Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

25. September 2014

Islamfeindlichkeit Studie: Mein Feind zeigt euch, wer ich bin

 Von 
Muslimische Konferenzteilnehmerinnen, in Deutschland würde die Mehrheit sie allein als Musliminnen wahrnehmen.  Foto: REUTERS

Eine Studie zur Anatomie der Islamfeindlichkeit in Deutschland: Die Frankfurter Soziologin Naime Çakir weist der Mehrheitsgesellschaft einen erstaunlich hohen "Bedarf an Ungleichheit" nach.

Drucken per Mail

Man muss Thilo Sarrazin für seine unbedarfte Offenheit dankbar sein. In einem Interview erzählte er vor vier Jahren, kurz nach Erscheinen seines Buches „Deutschland schafft sich ab“, dass er das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ ersetze habe, weil der Verlag (DVA) es so gewollt habe.

„Das war mir völlig egal“, bekannte Sarrazin: Diesen „Textentschärfungsvorschlägen“ sei er „brav wie ein Lamm“ gefolgt. Deshalb steht in seinem Buch immer Ethnie, wenn er Rasse meint.

Das Buch

Naime Çakir: Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland. transcript Verlag, Bielefeld 2014. 272 Seiten, 27,99 Euro.

Für die Frankfurter Soziologin Naime Çakir ist daran eine generelle Tendenz ablesbar, dass nämlich „die Bezeichnung Ethnie als euphemistischer Ersatz für den Begriff Rasse“ dient, als eine „modifizierte Rassen-Konzeption“. Und Sarrazin ist dabei keineswegs ein Einzelfall – er steht vielmehr für ein durchweg gängiges Denkmuster in Deutschland, das sich in allen Bildungs- und Sozialschichten findet.

Dennoch sind Rasse und Ethnie keine schlicht austauschbaren Begriffe. Vielmehr steht dieser Begriffswechsel für einen Neo-Rassismus, der nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Rassen postuliert, sondern die angeblich unvermeidliche Unterschiedlichkeit bestimmter Kulturen und Ethnien.

Am Beispiel der Islamfeindlichkeit legt Naime Çakir in ihrer Studie die Logik dieses neuen Rassismus offen. Sie tut dies sehr sorgfältig, frei von jeglichem populistischem Geschrei, auch frei von alarmistischen oder triumphalen Untertönen. Und sie verlässt sich in ihrer Deutung auch nicht auf empirische Daten – Statistiken allein sind immer stumm, sie verlangen nach Deutung und Offenlegung ihrer Methoden.

Das "Fremde" ist immer eine Beziehungskategorie

Deshalb setzt sich Çakir ausführlich mit den Theorien zur Konstruktion von Fremdheit auseinander, führt vor, dass es ein Fremdes an sich nie gibt, es dagegen immer als Beziehungskategorie auftritt: Selbst- und Fremdzuschreibungen sind Konstrukte eigener bzw. fremder Wirklichkeit, sie beruhen nicht auf „natürlichen“, unüberwindbaren Differenzen.

Entscheidend ist hier, dass das vermeintlich Fremde wesentlich dazu benutzt wird, die eigene Identität zu stiften und sichern. Dieser Mechanismus greift übrigens auch in interreligiösen oder interkulturellen Gesprächen, die zwar „in guter Absicht“ nach Verständigung suchen, dabei aber vom „Bedarf an Ungleichheit“ und Verschiedenheit leben.

Im Umgang der deutschen, nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft mit dem Islam offenbart sich das besonders drastisch: Der Islam wird als ethnisch verstandene Religionsgemeinschaft hingestellt, aus seinen komplexen religionsgeschichtlichen Hintergründen herausgelöst und als geschlossene, homogene Kultur wahrgenommen.

Unter diesem Blickwinkel erscheinen muslimisch geprägte Mitbürger vor allem und ausschließlich als Moslems, obwohl sie sehr viel mehr und anderes sind – und obwohl sich die christlich geprägte Mehrheit keineswegs „nur“ als Christen nimmt.

Solche „ganz alltäglichen“ Diskriminierungen prägen die politischen, sozialen und religiösen Debatten im Land. Daran sind, auch das zeigt Çakir, nicht nur die Terrorakte schuld, die im Namen des Islam begangen werden, sondern eben die tief sitzenden neo-rassistischen Motive, die im Islam einen „fremden Feind“, eine „andere Kultur“, eine „andere Ethnie“ zu erkennen meinen.

Insofern ist Islamfeindlichkeit, wie Çakir nachweist, eine neo-rassistische Erscheinungsform von „antiislamischem Ethnizismus“. Dass in den entsprechenden Zuschreibungen nichts sachlich Haltbares über „den Islam“ zu finden ist, gehört zur Logik dieses Rassismus. Das sagt beunruhigend viel über den inneren, mentalen Zustand dieser Mehrheitsgesellschaft: Sie ist augenscheinlich so tief verunsichert, dass sie glaubt, ihre Identität aus einem Feindbild Islam ableiten zu müssen.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige