Herr Kappacher, hat Sie die Mitteilung im Mai, dass Sie den diesjährigen Büchner-Preis bekommen, aus der Bahn geworfen?
Ja, ich habe seit Monaten außer ein paar Kleinigkeiten nichts geschrieben und kein Buch mehr gelesen. Meine private Korrespondenz leidet sehr und ich bin ziemlich in Stress geraten. Am Anfang habe ich 150 bis 200 Mails am Tag bekommen, dann rund fünfzig und zuletzt immer noch zehn. Ich habe versucht, wenigstens jede mit zwei Zeilen zu beantworten.
Mit Walter Kappacher, 70, wird nach dem Vorjahrespreisträger Josef Winkler wieder ein Österreicher mit dem Büchner-Preis, der höchstdotierten literarischen Auszeichnung Deutschlands, ausgezeichnet. Bis dahin stand der gebürtige Salzburger lange im Ruf des ewig Unterschätzten.
Das änderte sich erst 2005 ein wenig mit seinem hochgelobten Toskana-Roman "Selina" und dem in diesem Frühjahr erschienenen Hofmannsthal-Roman "Der Fliegenpalast", der in den Feuilletons einhellig gefeiert wurde.
Martin Walser, ein erklärter Kappacher-Bewunderer, sagte einmal über ihn, auch wenn er spreche, sehe er aus wie einer, der schweige. Kappacher, der die Bezeichnung Eigenbrötler nicht ablehnt, lebt mit seiner Frau in Obertrum bei Salzburg.
Was waren das denn für Mails?
Leute, die mir gratulieren und schreiben, wie sehr es sie freut, dass jemand wie ich diesen Preis kriegt. Da denk ich mir dann: Ja, wieso denn? Die kennen mich ja überhaupt nicht! Sie haben einfach nur in der Zeitung etwas über mich gelesen. Das ist doch sehr merkwürdig.
Finden Sie sich medial falsch dargestellt?
Selber ärgere ich mich immer oder bin enttäuscht, wenn ich mit einem Satz zitiert werde, der isoliert dastehend etwas anderes bedeutet als das, was ich tatsächlich gesagt habe.
Ärgert Sie auch, dass man in fast jedem Artikel über Sie liest, dass Sie ein Eigenbrötler sind?
Nein, nein, das stimmt schon. Aber wenn gesagt wird, ich sei bescheiden, dann werde ich schon wieder zornig. Das ist beinahe eine Beleidigung!
In der Süddeutschen Zeitung hieß es zum Beispiel einmal, Sie seien "zu taktvoll, uns mit dem Ruhm zu behelligen", der Ihnen zusteht. Was ärgert Sie denn an dem Bescheidenheits-Etikett?
Ich bin einfach nicht bescheiden, war nie bescheiden und habe mich nie beschieden. Sonst würde es ja auch keine Entwicklung im Schreiben geben. Man kann das so einfach nicht sagen.
Wie denn dann?
Ich komme vom Yoga her. Ich habe mit Mitte 20 damit angefangen. Die Übungen an sich sind schon etwas Spirituelles. Die innere Haltung, die man dabei gewinnt, wird weiter entwickelt. Zum Yoga gehört auch der Satz: Man soll seine Werke so gut machen, wie es einem gegeben ist und sich dann der nächsten Arbeit zuwenden. Nicht aber versuchen, sie zu propagieren oder bekannt zu machen.
Gelingt Ihnen das tatsächlich?
Nein, immer nicht. Aber meine Grundhaltung ist es schon.
Dann muss ja der Büchner-Preis unvermeidlich eine äußerst zweischneidige Angelegenheit für Sie sein?
Ich habe nicht vor, mich zu beklagen. Und ich habe auch beschlossen, einmal eine Ausnahme zu machen und etwas für eines meiner Bücher zu tun - für mein letztes "Der Fliegenpalast".
Ein Roman über einige Tage im Leben von Hugo von Hofmannsthal im Jahr 1924.
Ich wäre eigentlich zufrieden gewesen mit 2000 verkauften Exemplaren für so ein gar nicht bestsellerartiges Buch.
Geworden sind es sehr viel mehr, und Sie haben auch viel Kritiker-lob für den "Fliegenpalast" bekommen.
Die gescheiten Leute haben gesehen, dass es kein oder nicht nur ein Hofmannsthal-Buch ist, sondern ein Buch über einen Menschen, der älter wird, der Angst hat, mit seiner Arbeit nicht mehr fertig zu werden, der einsam ist und gleichzeitig voller Menschenscheu.
Ist das auch eine Selbstbeschreibung?
Alles, worunter dieser Mensch Hofmannsthal leidet, ist mir bestens bekannt - außer, dass ich kein berühmter Autor bin. Ich war beim Schreiben des Buchs etliche Male vorm Aufgeben. Das Scheitern hat praktisch jeden Tag vor der Tür gestanden, bis ich - wahrscheinlich beim Spazierengehen - draufgekommen bin, dass es auch ein Buch über mich ist. Als ich das eingesehen habe, ist es leichter gegangen.
Die Tage, die Hofmannsthal 1924 in Bad Fusch verbracht hat, sind bis auf wenige Briefe so gut wie nicht dokumentiert. Was hat Sie denn an dieser Ausgangslage gereizt?
In Bad Fusch, das an der Glocknerstraße liegt, ist heute außer den Resten einer Hotelruine gar nichts als eine planierte Ebene. Man merkt, dass da vielleicht irgendwann einmal etwas war. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie das um 1900 ausgeschaut hat, wie die Kurgäste herumgelaufen sind, wie die Hotels waren.
Ich habe doch ein bisschen Fantasie, aber es war nicht möglich. Der alternde Hofmannsthal, der im Sommer 1924 in der Schweiz war und mit seiner Arbeit nicht weiterkam, hat sich daran erinnert, dass er früher in Bad Fusch immer so gut schreiben konnte Also ist er auf ein paar Tage hingefahren.
Aus dieser dünnen Faktenlage und der Brache in Bad Fusch wollten Sie etwas machen?
Dass da nichts war, war die Herausforderung. Schreibend wollte ich es für mich errichten. Es würde mich nicht reizen, irgendeine Episode aus dem Leben von Thomas Mann zu beschreiben - da ist fast jeder Tag in seinen Tagebüchern dokumentiert.
Manns Roman "Der Zauberberg", in dem eine ähnliche Rückzugsatmosphäre in einen Alpen-Kurort herrscht wie in Ihrem "Fliegenpalast", erschien 1924, genau in dem Jahr, in dem Ihr Buch spielt. Ist das ein Zufall - abgesehen davon, dass die Titel "Zauberberg" und "Fliegenpalast" miteinander zu tun zu haben scheinen?
Als ich schon fast fertig war, habe ich das auch bemerkt. Ich habe nachgeschaut, welche Autoren 1924 gestorben und welche bedeutenden Bücher erschienen sind. Im "Zauberberg" will der Protagonist gar nicht mehr zurück in die Wirklichkeit. Bei dem Hofmannsthal in meinem Buch ist es anders: Er wollte eigentlich nach Altaussee zu seiner Familie, aber andererseits wollte er sein Theaterstück fertig stellen. Er kann nicht glauben, dass ihm in Fusch nichts gelingt und hofft jeden Tag: vielleicht morgen, vielleicht morgen.