Die Iranische Revolution war eine Heimsuchung. Daran, dass sie die Hölle auf Erden war, lässt der Roman "Der Colonel" keinen Zweifel. Im Triumph des religiösen Fanatismus über eine Barbarei, wie sie das Schahregime weitergab, zeigte sich keine Erlösung. War doch nicht das Ringen um Gerechtigkeit die Ultima Ratio der Iranischen Revolution. Zur revolutionären Empfindung vor vierzig Jahren gehörte an erster Stelle die Gewissenlosigkeit, dazu war die Hemmungslosigkeit das hervorstechendste der Gefühle, um mit dem Feind kurzen Prozess zu machen - das jedenfalls ist die Lesart, die der jetzt auf deutsch erschienene Roman "Der Colonel" nahelegt, nein: aufdrängt.
Auch dieser Roman ist eine Heimsuchung, eine Lesemarter, wenn sie davon erzählt, mit welcher Raffinesse der Mensch dem Mitmenschen einen Tort antut. Fünfundzwanzig Jahre rang Mahmud Doulatabadi mit der literarischen Bewältigung der jüngeren iranischen Geschichte, zuletzt auf eine Veröffentlichung hoffend, wie der iranische Schriftsteller noch kürzlich in einem Interview äußerte. Doch erneut verweigerte die iranische Zensurbehörde die Publikation, auch brachten die Wahlen nicht die von Doulatabadi herbeigesehnte Wende, so dass die deutsche Übersetzung die "weltweite Erstveröffentlichung" ist. Sie stammt von Bahman Nirumand, der, wir kennen die Fotos, in der ersten Reihe der Anti-Schah-Demonstrationen stürmte, vor 40 Jahren in Berlin.
Der Colonel.
Aus dem Persischen und mit einem Nachwort v. Bahman Nirumand. Unionsverlag, 223 S., 19,80 Euro.
Doulatabadi gilt als einer der wichtigsten persischen Schriftsteller der Gegenwart, und tatsächlich ist seine Geschichte des Colonels, der zum Begräbnis seiner ermordeten Tochter von zwei Schergen des neuen Systems abgeholt wird, eine fiebrige Anstrengung, denn um sich dem Grauen ästhetisch gewachsen zu sehen, erzählt er aus unterschiedlichen Perspektiven, einer Verdichtung aus erlebter Rede, politischem Disput und auktorialer Distanzierung, aus Reflexion oder Hingabe an die Bauchgefühle. Mit der Geschichte des Colonels entfaltet sich kaleidoskopartig ein Familiendrama vor dem Hintergrund der Tragödie Persiens. Denn mit der Begegnung zwischen Vater und Sohn, der Alte ein Offizier der Schah-Armee, der Junge ein Parteigänger der marxistisch-leninistischen und ebenfalls über Leichen gehenden Tudeh-Partei, tun sich in drangvollen Nachfragen und traumatischen Nachforschungen Abgründe und Obsessionen auf.
In der Tat hat der Oberst, Vater von fünf Kindern, darunter zwei Töchtern, niemanden, der ihn stützt. Zu groß die Lügen, zu bösartig das Misstrauen - literarisch zu deutlich die politische Konstellation, in die Doulatabadi seine Figuren hineingestellt hat, als Repräsentanten des Politischen, als Vertreter (und Sprecher) der Lager: der Volksmudschahedin oder der Karrieristen unter Khomeini, der kommunistischen Partei, der Islamisten oder des Schahs.
So holzschnittartig dieses Tableau einer Umbruchzeit, so anschaulich dennoch die historische Tatsache, dass das Erhabene gerade dieser Revolution nicht im Engagement einer Gerechtigkeit lag, sondern in der Teilnahmslosigkeit der Gnade. Dies umso mehr, als zur entsetzlichen Erkenntnis der Lektüre gehört, dass die Folter, ihre permanente Präsenz, und sei es im Hintergrund, einer monströsen Vorstellung von Wahrheitsfindung dient - der Einsicht in die persönliche Schuld, angefangen von dem Mord des Colonels an seiner Frau, unter den Augen seines Ältesten, der nun unter erbärmlichsten Umständen im Keller des Elternhauses vor sich hinvegetiert, sich verzehrend nach selbstgewählter Isolation. Das mag man als politische Metapher lesen.
So soziologisch erschütternd, historisch informativ, so kulturell aufschlussreich und kompositorisch komplex Doulatabadis Roman ist - stilistisch ist er immer wieder dürftig. Von Stilblüten bedrängt, mäandern die Klischees, steif stehen Sätze: "So kam es auch, dass der Märtyrertod eines Kindes aus unserer Familie, obwohl er unbeschreiblich traurig war, uns keinen akzeptablen Grund zur Klage bot. (...) In dieser revolutionären Ausnahmesituation gerät die Familie, die Opfer erbracht hat, in die Zwickmühle widersprüchlicher Gefühle."
Es sei dahin gestellt, ob Doulatabadi, und das behauptet nicht nur sein deutscher Verlag, der "bedeutendste Schriftsteller des Iran" sei. Ein Romancier der Revolution wie etwa ein Juan Rulfo oder Isaak Baabel ist er nicht. Zweifellos ist Doulatabadi einer der populärsten Autoren des Iran, mit enormen Auflagen, so dass ihn die Zensur fürchten muss. Wenn man seinen Roman in diesen Tagen liest, eröffnet dieser nicht nur Einblicke in die persische Geschichte, weit über den Auftritt der Revolutionsgardisten Khomeinis hinaus.
Doulatabadi, Jahrgang 1940, gibt eine Lesart der Dynamik der Iranischen Revolution - und es sind alles andere als hehre Ideale, die die Figuren an die Front eines Furcht erregenden Märtyrertums treiben. Vielmehr sieht dieser Roman das Böse auf eine elementare Weise am Werk. Nicht nur ein Opfer ist es, das ins Gebet genommen wird, im Namen welcher Religion auch immer, steht doch die Bestialität im Dienst einer Räson, die man Niedertracht nennen muss.
Um die Folter zu kultivieren, so liest man mit Grausen, wurden auch in Persien außerordentliche Anstrengungen unternommen, wobei "Der Colonel" keinen Zweifel daran lässt, dass die Folterer der Gottesmänner auf den Schultern ihrer Vorgänger aus den Verliesen des Schahs standen. Wenn es heißt, "sein Gesicht sah aus wie eine mit dem Hammer zerstampfte Münze", dann konfrontiert der Roman nicht mehr mit einer verunglückten Formulierung. Damit gibt er eine Vorstellung vom Grauen selbst. Zu dieser Vorstellung, die dem Leser abverlangt wird, gehört am Ende auch die, dass die Köpfe, die gerollt sind, sich aufreihen zu einer Prozession. Man darf in diesen Kopflosen ein Aufbegehren der Vernunft sehen.