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Literatur

19. Mai 2015

Interview: Religion ist keineswegs für Dumme

 Von 
Eine Afghanin und ihr Kind im Kirchenasyl in einer Brüsseler Kirche.  Foto: REUTERS

Gibt es eine Rückkehr der Götter? Der Religionssoziologe Detlef Pollack im Gespräch über sinkende und wachsende Religiosität. Und über ein paar Vorurteile bezüglich der aktuellen Entwicklung.

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In der ganzen Welt, so wird oft behauptet, floriert die Religion. Nur Europa versteppt. Stimmt das, Professor Pollack?
Nein. In Regionen mit einem Grad an Modernisierung und Individualisierung, der dem europäischen vergleichbar ist, sind ebenfalls Tendenzen der Säkularisierung feststellbar, selbst in Ländern wie Südkorea oder den USA, die gewöhnlich als Gegenbeispiele für die Säkularisierung angeführt werden.

Eben. Gerade in den USA sind Gesellschaft und Politik doch aufs Intensivste religiös überformt.
Da muss man genau hinschauen. Die USA sind religiös ziemlich polarisiert. Es gibt die von Ihnen genannte Verbindung evangelikaler Bewegungen mit der Politik. Aber es gibt im Gegenzug auch eine rasant wachsende Abwehr dieser politisch-religiösen Liaison. In nur 15 Jahren ist der Anteil der US-Amerikaner, die sich als religionslos bezeichnen, von sechs auf 23 Prozent gestiegen. Das ist ziemlich exakt der gleiche Wert, den wir bei uns in Westdeutschland messen.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
Die Verbindung mit nicht-religiösen Inhalten – wie etwa politischen oder nationalen – wirkt für die Religion vitalisierend, so lange die Menschen sie als zweckdienlich erachten. Aber auch nur so lange. Danach kommt es zu Abstoßungsbewegungen. In den USA etwa gehen viele gerade aufgrund der politischen Interpretation des Evangeliums auf Distanz zur Religion. Oder denken Sie an die Rolle der orthodoxen Kirche in Russland. Sie gilt als Stabilisatorin des Putin-Regimes. Aber damit ist sie Teil des Herrschaftsapparats – und wehe ihr, wenn sich die Stimmung umkehrt und die Menschen sagen: „Mit dieser Art religiös aufgeladener Politik möchte ich nichts zu tun haben.“

Sie empfehlen also einen Sicherheitsabstand zwischen Politik und Religion?
Auf der einen Seite, ja. Auf der anderen Seite hängt die Lebendigkeit einer Religion davon ab, dass sie Brückenköpfe in die Gesellschaft hat, ihr aus dem Glauben heraus etwas zu sagen hat und zum Gemeinwohl beiträgt.

Was ist dieser Beitrag?
Im Christentum sind das beispielsweise Diakonie und Caritas, also das soziale Wirken der Kirche, als Verwirklichung der Nächstenliebe, aber auch Erziehung und Bildung, in denen die Kirche zur Vermittlung grundlegender Werte beitragen kann, die für das Zusammenleben der Menschen wichtig sind.

Trotzdem schwindet die Zahl der Kirchenmitglieder und der Aktiven in den Gemeinden. Können die Kirchen diese Entwicklung überhaupt noch aufhalten?
Das fällt ihnen schwer, jedenfalls in den modernen Gesellschaften wie unserer. In unserer Studie haben wir Zahlenmaterial der vergangenen 40, 50 Jahre ausgewertet und kaum irgendwo Ansätze einer Trendumkehr festgestellt. Und das, obwohl die Kirchen bei uns ja nicht mehr die verstaubten, verkrusteten Institutionen sind, die sie noch in den 1960er Jahren waren. Sie machen seit langem moderne, service-orientierte, dialogische Angebote, die in einer offenen, liberalen Gesellschaft durchaus anschlussfähig sind. Gleichwohl sinkt die Zahl derer, die dieses Angebot annehmen. Warum sollte sich das ausgerechnet jetzt ändern?

Was ist der Grund für die Abkehr von den Kirchen?
Interessanterweise weniger Kritik an der Kirche oder konkrete Enttäuschung, sondern eher eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von sakralen zu säkularen Themen und Angeboten. Je vielfältiger und pluraler die Gesellschaft ist, desto mehr Alternativen gibt es zu dem, was Kirche tut. Zur Freizeitgestaltung ziehen halt immer mehr Menschen am Sonntagvormittag den Weg ins Fitness-Studio oder auf den Sportplatz dem Kirchgang vor. In einer hochkomplexen Gesellschaft vollzieht sich diese Relativierung der Religion nahezu von selbst.

Zur Person
Der Religionswissenschaftler Detlef Pollack.

Detlef Pollack, geboren 1955, ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster und Sprecher des dortigen Exzellenz-Clusters „Religion und Politik“. Er forscht unter anderem zum Verhältnis von Religion und Moderne.

Eine der größten Vergleichsstudien – international und empirisch angelegt – zu religiösen Trends in der Moderne hat Pollack zusammen mit Gergely Rosta vorgestellt und dafür Zahlenmaterial von 1945 bis heute ausgewertet.

Detlef Pollack, Gergely Rosta: Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich. Campus Verlag Frankfurt am Main/New York, 39,90 Euro.

Das heißt, auch in Ländern mit einem Modernisierungsrückstand wird es über kurz oder lang zu diesem Prozess kommen?
Unsere international vergleichende Untersuchung zeigt einen statistisch nachweisbaren negativen Zusammenhang zwischen Modernisierungsindikatoren und religiösen Indikatoren: In Gesellschaften mit steigender Bildung, wachsendem Wohlstand und zunehmender sozialer Gleichheit sinkt die religiöse Bindung. Damit spricht empirisch sehr viel für die Gültigkeit der Säkularisierungstheorie.

Religion ist dann nur noch etwas für Dumme, Arme und Notleidende?
In dieser Zuspitzung ist das gewiss nicht richtig. So stimmt zum Beispiel auch der alte Satz „Not lehrt beten“ nicht. Wir können vielmehr feststellen, dass Menschen in sozialen Notlagen sich oft schwer tun mit der religiösen Botschaft von einem „liebenden und gerechten Gott“. Die Abwehr religiös-kirchlicher Angebote ist gerade in den Unterschichten sehr stark ausgeprägt. Umgekehrt ist die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und mit Grundfragen der menschlichen Existenz nicht selten ein Privileg der Gebildeten und Gutsituierten, die für so etwas Zeit und den intellektuellen Background haben.

Dem Schwund des Christentums im „alten Europa“ steht ein erstarkender Islam gegenüber. Worin unterscheiden sich die beiden Religionen hinsichtlich ihrer Vitalität und Präsenz?
Vor allem in der Art und Weise, wie sie heute ein Amalgam mit nicht-religiösen Interessen eingehen. Am offensichtlichsten ist die ethnische oder nationale Identitätsstiftung durch den Islam. Das sehen Sie sehr gut an den Zuwanderer-Communitys, in denen der Islam zu einer verbindenden Kraft wird, die Zusammenhalt und Hilfe bietet und das Selbstbewusstsein einer Gruppe unter erschwerten Rahmenbedingungen stärkt. Muslime oder deren Vertreter setzen den Islam auch ein zur Abgrenzung von der – einerseits als politisch oder ökonomisch als überlegen, aber andererseits auch als geistig-moralisch verkommen eingeschätzten – Kultur der westlichen Moderne. In dieser Funktion als „Identitätsmarker“ wird der Islam auch zu einem Faktor politischer und gesellschaftlicher Mobilisierung.

Viele Menschen fühlen sich durch die von Ihnen erwähnte Komplexität unserer Gegenwart überfordert und sogar bedroht. Da dürften ihnen die scheinbar eher einfachen Weltdeutungen durch die Religion gerade recht kommen.
Die anti-moderne Spitze insbesondere des religiösen Fundamentalismus bestätigt sozusagen negativ die Modernisierungstheorie: In der Abwehr der Moderne ziehen bestimmte Gruppen eine scharfe Grenze zwischen „uns“ und „den anderen“ . Allerdings sind es in den modernen Gesellschaften nur relativ wenige, die ihre religiöse Identität aus der Abgrenzung nach außen gewinnen. Die Mehrheit der Muslime in Deutschland setzt gerade nicht auf Rückzug, sondern auf Zugehörigkeit, Anerkennung und oft auch auf sozialen Aufstieg.

Wie stark löst die nicht-verfasste Religiosität die Bindung an die Kirchen als Institutionen ab?
Die individuelle, frei flottierende Spiritualität hat durchaus Zulauf, insbesondere bei Jüngeren, gut Gebildeten. Aber lange nicht in dem Maße, in dem die Menschen den Kirchen den Rücken kehren. Die These, die Menschen hätten ein konstantes inneres Bedürfnis nach Religiosität, halte ich für eine biologistische Behauptung, die sich empirisch nicht belegen lässt. Für die Mehrheit der Menschen sind religiöse Fragen oft nachrangig. Viele meinen, es gebe in ihrem Leben Wichtigeres.

Bleibt den Kirchen dann nur der Fatalismus nach dem Motto, „es ist eh schon egal, was wir tun“?
Das würde ich nicht sagen. Die Kirchen können nach wie vor viele Fehler machen – sei es durch zu große Anbiederung an die Moderne und ihre Trends, sei es durch eine Bunkermentalität. Beides würde die Negativ-Entwicklung verstärken. Zwischen den Extremen liegt das Feld der Bewährung. Hier geschieht ja nun auch viel Gutes, etwa im gesellschaftlichen Engagement der Kirchen, ihrem Einsatz für Flüchtlinge, ihrer Fürsorge für sozial Benachteiligte. Und die Kirchen versuchen gleichzeitig, den spirituellen Grund, die religiöse Dimension ihres Handelns deutlich zu machen. Das halte ich für den richtigen Weg. Das kann ihr zumindest mittelfristig einen verlässlichen Platz in der Gesellschaft sichern.

Wenn es keine „Rückkehr der Götter“ gibt, haben dann vielleicht Ersatz-Götter Konjunktur?
Menschen versuchen stets, die gemäßigte Zone ihres Alltags zu überschreiten. Das beginnt im Spiel, setzt sich fort in der Kunst und führt bis hin zu Extremsportarten mit Einsatz des eigenen Lebens. Auch die Religion gehört zu diesen Formen der Unterbrechung, der Transzendierung der Normalität. Aber sie ist eben nur eine Möglichkeit. Ich würde die anderen Versuche nicht unbedingt als religiös bezeichnen und sie damit vereinnahmen. Gemeinschaftserfahrungen und rituelle Inszenierungen von Sport- oder Medienevents können quasi-religiöse Gefühle erzeugen. Man kann diese kollektive Gärung als eine Form der Religion bezeichnen. Ich würde insgesamt eher von einer Quelle des Zusammenlebens sprechen, die ihr Wasser in verschiedene Läufe fließen lassen kann.

Interview: Joachim Frank

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