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Interview mit Elke Heidenreich: "Avanti an die Herzen!"

Elke Heidenreich im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über ihre Lebens- und Lesegewohnheiten und darüber, dass jemand mal wieder eine richtig opulente Oper schreiben müsste.

Ganz nach außen gewendet und dann       wieder ganz nach innen: Elke Heidenreich.
Ganz nach außen gewendet und dann wieder ganz nach innen: Elke Heidenreich.
Foto: ddp

Vor ein paar Jahren las ich ein Interview mit Ihnen, in dem beschrieben Sie, wie Sie lesen. Ich war sehr beeindruckt: Jeden Tag ein Buch. Außer lesen taten sie kaum etwas.

Ach, manche verarscht man auch mal. Wenn die Leute fragen, wie viel Bücher lesen Sie, wie viele Seiten lesen Sie in der Stunde? Oder wenn sie bei mir zu Hause sind, um sich gucken, die Bücher anstarren und fragen: Haben Sie die alle gelesen? Das ist doch einfach nur blöde. Solche Fragen sind so disqualifizierend, dass ich mir irgendetwas ausdenke. Klar lese ich mehr als andere Menschen. Das ist mein Job. Wenn andere ins Büro gehen, dann sitze ich am Schreibtisch oder in einem Sessel und lese. Ich sehe mir die neuen Bücher durch, aber dazwischen fahre ich Rad, gehe spazieren, trinke ein Bier.

Zur Person

Elke Heidenreich, geboren in Korbach, ist Autorin, Kabarettistin, Moderatorin, Librettistin, Musikliebhaberin und jetzt auch Herausgeberin einer Buchreihe. In der Buchreihe finden ihre beiden Leidenschaften, die Literatur und die Musik eine fruchtbare Verbindung ein.

Die Edition Elke Heidenreich erscheint im Verlag C. Bertelsmann (München) ab September. Die ersten vier Bücher sind Günther Freitags Roman "Brendels Fantasie", Franz Werfels "Verdi - Roman der Oper", Hans Neuenfels´ Reflexion über die Frage "Wie viel Musik braucht der Mensch? Über Oper und Komponisten" und Elena Cheas Buch über Daniel Barenboims East-Western Divan Orchestra "Die Kraft der Musik".

Sie lesen alles?

Nein, nein, nein. Ganz ehrlich jetzt: Ich lese sehr wenig Sachbücher. Fast nie Historisches. Das interessiert mich nicht. Ich bin zu sehr in der Gegenwart. Schon lange lese ich keine Kinderbücher mehr. Ich lese die normale Belletristik. Das, was die Verlage neu in die Buchhandlungen bringen. In der Regel weiß man nach einer Stunde, nach sechzig Seiten, ob man weiterlesen möchte oder nicht. Ich quäle mich nicht. Wenn ich mich quäle, sage ich mir, wird der Leser sich auch quälen. Das soll er nicht. Ich will ihm ja Lust aufs Lesen machen. So war das, als ich "Lesen!" machte. Jetzt kann ich mich auch ein wenig quälen. Ich habe jetzt zum Beispiel "Verlorene Illusionen" von Balzac wieder gelesen. Von der ersten bis zur letzten Seite. Das will geschafft sein.

Haben Sie bei Romanen nie das Gefühl: Warum soll ich mich jetzt reinknien in das Leben erfundener Personen? Was geht mich der von Herrn X erfundene Mr. Y an?

Manchmal habe ich das. Sicher. Je nach Laune. Mal hat man einen Missmut. Vor Jahrzehnten brauchte ich drei Anläufe, um "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel Garcia Marquez zu lesen. Diese Namen! Wie sollte ich mir die alle merken! Ich kam einfach nicht rein. Und dann? Dann war ich drin und konnte gar nicht mehr aufhören. Bei den Korrekturen von Jonathan Franzen ging es mir ähnlich. Spätestens nach der Szene, in der der Vater im Regenmantel vom Schiff fällt... Da muss man doch einfach weiterlesen! Aber Überdruss kenne ich auch. Ich war jetzt drei Wochen in Südfrankreich in Urlaub. Ich habe kein einziges Buch gelesen. Ich war nur in der Oper. Aber dann liest man wieder ein Buch, versinkt darin, weil es einen packt, liest Stunde um Stunde. Dann ist es schön.

Bei Sachbüchern geht Ihnen das nicht so?

Doch. Das gibt es auch. Bei "Cosimas Kinder" und "Herrin des Hügels" von Oliver Hilmes ging es mir genau so. Ich habe gerade "Das Mittelmeer" von Baltasar Porcel gelesen. Etwas wirr, durcheinander, aber sehr liebevoll. Und er kennt sich als Baleare sehr gut aus im Mittelmeer. Da kann ich mich auch schon mal reinhängen. Aber all die Jahre bei "Lesen!" habe ich nur die neue Belletristik besprochen. Das war sehr viel. Auf jeden von mir empfohlenen Titel kamen ja acht, die ich nur gelesen habe. Das hat mich doch ein wenig geprägt. Ich bin eher in der Belletristik zu Hause. In der im besten Sinne Unterhaltungsliteratur. Da konnte ich all das komplizierte Zeug, das mich als Elke vielleicht interessiert, nicht auch noch lesen. Jetzt ist dazu wieder mehr Zeit.

Sie lieben Musik. Sie lieben die Oper. Ist es nicht so, dass wir uns in der Musik einen Rausch gestatten, den wir in der Literatur ablehnen?

Ach, wenn wir uns doch endlich in der Musik wieder Räusche gestatten würden! Wenn wir doch endlich den Mut hätten, opulente, große Opern neu zu schreiben! Wir baden doch immer nur in Verdi, Puccini, Donizetti, Mozart, Wagner, Händel und was weiß ich. Es sind doch weltweit immer wieder dieselben 50 Opern. Von Sydney bis Helsinki immer Barbier von Sevilla, Così fan tutte, immer dasselbe. Es gibt 46 000 Opern, wäre doch mal nett, was anderes zu machen. Wäre doch auch mal schön, die moderne Musik dort weitermachen zu lassen, wo Puccini und Richard Strauss aufgehört haben. Aber dann kamen die großen Zerhacker, kamen Schönberg, Adorno, Stockhausen. Können wir das jetzt nicht einmal alles hinter uns lassen, dieses Feld von Nagelbrettern, und endlich wieder sinnliche, opulente Musik machen!

Wer ist wir?

Wir alle: Autoren, Komponisten, Intendanten, Sänger, Publikum. Wir brauchen neue Opern. Da wird gezögert und gezagt. Es fehlt einfach der Mut. Würgt doch nicht - das geht an die Adresse der Kritiker - alles einfach ab, was ein wenig sinnlicher ist, was die Menschen wieder erreicht. Ich gehe nicht in die Oper, um mich belehren zu lassen. Ich gehe auch nicht in ein Konzert, um Pingpongbälle im Flügel anzuhören. Das steht mir bis hier. Das hatte seine Zeit. Jetzt mal wieder: Avanti, an die Herzen!

Ja, machen Sie doch!

Ich bin gerade dabei. Ich arbeite mit einem Komponisten an einer großen Oper zusammen. Er hat schon mit einer kleinen einen großen Erfolg gehabt, einer Kammeroper über Dalìs Frau Gala. Die ja auch die Geliebte von Paul Eluard und Max Ernst war. Die treten auch auf. Der Text, eine kleine surrealistische Collage, stammt von mir. Aufgeführt wurde das Werk im Museum Ludwig zur Dalì-Ausstellung. Sie sollte acht Mal aufgeführt werden. Wir hatten Angst: Kriegen wir die Bühne acht Mal voll? Mit moderner Musik! Zwanzig Mal haben wir "Gala Gala" aufgeführt, immer war ausverkauft. Nach diesem Erfolg bekamen wir einen Auftrag für eine große zweieinhalb Stunden Oper. Es geht um die Liebe. Um die Verwirrungen der Liebe. Sie spielt - natürlich - heute.

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Datum:  25 | 8 | 2009
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