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Innenansicht aus der Welt der Banken: Der Markt ist die Kuh

"Strukturierte Verantwortungslosigkeit": Nach der Lehman-Pleite führten Soziologen Interviews mit Personen aus dem Bankenwesen. Das Ergebnis ist ein eindrückliches Panorama ihrer Praktiken und Denkstile. Von Rolf Wiggershaus

Was sind das für Menschen, die in der Finanzbranche arbeiten? Was haben sie zu erzählen?
Was sind das für Menschen, die in der Finanzbranche arbeiten? Was haben sie zu erzählen?
Foto: rtr

Am 15. September 2008 musste Lehman Brothers, die viertgrößte US-amerikanische Investmentbank, Insolvenz anmelden. Das war der größte Firmen-Bankrott der US-Geschichte. Für die Bankenwelt war es ein Schock. Der Grundsatz "Too big to fail" schien nicht länger zu gelten. Außerdem hatte Lehman Brothers nur ein auch von anderen Banken praktiziertes Modell auf die Spitze getrieben. Bis zum Zusammenbruch funktionierte die Firma als Geldmaschine, die, gestützt auf das am Markt gewonnene Vertrauen, mit möglichst wenig eigenem Kapital hoch riskante und hoch rentierende Engagements einging. Kurze Zeit herrschte Verunsicherung in der Bankenwelt.

Doch dieser Bankrott blieb eine Ausnahme, zu der es nur durch den öffentlichen Druck auf die US-Regierung kam, die bereits drei große Banken mit Milliarden von Dollar gestützt hatte. Fortan sorgten Regierungen unter Berufung auf das Argument der Systemrelevanz für die staatliche Rettung maroder Banken. Aber was wurde auf diese Weise gerettet: die Funktion der Banken, Kapital für wirtschaftlich sinnvolle Unternehmen bereitzustellen - oder das "Finanzkasino" und mit ihm der "Kasino-Kapitalismus"?

Das Buch

Claudia Honegger et al. (Hrsg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 399 S., 16,50 Euro.

Aufschlussreich ist da ein Blick in die Innenwelt der Banken. "Unter dem Schutz der Anonymität und noch unter Schock stehend, äußerten manche eine erstaunlich scharfe Kritik an den Gepflogenheiten ihrer Branche", heißt es im Vorwort eines Bandes von Soziologinnen und Soziologen aus Frankfurt, Wien und Bern, denen es im ersten Halbjahr 2009 gelang, mehrere Dutzend Personen zu interviewen, bevor wieder vornehme Zurückhaltung und Verschwiegenheit einkehrten.

Die 31 Interviews mit Personen, die ein weit gespanntes Spektrum von Statuspositionen und Aufgabenbereichen abdecken, bieten ein Panorama der in der Bankenwelt Agierenden, ihrer Praktiken und Denkstile. Die mit ergänzenden bzw. korrigierenden Informationen und Interpretationen verbundene, nur teilweise direkte Wiedergabe der Gespräche sorgt für Knappheit, Anschaulichkeit und Pointiertheit. Eine durch die Interview-Eindrücke inspirierte Anordnung in vier "Felder" - "Spielwiese", "Rennbahn", "Anstandsbühne" und "Grauzone" - ergibt zusammen mit dazwischen geschalteten Essays eine Art Führung durch die Bankenwelt an der Hand von Feldforschern, die gleichermaßen um Fairness und um Nüchternheit bemüht sind.

Der Buchtitel "Strukturierte Verantwortungslosigkeit" spielt auf zwei Schlüsselphänomene der zeitgenössischen Finanzwirtschaft an: zum einen auf "strukturierte Produkte", die ein optimiertes Rendite-Risiko-Verhältnis versprechen, mit ihrer undurchsichtigen Mischung aber symbolisch für ein Verstecken und Verdrängen von Risiken stehen, zum anderen auf die Funktionsweise eines Systems, das sich als ein "Verschiebebahnhof der Verantwortungslosigkeit" erwiesen hat.

Dazu gibt es auf jedem "Feld" markante Äußerungen. Ein Business Analyst, der bei einer Schweizer Großbank tätig war und dann zu einer kleineren Privatbank ging, meint im Rückblick auf seine Rolle als Berechner von Risiken: "Wenn man in das Paket reingeguckt hätte, dann hätte man gesehen: ,O mein Gott, wir haben Millionen von Paketen, und überall ist das Gleiche drin, das in seinem Wert, sagen wir, nicht wahnsinnig wertbeständig ist." Nicht hineingeguckt habe man, weil man sich auf die Ratings verließ und nie auf die Idee kam, dass es so fragwürdige Finanzprodukte überhaupt geben könnte.

Verführerische Angebote

Wer aber zur Vorsicht mahnte und für ein langfristiges Denken eintrat, hatte einen schweren Stand in einem Klima, das von einem exzessiven "Bandwagon"-Effekt geprägt war. "Wenn der Zug fährt", so der Derivatehändler einer Schweizer Großbank, "dann muß man einfach drauf springen und hoffen, daß man nicht der letzte ist, der noch drin ist, wenn er in die Wand hineinfährt." Auch dem auf solide Geschäfte bedachten Leiter einer österreichischen Regionalbank fiel es nicht immer leicht, den Anfechtungen kurzfristigen Renditedenkens und entsprechender Gehalts- und Bonus-Gepflogenheiten standzuhalten. Vor dem verführerischen Übernahmeangebot einer italienischen Großbank schützte er sich mit der Weisheit: "Nobody can eat with two spoons".

Auf den bankenmoralischen Punkt bringt der Kundenbetreuer einer österreichischen Privatbank das Ganze. Zum Zielkonflikt zwischen Rendite und Risiken meint er: "Und wenn es lange gut geht, dann geht die Kuh halt aufs Eis. Und die Banken mussten der Kuh folgen, weil die Kuh der Markt ist, den es zu melken gilt." Je riskanter die Produkte, die die Banken anböten, desto höher der Gewinn, den nicht nur die Kunden, sondern auch die Banken machen - allerdings bereits beim Abschluss einer Transaktion, aber eben auch nur beim Abschluss, so dass sie eher zu- als abraten müssten.

Schon John Maynard Keynes sprach in den 1930er Jahren von einem "Wettkampf der Gerissenheit", bei dem derjenige Sieger ist, der den Schwarzen Peter an seinen Nachbarn weitergibt, bevor die Partie zu Ende ist - während der, der das öffentliche Wohl am meisten fördert, am meisten Kritik auszuhalten hat. Und schon bei Keynes heißt es auch, dass die Einführung einer beträchtlichen Umsatzsteuer auf alle Abschlüsse die zweckmäßigste Reform sein dürfte, um die Vorherrschaft der Spekulation über das volkswirtschaftlich Nützliche abzuschwächen. Der dankenswerte und spannende Bericht der Soziologen aus der Bankenwelt zeigt, dass solide Banker der Hilfe von außen bedürfen, damit nicht bloß das Finanzkasino saniert wird.

Claudia Honegger et al. (Hrsg.): Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 399 S., 16,50 Euro.

Autor:  Rolf Wiggershaus
Datum:  11 | 6 | 2010
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