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Alain Ehrenberg "Das Unbehagen in der Gesellschaft": Jammern auf hohem Niveau

Dass die Seele leidet ist heute ein anerkannter Massenbefurn. Doch warum schwächelt das autonome Ich? Alain Ehrenbergs Studie über „Das Unbehagen in der Gesellschaft“ untersucht dieses Phänomen.

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg.
Der französische Soziologe Alain Ehrenberg.
Foto: Public Domain

Wenn die Seele leidet, kann man heutzutage allerhand dagegen tun. Ein kaum zu überblickender Psycho-Markt bietet Hilfe in Form von blumig klingenden Anwendungen ebenso üppig an wie fein gegeneinander abgegrenzte Therapien. Ob Burnout oder Augenflimmern: Der einzelne ist dauernd mit Rückrufaktionen in die Werkstätten des Ichs konfrontiert, hofft auf Linderung oder investiert in Runderneuerung.

Sehr oft haben aber auch die anderen etwas damit zu tun. Wir sprechen allgemein von Volksgesundheit und erheben neu entstandene Krankheitsbilder zu Zivilisationskrankheiten. Die Existenz sozialer Leiden ist uns so gewiss wie die Vorstellung, dass der Zustand der Welt an die Nieren gehen kann. Der Zusammenhang zwischen psychischen Leiden und gesellschaftlichen Entwicklungen scheint evident, und die Bände zur Deutung psychosozialer Phänomene füllen eine stattliche Bibliothek.

Kaum einer dürfte sich in den letzten Jahren umtriebiger zwischen deren Regalen bewegt haben als der französische Soziologe Alain Ehrenberg. In seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ hatte er am Beispiel der Depression eine Art Medizin- und Sozialgeschichte des vergangenen Jahrhunderts rekonstruiert, in der die Depression als Krankheit einer Gesellschaft beschrieben wird, die sich nicht mehr auf Disziplin, Schuld und Fremdzwang gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative. Von autoritärem Druck weitgehend befreit, sind es gerade die hinzugewonnenen Wahl- und Handlungsfreiheiten, die die Menschen in den postindustriellen Gesellschaften samt ihrer prekären Beschäftigungsverhältnisse an den Rand der Erschöpfung treiben.

Misstrauisch geworden

Trotz der enormen Beachtung, die seine Studie fand, muss Ehrenberg im Verlauf der Jahre misstrauisch geworden sein. Gut zwölf Jahre später tritt er jedenfalls ein paar Schritte hinter die schlüssige Formel seines vorhergehenden Buches zurück, der zufolge die Befreiung des Individuums aus Traditionen und Bindungen zu pathologischen Selbstfesselungen führt. In seiner umfangreichen Untersuchung über „Das Unbehagen in der Gesellschaft“ stellt Ehrenberg nunmehr die skeptische Frage, wie es um den allzu evident erscheinenden Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und gesellschaftlichen Dynamiken bestellt ist.

Weit davon entfernt, die sozialen Ursachen von psychischen Erkrankungen zu bestreiten, ist er um eine Entzifferung des Klagesounds bemüht, durch den mit beachtlicher Resonanz die gesellschaftlichen Aspekte der individuellen Erschütterungen erklärt wird. Die Textproduktion über Themen wie das „Zeitalter des Narzissmus“ oder den „Verfall und das Ende des öffentlichen Lebens“ nahm in den zurückliegenden Jahrzehnten kontinuierlich zu. Wie viel gesellschaftliches Konfliktpotenzial, fragt Ehrenberg, steckt tatsächlich in den Problemen mit dem selbstbestimmten Leben? Und was bedeutet das für die Gesellschaftskritik?

Bei seiner Untersuchung eines Transfers klinisch-psychologischer Phänomene in soziologische Theorien stieß Ehrenberg auf erstaunliche Unterschiede und nationale Stereotypen. Während die amerikanische Lesart der Pathologien des Ideals stets auf Krisen des Persönlichkeitsbegriffs hinausläuft, steht die französische im Zeichen einer Krise der Institutionen. „Der amerikanische und der französische Individualismus“, konstatiert Ehrenberg, „weisen in ihren Konzeptionen von Gleichheit und Freiheit starke Kontraste auf. (…) Der Begriff der Autonomie spaltet die Franzosen, während er die Amerikaner vereint. (…) In Amerika ist der Begriff der Persönlichkeit eine Institution, während in Frankreich die Berufung auf die Persönlichkeit als Entinstitutionalisierung erscheint.“

Konstante der Geschichte

Die Krise des Selbst ist in den USA unterdessen längst zu einer Konstante der amerikanischen Geschichte geworden. Das gesellschaftliche Unbehagen hat verschiedene Stimmungslagen und es liegen ihm wechselnde Identitätskonzepte zugrunde. Es ist gewissermaßen ein Jammern auf hohem theoretischem Niveau, dem Ehrenberg in seinem ambitionierten Durchgang durch die Geschichte der Psychologie immer wieder begegnet. Ehrenberg macht dabei keineswegs einen forcierten Kapitalismus allein für das schwächelnde Ich verantwortlich. Die Autonomiekrisen gehen vielmehr auch aus einer nicht vollständig in Anspruch genommenen Freiheit hervor.

In den Versuchen von Philosophen, Psychoanalytikern und Soziologen, die Dynamik der Individualisierung durch anthropologische Umwälzungen zu erklären, findet Ehrenberg oft nur starke Formulierungen, die sich insbesondere in Frankreich auf individualistische Klischees stützen. „Offenbar haben wir noch immer nicht das Hauptproblem überwunden“, resümiert Ehrenberg, „das die Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft darstellt.“ Die gefällige Verschränkung von Psychologie und Soziologie hat unterdessen eine Gesellschaftskritik hervorgebracht, die ihre steilen Thesen allzu oft aus dem Trüben fischt. So sei in Frankreich lediglich ein illusionär autonomes Ich entstanden, das auf Schutz durch die Gesellschaft beharrt, während in den USA auf ein autonomes Ich gepocht werde, das auf staatlichen Schutz demonstrativ verzichte. Im Namen der Autonomie wird mehr oder weniger unbewusst immer wieder auch an der Destabilisierung der Autonomie gearbeitet.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma sieht Ehrenberg insbesondere in einer Theorie der Anerkennung, wie sie der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth formuliert hat. „Der Begriff der Anerkennung liefert also einen positiven Grund, um gegen die neuen Formen der Unterdrückung und Entfremdung zu kämpfen, die von der Autonomie oder vielmehr von ihrer Verirrung erzeugt werden.“ Das Konzept der Anerkennung verleihe der Gesellschaftskritik, so Ehrenberg, trotz des Endes ihrer revolutionären Hoffnung Leben, indem sie das in die Gegenwart zurückbringe, was sie versprochen habe: eine echte Befreiung des Individuums, bei der Selbstachtung in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Bühne gestellt werde.

Es ist nicht immer leicht, Ehrenbergs Argumentation zu folgen. Die Geduld des Lesers wird aber mit einem reichen Interpretationsangebot belohnt, sich einen Begriff vom Leiden am Ich und an der Gesellschaft zu machen.

Alain Ehrenberg: Das Unbehagen in der Gesellschaft. A. d. Frz. v. Jürgen Schröder. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 531 Seiten, 29,90 Euro.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  30 | 5 | 2011
Kommentare:  2
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