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Interview mit Junot Díaz: "Es ist der Terror, der fasziniert"

Pulitzerpreisträger Junot Díaz im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über die lange Krise der Männlichkeit und die große Flexibiltät der Latinas.

Junot Díaz wurde 2008 mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Junot Díaz wurde 2008 mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet.
Foto: dpa

Mr. Díaz, wollen wir über Frauen und Männer sprechen?

Nur zu.

Zur Person

Junot Díaz wurde 1968 in der Dominikanischen Republik geboren und kam als Kind in die USA. Er lebt heute in New York.

Für seinen Roman "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" (Aus dem Amerikanischen von Eva Kemper, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2009, 382 Seiten, 18,95 Euro) erhielt er 2008 den renommierten Pulitzerpreis.

Also: Busen oder Hintern?

Schreckliche Frage. So fängt das also an. Also, meine Freundin behauptet, dass der weibliche Po eine ungeheuerliche Anziehungskraft auf meine Augäpfel ausübe.

Ehrliche Antwort.

Ja, klar. Wir Männer lügen uns doch andauernd selbst an, kreieren Mythen, tun in der Öffentlichkeit so, als seien wir nicht auf diese Dinge fixiert.

Wir fragen, weil zwischen Lateinamerika und den USA ein kultureller Graben existiert, was die männliche Aufmerksamkeit gegenüber weiblichen Körperteilen angeht. In den USA ist man auf Brüste fixiert, in Lateinamerika auf Hintern.

Ganz so einfach ist es nicht. Ich war neulich mit einem Dominikaner etwas trinken. Er hatte gerade Chile besucht und beschwerte sich bitterlich. Das Land sei eine Katastrophe für Hinternliebhaber wie ihn, er habe richtiggehend unter Entzug gelitten.

Sie scheinen sehr große Freude dabei zu haben, den weiblichen Körper zu beschreiben. Bei Ihren Lesungen tragen Sie oft die Szene vor, in der die Tochter Lola den enormen Busen ihrer Mutter Belicia abtastet …

… und es kommt heraus das sie Brustkrebs hat. Es ist also ein Trick: Ich schildere die Brüste als etwas Schönes, und dann sind sie von Krankheit befallen. Es ist der Terror, der die Menschen fasziniert, nicht das Glück.

An anderer Stelle heißt es, die tetas der jungen Belicia seien von solch titanischen Ausmaßen, dass jeder heterosexuelle Mann sein Leben neu überdenke.

Es kommen tatsächlich Leute zu mir, die mich beschimpfen, weil ich angeblich Frauen sexualisiere. Doch ich reproduziere nur die hypersexualisierte US-Körperkultur.

Gleichzeitig scheint es auch eine seltsame Angst vor dem Körper zu geben?

Vor allem vor schwarzen Körpern. Und insbesondere die Körper schwarzer Frauen repräsentieren eine potentielle Gefahr für die Ordnung.

Was ist so bedrohlich an ihnen?

Viele Weiße haben unbewusst Angst vor Schwarzen - und fühlen sich doch gleichzeitig von ihnen angezogen. Also reagieren sie irrational. Ich habe das mein ganzes Leben lang mitbekommen. Wenn eine weiße Frau mit entblößten Armen irgendwo reinkommt, schaut niemand hoch. Aber Wenn Michelle Obama mit blanken Armen im Weißen Haus steht, zerreißen sich alle das Maul. In den USA werden schwarze Körper eher mit Misstrauen betrachtet.

Wie sehen Sie Michelle Obama?

Zunächst einmal: Die Latinos haben in vier Swing-States zu 90 Prozent für Obama gestimmt und damit seinen Wahlsieg gesichert. Und Michelle ist einfach bombig. Sie ist keine dieser hellhäutigen adretten schwarzen Frauen, sondern eine von uns. Die Frauen in meinem Freundeskreis akzeptieren keine negativen Bemerkungen über sie.

Ist mit Barack und Michelle Obama auch eine neue Form der Sexualität ins Weiße Haus eingezogen?

Auf jeden Fall. Michelle und Barack sehen so aus, als würden sie es oft und gerne miteinander treiben. Zwei Schwarze, die sich verdammt noch mal lieben!

Es fällt auf, dass die männlichen Charaktere in Ihrem Roman entweder unter dem Mangel an Sex leiden oder es ausschließlich zur Selbstbestätigung tun.

So wie Yunior, der Erzähler: Er ist ein Sportficker. Bei ihm gibt es weder Schmerz noch Konsequenzen noch Moral. Er dreht einfach am Rad. In meinen Zwanzigern war ich ähnlich. Ich griff mir jedes Mädchen, das ich kriegen konnte. Ich habe noch nie einen jungen Mann getroffen, egal ob Latino, schwarz, weiß oder asiatisch, der nicht wie ein Verrückter bumsen wollte. Man muss allerdings ein ziemlicher Depp sein, um das sein ganzes Leben lang durchzuziehen.

Oscar, der übergewichtige Held Ihres Buchs, wiederum leidet sehr darunter, dass er noch Jungfrau ist und bei Mädchen überhaupt nicht landen kann.

Er leidet auch, weil er Dominikaner ist und wir Leute aus der Karibik viel mehr über Sex reden.

Die Frauen in Ihrem Buch treiben die Dinge voran und halten die Familien zusammen. Reflektiert das die Erfahrung der dominikanischen Einwanderer?

Die dominikanische Diaspora war stark von Frauen geprägt, weil Männer viel seltener ein Visum bekamen. Es gibt also unter dominikanischen Immigranten mehr Frauen, die ein Geschäft führen und arbeiten. Das hat starke Frauen hervorgebracht.

Können sich Frauen besser anpassen?

Kein Zweifel. Die maskuline Identität ist unflexibel. Yunior mag ein Frauenheld sein, aber er kann nicht mit Schwäche umgehen. Frauen hingegen schaffen es besser, die ganze Scheiße zu verarbeiten, die einem im Leben passiert.

Ist die derzeitige Wirtschaftskrise auch eine Krise der Männlichkeit?

Es gibt seit langer Zeit eine Krise der Männlichkeit im Westen. Haben Sie den Film "28 Days later" gesehen? Der Held des Films hat keinen richtigen Job, arbeitet als Fahrradkurier. Erst als die Welt zu Ende geht, wächst er über sich hinaus und beschützt ein kleines weißes Mädchen und eine hübsche schwarze Frau. Er wird zum Kämpfer. Der Graben zwischen dem heroischen Selbstbild vieler Männer und ihrer armseligen Realität als Lohnarbeiter im Kapitalismus schafft eine enorme Neurose. Deshalb kriegen wir die ganze Zeit diese aufbauenden Geschichten erzählt.

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Datum:  1 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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