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Literatur

15. März 2015

Israel bei der Leipziger Buchmesse: Kein „normales Land“

 Von 
Der israelische Schriftsteller Amos Oz auf der Leipziger Buchmesse.  Foto: dpa

Vernunft und Tragik beim Israel-Schwerpunkt in Leipzig. Auch Amos Oz hatte dort wunderbare Auftritte.

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Der Israel-Schwerpunkt der am Sonntag zu Ende gegangenen Leipziger Buchmesse verlief übersichtlicher als ein Gastland-Auftritt in Frankfurt, aber er brachte Gesprächsmöglichkeiten. Der neue Roman der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron, „Who the Fuck Is Kafka“, erschien jetzt zuerst in deutscher Sprache, weil der palästinensische Freund, der im Buch vorkommt (und die Titelfrage stellt), Sorgen hatte, sich in Kollaborationsverdacht zu bringen. Das Deutsche als neutrales Terrain, wer hätte sich das je vorstellen können.

Doron, 1953 als Kind von Holocaust-Überlebenden in Tel Aviv geboren, erzählte, wie ihr Freund seine Stimme aus dem Buch gestrichen habe, so dass es nurmehr ein Monolog sei. Und wie schwierig es ohnehin gewesen wäre, ein solches (so versöhnliches, so selbstverständliches, so differenziertes) Buch im israelischen Wahlkampf herauszubringen. Sie erzählte auch, wie sie selbst den palästinensischen „Feind“ gefürchtet habe, um dann festzustellen, dass ihre eigentlichen Feinde die Siedler und die Ultraorthodoxen seien.

Ihr Kollege Ayman Sikseck, 1984 in Jaffa geboren, in eine alteingesessene arabische Familie hinein, erzählte, wie surreal es sei, sich von Premier Netanyahu sagen lassen zu müssen, man gehöre nicht in dieses Land, in diese Stadt. Die israelische Gesellschaft verändere sich seit Jahren hin zum Vielfältigen, Netanyahu stehe auf verlorenem Posten. Sikseck schreibt auf Hebräisch, ein „automatischer, natürlicher Vorgang“ für ihn und zudem zwingend, wenn man in Israel als Araber gehört werden wolle.

Traumatisiert, drangsaliert

Warum keine schnelle Lösung, wurden beide von dem Autor Wolfgang Büscher gefragt und das Publikum applaudierte und man konnte den Eindruck haben, zwischen den Wörtern hätte keiner hingehört. Lizzie Doron wies nun darauf hin, dass die Ängste der jüdischen Israelis leider nicht nur irreal seien, das Land zudem kein „normales Land“, sondern ein von aus unterschiedlichen Gründen traumatisierten Menschen bevölkertes. Ayman Sikseck wies nun darauf hin, dass der Konflikt asymmetrisch sei, viele Palästinenser Juden nur als sie drangsalierende Soldaten kennengelernt hätten. Es war aufschlussreich und tragisch in einem geradezu archaischen Sinne, zwei Intellektuellen zuzuhören, die markanterweise doch nacheinander und nicht miteinander sprachen.

Wunderbare Auftritte hatte Amos Oz, der morgen selbstverständlich wählen gehen wird (und noch nie eine Wahl verpasst hat). Und der nicht aufgeben will, bis für zwei „verfeindete Familien“ ein Weg gefunden sei, mit dem beide leben können. Miteinander gehe es offenbar nicht. Obwohl es Büscher beeindruckt hatte, wie in Jerusalem freitags die drei Religionen getrost aneinander vorbei zu ihren heiligen Stätten drängten. Er plädierte für ein „friedliches Ignorieren“.

Es hätte übrigens auch schrecklich peinlich werden können. Die ersten Töne der Buchmesse waren bei der Eröffnung die Ouvertüre zu Wagners „Meistersingern“, ein überdurchschnittlicher Missgriff, selbst ohne israelische Delegation im Saal. Das Orchester übte offenkundig fürs bevorstehende Sinfoniekonzert. Ja, man muss sich bei einer solchen Veranstaltung wirklich um alles selbst kümmern.

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