ist - vorzufinden. Es ist dies eine Variante des zentralen Kertész-schen Begriffs der Schicksallosigkeit: Das Erlebte, der Schrecken, die erfahrene Erniedrigung, werden abgewehrt. Dem Schicksal wird kein Platz gewährt, denn das hieße, den Einzelnen anzuerkennen. Die Diktaturen haben sich aber gerade darauf verständigt, den Einzelnen zu zerstören. Der eine Totalitarismus legt sich, im perversen Ergebnis dieser Logik, schützend über den anderen. Konkret: Die Erinnerung an Auschwitz ist im Kommunismus unerwünscht. Für Kertész aber, der die meiste Zeit im Kommunismus eingesperrt war, bedeutet Auschwitz "das größte Trauma der Menschheit" seit Jesu Kreuzigung. Vehement hat er Adornos Diktum widersprochen, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Es sei ganz undenkbar, dass die Kunst sich diesem Trauma nicht stelle. 1997 schreibt Kertész in "Ich, ein anderer": "Die moderne Mythologie beginnt mit einem gigantischen Negativum: Gott hat die Welt erschaffen, der Mensch hat Auschwitz erschaffen."
Aus Berlin schreibt er 1993 an Eva Haldimann: "Phantastisch und erschreckend, was das Honecker-Regime hinterlassen hat. Und nicht nur die Häuser, auch die Menschen sind Ruinen. Ich bin neugierig, was aus dieser Wiedervereinigung wird: Wie ich es sehe, nichts Gutes, das Ganze ist ziemlich bedrohlich." Heute hat Kertész, mit seiner zweiten Frau Magda, Berlin längst zu seiner Wahlheimat erkoren. Nicht die deutsche Wiedervereinigung macht ihm Sorgen, sondern Ungarn, das er der Aufarbeitung der Vergangenheit für unwillig und unfähig hält. Der Antisemitismus, erklärte er eben in einem Interview, könne sich in Ungarn längst wieder ungeniert entfalten. Ein besonderes Anliegen ist Kertész die fast schon zynisch konstatierte "Bedeutungslosigkeit" der osteuropäischen Intellektuellen nach dem Ende ihrer Dissidenz, nach dem Untergang ihrer Illusionen. In seinem geradezu kongenialen "Imre-Kertész-Wörterbuch", das der ungarische Schriftstellerkollege László F. Földenyi soeben unter dem Titel "Schicksallosigkeit" vorgelegt hat, erklärt er, Kertész folgend: "Der Abbau der Ideologien ist ein schmerzhafter Prozess: Man muss sich nicht nur von einhellig für schlecht gehaltenen Überzeugungen verabschieden, sondern auch von für gut gehaltenen Ideologien. Mit einem Wort, von allem, was den Menschen mit der Illusion lockt, es könnte ihm irgendein anderer die Bürde der Verantwortung des Daseins von den Schultern nehmen."
Möge Imre Kertész, der große Illusionszertrümmerer in der literarischen Erbfolge La Rochfoucaulds und Kafkas, seinen achtzigsten Geburtstag in seinem Sinne verbringen.
Imre Kertész: Briefe an Eva Haldimann. A. d. Ung. v. Kristin Schwamm. Rowohlt Verlag 2009, 141 S., 16,90 Euro.
Lásló F. Földényi: Schicksallosigkeit. Ein Imre-Kertész-Wörterbuch. A. d. Ung. v. Akos Doma. Rowohlt Verlag 2009, 366 S., 19,90 Euro.