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Literatur

15. Juni 2015

IS Syrien Todenhöfer: „Die USA haben Chaos angerichtet“

 Von 
Jürgen Todenhöfer (2. v. l.) mit Abu Qatadah und anderen IS-Kämpfern in Mosul.  Foto: Privat

Der umstrittene und streitbare Autor Jürgen Todenhöfer spricht im FR-Interview über seine Kritiker und die Lage in Syrien.

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Herr Todenhöfer, kaum jemand polarisiert so wie Sie. Wie kommt das?

Weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht.

Das breite Publikum liebt Ihre Bücher über den Afghanistan- und den Irak-Krieg sowie über den „Islamischen Staat“. Manch einer nennt Sie Friedensengel. Ist das Lob oder Bürde?

Das mit dem Engel stimmt glücklicherweise nicht. Ich habe mir nur ein paar Ziele gesetzt, für die ich mich konsequent einsetze. Manchmal zugegebenermaßen mit unkonventionellen Mitteln. Erstens möchte ich mithelfen, dass es im Nahen Osten Frieden gibt. Alle aktuellen Konflikte in dieser Region waren friedlich lösbar. Weder der Irak- noch der Libyen-Krieg waren notwendig. Auch der Afghanistankrieg nicht. Mein zweites Ziel ist: So wie wir Deutsche uns mit den Franzosen ausgesöhnt haben, sollten wir unser Verhältnis zu Russland dauerhaft normalisieren. Russland ist unser logischer geographischer Partner – unter Beibehaltung des transatlantischen Bündnisses natürlich. Drittens möchte ich mithelfen, das Verhältnis zu den Muslimen zu verbessern. Ich wünsche mir mehr Respekt gegenüber dem Islam. So wie der größte Sohn Ihrer Stadt, Goethe, den Islam respektierte, ja bewunderte.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Sie hätten den syrischen Diktator Bashar al-Assad verteidigt, weil Sie angeblich fälschlicherweise behaupteten, er habe seinen Soldaten nicht befohlen auf Zivilisten zu schießen. Was sagen Sie dazu?

Was soll man zu soviel Ahnungslosigkeit über die innersyrische Lage sagen? Der Syrienkonfikt ist nicht so simpel, wie ihn einige Schreibtischstrategen dargestellt haben. Sie sind damit ja auch kräftig auf der Nase gelandet.

Sie haben zu Beginn des Bürgerkrieges den westliche Medien vorgeworfen, diese berichteten zu positiv über die Aufständischen. Und in einem Streitgespräch mit einem „Spiegel“-Kollegen haben sie gesagt, Assad habe damals keinen Schießbefehl gegeben…

Zur Person

Jürgen Todenhöfer war CDU-Bundestagsabgeordneter (1972-90). Von 1987 bis 2008 war er Vorstandmitglied des Medienkonzerns Burda. Als Autor kritisiert er die Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen.

Mit seinem Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ ist er auf Lesereise. Am 18. Juni ist er um 18 Uhr im Saalbau Frankfurt-Griesheim.

Gerade „Der Spiegel“ hat die Lage in Syrien jahrelang völlig falsch eingeschätzt. Das weiß der „Spiegel“, dessen Online-Dienst ich täglich lese, auch. Und die Leser des „Spiegel“ ebenfalls. Die meisten Medien und Politiker sagten ständig den baldigen Sturz Assads voraus. „Der Spiegel“ sprach von Verschwörungstheorie, wenn ich vor dem Wachsen des Terrorismus in Syrien warnte. Zu Assad: Selbstverständlich trägt Assad die politische Verantwortung für das unverantwortliche Vorgehen der syrischen Geheim-Polizei gegen die friedlichen Demonstranten in Daraa 2001. Das weiß Assad auch. Auch ohne Schießbefehl. Viele Menschen, die in Daraa spontan gegen die Inhaftierung ihrer Kinder protestierten, sind damals sinnlos getötet worden. Ich bin damals extra in das militärisch abgeriegelte Daraa gefahren. Und habe mit den Menschen gesprochen. Und bin übrigens genau von dem angesprochenen Geheimdienst festgenommen worden. Ich habe Assad persönlich aufgefordert, die Täter hart zu bestrafen.

Sie haben auch immer wieder die Waffenlieferungen aus einigen Golfstaaten kritisiert.

Viel zu oft wurde übersehen, dass es parallel zu den Demonstrationen einen schmutzigen Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran gab und gibt, in dem einige arabische Monarchien mit Zustimmung der USA Waffen an Extremisten und Terroristen in Syrien liefern. Sicher nicht um die Demokratie zu fördern. Aber mit katastrophalen Folgen. Ich habe versucht, all diesen Konflikte so zu beschreiben, wie ich sie vor Ort erlebt habe, egal ob ich dafür oft kritisiert werde. Und ich unterstütze mit dem Honorar meiner Bücher Opfer dieses Wahnsinnskrieges. Opfer des Regimes, Opfer der Extremisten. 50 syrische Kinder laufen mit Prothesen herum, die ich bezahlt habe. Gleichzeitig habe ich immer wieder versucht, mit meinen überschaubaren Mitteln politische Gespräche anzustoßen.

Und der Erfolg?

Ich habe beispielsweise entscheidend mitgeholfen, dass nach drei Jahrzehnten Gesprächsverweigerung erstmals wieder Gespräche zwischen den USA und Iran in Gang kamen. In Syrien habe ich mit Vertretern aller Kriegsparteien geredet, um herauszufinden, ob es eine friedliche Lösung gibt. Ich habe dem Weißen Haus mit Hilfe der Bundesregierung ein Verhandlungs-Angebot Assads übermittelt, das dramatische Zugeständnisse enthielt. Aber wie üblich weigerten sich die Kriegs-Helden in Washington, mit ihren Gegnern zu sprechen. Stattdessen lässt Washington nun zu, dass Saudi-Arabien die Al-Qaida-Filiale Jabbat Al Nusra ganz offen unterstützt. Das ist doch Irrsinn.

Ein anderer Vorwurf lautet, Sie verbreiteten platten Antiamerikanismus. So vertreten Sie die These, die radikalislamistischen IS-Terroristen seien Bushs Baby, seien Folge der US-Bombenangriffe.

Diese These ist ziemlich leicht zu beweisen. Die Vorgängerorganisation des IS entstand unmittelbar nach der Invasion der USA im Irak. Unter der Führung des Schlächters Zarkawi. Selbst Obama hat inzwischen offen eingeräumt, dass der IS wegen des Einmarschs in den Irak entstanden ist. Obama kann man ja kaum Antiamerikanismus vorwerfen, auch wenn die Republikaner ihn für dieses Geständnis heftig kritisiert haben. Die USA haben mit ihren Kriegen im Mittleren Osten ein unbeschreibliches Chaos angerichtet und den Terrorismus regelrecht gezüchtet. Zu Beginn des „War on terror“ gab es einige 100 internationale Terroristen, jetzt haben wir über 100 000. Die Kriegsbefürworter im Westen lagen doch ständig daneben, nicht ich. Denen sollten Sie Ihre harten Fragen stellen. Meine Voraussagen zu Afghanistan, Irak, Syrien oder Libyen sind leider alle eingetroffen. Dass die Gnadenlosigkeit und Ignoranz der amerikanischen Politik im Westen einfach so hingenommen wird, ist beschämend. Der Irakkrieg zum Beispiel war als mit Lügen begründeter Angriffskrieg ganz klar ein Kriegsverbrechen. Konsequenzen? Keine! Wir leben in einer feigen Welt.

Was sollte die Bundesregierung ändern, um den Konflikt mit dem IS zu lösen?

Die Bundesregierung hat sich in den meisten Konflikten im Mittleren Osten maßvoll verhalten, wenn wir mal von gewissen Waffenlieferungen absehen. Auch im Ukraine-Konflikt hat sie sich angemessen verhalten. Soweit das Nato-Bündnis das ermöglichte. Ich begrüße die Rolle des ehrlichen Maklers, die Merkel und Steinmeier übernommen haben, ausdrücklich. Allerdings könnte die schwarz-rote Regierung zusammen mit ihren türkischen Partnern mehr tun, um zu verhindern, dass die Dschihadisten aus Deutschland so leicht über die Türkei nach Syrien einreisen können. Das ginge mit relativ geringem Aufwand. Die Reisewege der deutschen Dschihadisten und die Rekrutierungslager des IS sind genau bekannt. Die Dschihadisten vor Grenzübertritt abzufangen wäre sinnvoller, als sie erst bei der Rückreise festzusetzen.

Was treibt Sie? Auch im Alter von 74 Jahren lebensgefährliche Reisen zu unternehmen?

Finden Sie das alt? Adenauer ist da gerade Bundeskanzler geworden. Solange ich noch einen klaren Gedanken fassen kann, werde ich mich für Verhandlungslösungen einsetzen – auch mit Politikern, die ich politisch ablehne. Das war übrigens das Erfolgsrezept Willy Brandts.

Planen Sie bereits ein weiteres Projekt?

Wenn ich Ihnen das sage, gefährde ich es. Ich habe meine Reisen nie angekündigt.

Interview: Andreas Schwarzkopf

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