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Ivan Nagels "Gemälde und Drama": Bild, Drama und Ich

Was die Kunst mit uns tut, erläutert der Dramatiker Ivan Nagel: Der Maler ist ins Theater gegangen, um der Handlung jenen Moment abzuschauen, der den Konflikt am sichtbarsten zu machen. Von Arno Widmann

Masaccio: Christus, Petrus, der Zöllner. Ausschnitt aus dem Zinsgroschen. Fresco in der S. Maria del Carmine in Florenz.
Masaccio: Christus, Petrus, der Zöllner. Ausschnitt aus dem "Zinsgroschen". Fresco in der S. Maria del Carmine in Florenz.
Foto: Suhrkamp Verlag

Europa kennt das Andachtsbild und das Historienbild. Auf dem einen sieht man den Gekreuzigten, die Jungfrau Maria, auf dem anderen wird eine Geschichte erzählt. Das eine zwingt in die Knie, das andere zum genauen Betrachten. Der Unterschied ist leicht zu erkennen. Ein bloßes Kruzifix erzählt keine Geschichte. Die Kreuzigungsszene sehr wohl.

Die thronende Maria erwartet unsere Anbetung. Sitzt sie dagegen auf ihrem Thron umgeben von Heiligen, dann handelt es sich womöglich um eine Sacra Conversazione. Wir sind - ohne es uns klargemacht zu haben - schon auf der Bühne. Die Rede ist von einer Szene, von einem Dialog. Die Geschichte des europäischen Historienbildes ist ein Stück Theatergeschichte.

Das Buch

Ivan Nagel: Gemälde und Drama: Giotto, Masaccio, Leonardo. Suhrkamp-Verlag Frankfurt 2009, 350 Seiten, 48,80 Euro.

Der 1931 in Budapest geborene Ivan Nagel ist dieser Geschichte nachgegangen. Nicht als Theaterfachmann - er war einer der wichtigsten Dramaturgen und Intendaten des bundesrepublikanischen Nachkriegstheaters - sondern als Kunsthistoriker. Er zeigt den Weg der Historienmalerei von Giotto bis Leonardo.

Von Giottos Gefangennahme Christi in der Capella degli Scrovegni in Padua bis zu Leonardos Abendmahl in Mailand. Bei dieser Art von Historienbild geht es um die Vergegenwärtigung einer alten Geschichte. Es geht darum, Texten Leben einzuhauchen. Buchstaben werden zu atmenden, sprechenden, schwitzenden Körpern.

Die Körper sind nicht mehr erstarrte Ikonen, sondern stehen vor dem Betrachter. Sie stehen dort im Rahmen des Bildes wie auf einer Bühne. Sie sind nicht unmittelbar der Wirklichkeit abgeschaut, sondern dem Drama. Der Maler ist beim Dramatiker in die Schule gegangen, um der Handlung jenen Moment abzuschauen, der den Konflikt, um den es geht, am sichtbarsten zu machen. Wie dem Dramatiker zerfällt auch dem Maler das Kontinuum des wirklichen Lebens in Szenen.

In ihnen kristallisiert eine Konstellation. In ihnen bricht die Geschichte auf. Sie wird sichtbar. Durch Interpretation. Man lese Ivan Nagels Seiten zu Masaccios "Zinsgroschen" in S. Maria del Carmine in Florenz. Hier wird vorgeführt, wie Masaccio die Passage aus dem Matthäus-Evangelium ebenso willkürlich ummodelt wie ein Regisseur es heute mit den Klassikern tut. Masaccio macht aus Petrus einen grimmigen Aufrührer, der von Jesus zurechtgewiesen wird.

Ivan Nagel weist darauf hin, wie sehr diese persönliche Lesart noch eingebunden ist in den beschränkten Vorrat der überlieferten Gesten. Wir lernen von und mit ihm zu sehen, wie die Körper sich emanzipieren aus der Formelsprache, durch die sie doch einst von der Ikone sich erst befreiten.

Der Weg von der Idee ins Leben führte über die Bühne und über die Dramatisierung von Geschichte. Er führt das - darauf weist Nagel immer wieder hin - immer noch. Wer eine Geschichte erzählt, der dramatisiert sie. Wie die Perspektive bedarf die Erzählung eines Fluchtpunktes. Nur so begreifen wir Geschichte, uns selbst. Auf diesem Wege entsteht vieles, das nur prunkt damit, dass es lebensecht scheint.

Wenn es uns wirklich berührt, dann geschieht durch die Vergegenwärtigung der Geschichte, durch die Belebung des Buchstabens hindurch etwas ganz Anderes: Es teilt uns etwas mit über uns.

Leonardos Mailänder Abendmahl, schreibt Ivan Nagel, hat "zum wahren Thema das Thema von Leonardos Leben und Kunst: das Wissen." Die Zwölf stehen zwar in der Geschichte, sie sind dabei. Sie wissen aber nicht, was passiert. Von Judas´ Verrat ahnen sie nichts. Nur der Eine, der in der Mitte, der weiß Bescheid. Aber das hilft ihm nicht in der Welt. Es bessert nicht seine Lage. Nein, es nimmt ihn heraus aus der Gemeinschaft. Es lässt ihn vereinzeln. Mitten unter den anderen ist er allein.

So entsteht nach dem Durchgang durch die Geschichte, nach ihrer dramatischen Zuspitzung wieder eine Ikone. Nicht mehr des Göttlichen, sondern das Göttliche erscheint als eine Metapher für die Lage des Menschen. Der dramatisch zuspitzende Erzähler hält die Handlung an - genau in dem Augenblick, da er sich in ihr wiedererkennt. Er belehrt nicht mehr durch das, was er gelesen, erforscht und verstanden hat, sondern er zeigt sich.

In ihm erkennt und verkennt sich der Betrachter. Er muss die Geschichte nicht mehr verstehen. Er identifiziert sich mit ihr. Er wird durch Bilder gebildet. Wir täten gut daran, Ivan Nagels Buch noch einmal zu lesen. Nicht als Aufklärung darüber, was wir mit den Bildern taten, sondern als einen Versuch zu begreifen, was die Bilder mit uns tun und tun werden.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  16 | 11 | 2009
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