Sie selbst sind im Alter von sechs Jahren mit Ihrer Familie in die USA immigriert.
Alle waren dabei: Großmutter, Mutter, zwei Tanten, zwei Schwestern, zwei Brüder und mein Vater. Die Familie ist bis heute stark vom Militär geprägt. Mein Vater war in der Armee. Einer meiner Schwager ist Panzerfahrer. Mein kleiner Bruder ist bei der Marine, und meine beiden Neffen sind im Irak. Gleichzeitig gab es immer diese grimmigen Frauen.
Grimmig?
Meine Mutter etwa. Arbeitete ihr ganzes Leben lang in verschiedenen Fabriken, kam nach Hause, kümmerte sich um fünf Kinder. Sie konnte absolut keinen Quatsch ausstehen. Als sie herausfand, dass mein Vater eine Geliebte hatte, schmiss sie ihn raus. Wir haben nie wieder von ihm gehört. Meine Mutter sprach kein Englisch, hatte kein Auto und bekam keinen Cent Unterstützung. Aber sie sagte sich: Ich werde für diese kleinen Fucker kämpfen. Meine Mutter ist heute 70 Jahre alt, und arbeitet immer noch als Altenpflegerin. Sie sollten mal ihren Bizeps sehen.
Die Frauen in Ihrem Roman sind ziemliche Chauvinisten. Oscars Mutter rät ihm, seine Freundinnen zu schlagen.
Auch meine Mutter war nicht gerade politisch korrekt. Einmal kam ein Freund von mir zu Besuch, der sich über seine Freundin beklagte. Meine Mutter sagte zu ihm: ,Tu mir einen Gefallen: Geh noch mal vor die Tür und zieh Dir den Rock aus. Das steht dir besser.' Er ging kurz raus, kam wieder rein und entschuldigte sich.
Ihre Familie ist nicht unbedingt das Umfeld, in dem Pulitzerpreisgewinner gedeihen.
Ich hatte Glück. Ich bin der eine, der durchgekommen ist. Jeder Einwanderer versucht aufzusteigen. Aber wenn es einer wirklich schafft, heißt das nicht, dass er mehr Talent hat als andere. Ich wuchs mit Freunden auf, die schlauer waren als ich, ambitionierter, die härter gearbeitet haben. Der Unterschied ist, dass meine Mutter nie ernsthaft krank wurde, so dass ich mich um sie hätte kümmern müssen. Ich hatte nie Probleme mit der Polizei. Es können in den USA ja Kleinigkeiten sein, die dich komplett runterreißen. Wäre ich nur einmal mit Drogen erwischt worden, wäre es das für mich als Einwanderer gewesen, Ende im Gelände. Die Sterne standen aber nicht gegen mich.
Der New Yorker hat Sie einen der wichtigsten Schriftsteller des 21. Jahrhunderts genannt. Wie geht man damit um?
Ein Großteil des Applauses kriege ich nur wegen des Pulitzerpreises. Ich gehöre zudem einer Identitätsgruppe an, die gerade noch komfortabel ist: Ich bin keine Frau, ich bin nicht zu schwarz, ich bin nicht schwul.
Der amerikanische Literaturmarkt ist immer noch dominiert von den weißen Männern?
Sicher. Die Philipp Roths und Paul Austers. Immer noch wird in den USA der magische Realismus als lateinamerikanische Folklore abgetan. Dabei muss man nur in New Jersey leben, um zu verstehen, was das ist. In den Köpfen der weißen Amerikaner wimmelt es von Engeln und Teufeln, überall sehen sie Geister. Auch ihr Europäer mögt Barack Obama im Weißen Haus, aber in der Buchhandlung ist euch Philipp Roth doch immer noch lieber.
Interview: Lennart Laberenz und Philipp Lichterbeck