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Literatur

01. Januar 2016

Israel und Palästinenser: Ministerium geht gegen Liebesroman vor

Die israelische Schriftstellerin Dorit Rabinjan mit ihrem Roman "Borderlife". Das israelische Bildungsministerium will das Buch aus politischen Gründen nicht in den Lektürekanon für Schulen aufnehmen.  Foto: afp

Eine Entscheidung des israelischen Bildungsministeriums sorgt für Aufregung: Die Beamten lehnen es ab, einen Roman, der eine Liebesbeziehung zwischen einem Palästinenser und einer Israelin beschreibt, in den Lektürekanon für Schulen aufzunehmen.

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In Israel hat das Bildungsministerium mit einer heiklen Entscheidung Empörung unter Künstlern und Intellektuellen ausgelöst. Die Beamten lehnten es am Donnerstag ab, den 2014 veröffentlichten Roman "Borderlife" der Schriftstellerin Dorit Rabinjan in den Lektürekanon für Schulen aufzunehmen. Der Grund: In dem Buch beschreibt die Autorin eine Liebesbeziehung zwischen einem Palästinenser und einer Israelin - für Nationalreligiöse in Israel ein Tabubruch.

Die Behörde lieferte lediglich eine dürre Erklärung ohne Begründung der Ablehnung: Nachdem das Ministerium alle Empfehlungen "ernsthaft" erörtert sowie "Vorteile und Nachteile" abgewogen habe, hätten die Beamten entschieden, das Buch "nicht in den Lehrplan aufzunehmen". Zuvor hatte eine vom Ministerium unterstützte Kommission das Buch als Schullektüre empfohlen.

Chef des Bildungsministeriums ist Naftali Bennett, der Vorsitzende der nationalreligiösen Partei Jüdisches Heim. Die für die Maßnahme zuständige Ministeriumsmitarbeiterin Dalia Fenig begründete den Schritt in der Presse mit der Gefahr, das Buch könne zur Assimilation von Israelis und Palästinensern ermutigen. Der Zeitung "Haaretz" sagte Fenig: "Intime Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden und sicherlich die Option, sie durch Heirat zu formalisieren und eine Familie zu gründen - selbst wenn dies in der Erzählung nicht zur Verwirklichung kommt - wird von vielen in der Gesellschaft als Bedrohung der getrennten Identitäten gesehen."

"Haaretz"-Kommentator Alon Idan warf der Behörde vor, "die Reinheit des jüdischen Bluts schützen" zu wollen und eine "institutionalisierte Rassentheorie" zu vertreten. Auf den Punkt gebracht könne es nur eine Interpretation der Haltung des Ministeriums geben: "Juden und Arabern ist Sex miteinander verboten."

Namhafte Autoren empören sich

Der international renommierte Autor und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Amos Oz, warb in einer lakonischen Stellungnahme dafür, auch die Bibel auf den Index zu setzen, wenn es um das Problem von "sexuellen Beziehungen" zwischen Juden und Nicht-Juden gehe. Die Könige David und Salomon hätten "mit Ausländern geschlafen, ohne sich darum zu kümmern, ihre Nationalität oder ihre Ausweise zu überprüfen". Andere Autorenkollegen wie Abraham B. Jehoschua empörten sich, dass Ministerium "versteht nichts von echter Literatur". Rabinjans Buch sei ein "großes und tiefes" Werk.

Rabinjan wurde für ihren Roman mit dem renommierten Bernstein-Literaturpreis ausgezeichnet, englisch-, französisch- und deutschsprachige Verlage erwarben die Buchrechte. Die laut Rabinjans Agentin Deborah Harris biografisch inspirierte Geschichte handelt von der israelischen Übersetzerin Liat und dem palästinensischen Künstler Hilmi, die sich in New York ineinander verlieben, bevor sie nach Tel Aviv und Ramallah im besetzten Westjordanland zurückkehren müssen. Das Verbot werde den Verkauf fördern, freute sich Harris.

Minister Bennett verteidigte am Donnerstagabend zwar die Entscheidung, stellte aber zugleich klar, dass er nicht daran beteiligt gewesen sei: Im Übrigen habe das "nichts mit Zensur zu tun", sagte er im Fernsehen. "Jeder der das Buch lesen will, kann es kaufen." Das Buch beschreibe jedoch israelische Soldaten als "Sadisten" und stelle sie mit "Terroristen" gleich.

Rabinjan selbst nahm die Entscheidung mit Ironie zur Kenntnis: "Offenbar glaubt irgendjemand im Bildungsministerium weiter daran, dass Literatur die Macht hat, die Dinge im formbaren Bewusstsein der Jugend zu ändern (...), das scheint mir ein Anlass für Optimismus zu sein."

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