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Literatur

12. März 2015

Jan Assmann "Exodus": Die Gewalt des Monotheismus

 Von Dirk Pilz
Moses zerbricht die Gesetzestafeln.  Foto: imago stock&people

An diesem Buch wird der Leser nicht vorbeikommen: an Jan Assmanns neuem großartigen Buch über Religion und Glaube „Exodus. Die Revolution der Alten Welt“. Der Kulturwissenschaftler erläutert die Entstehung des Monotheismus.

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Dieses Buch wird in fünfzig Jahren noch gelesen werden. Es wird Debatten geben, Erwiderungen, Einwände. Aber man wird an ihm nicht vorbeikommen.

Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat über die Entstehung des Monotheismus geschrieben, jene „Wende in der Geschichte der Menschheit“, die für ihn einen „evolutionären Einschnitt ersten Ranges“ darstellt.

Das ist Assmanns Thema seit langem, aber in sehr verschiedener Weise. In „Moses der Ägypter“ (1998) ging es ihm darum, eine verdeckte Traditionslinie in den Blick zu bekommen, in der das Alte Ägypten nicht als überwundene, sondern als untergründig fortwirkende Kraft der europäischen Religions- und Geistesgeschichte erscheint. In „Die Mosaische Unterscheidung“ (2003) untersuchte er den „Preis des Monotheismus“, nämlich die mit dem Monotheismus in die Welt gekommene Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion.

Keine These ist in den vergangenen Jahren kontroverser diskutiert worden, vor allem, weil Assmann die Vermutung formulierte, der so entstandene Monotheismus enthalte notwendig „ausgrenzende Gewalt“. Vor gut einem Jahr erschien der von Rolf Schieder herausgegebene Band „Die Gewalt des einen Gottes“ (Berlin University Press, 360 S., 29,90 Euro); er dokumentiert nicht nur die von Assmann ausgehende Monotheismusdebatte, sondern enthält auch einen Text Assmanns, mit dem er sein Konzept der „mosaischen Unterscheidung“ korrigiert. Nicht die Differenz von wahr und falsch sei entscheidend, sondern jene von Treue und Untreue. Entscheidend für das Verständnis des Monotheismus, von Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen, sei es, den Glauben als „Sache liebender Treue“ zu begreifen. Assmann spricht deshalb von einem „Monotheismus der Treue“.

Eine folgenreiche Geschichte

Mit seinem neuen Buch legt er in aller wünschenswerten Genauigkeit dar, was damit gemeint ist. Assmann untersucht das Buch „Exodus“, in der christlichen Bibel als 2. Buch Mose geführt. Es enthalte, sagt er, „die wahrscheinlich grandioseste und folgenreichste Geschichte, die sich Menschen jemals erzählt haben“. Es ist die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, von den zehn Plagen und der wundersamen Errettung, von der Berufung Moses und seiner Begegnung mit Gott, dem Bundesschluss auf dem Sinai, dem Abfall des Volkes von Gott mit der Anbetung des Goldenen Kalbes, der Einsetzung der Zehn Gebote und der Errichtung der Stiftshütte.

Ob diese Berichte auf wahren historischen Begebenheiten beruhen, ob Mose Ägypter war, wie Sigmund Freud in seinem letzten Buch vermutete – das sind Fragen, die für Assmann ins Leere führen. Er schildert eingehend die historischen Hintergründe, lässt den Leser überhaupt an seinem einschüchternd reichen religions- und geistesgeschichtlichen Wissen teilhaben. Aber er will vor allem zeigen, wie die Exodus-Geschichten Geschichte gemacht haben, will ihre „mythischen Kerne“ freilegen, ihre „lebensgründende und lebenserschließende Kraft“.

Mythen, sagt er, helfen eine Identität auszubilden, um so zu wissen, wer man ist, wohin man gehört. In diesem Sinne widme sich das Buch Exodus „den beiden wichtigsten Fragen, die die Menschen von jeher beschäftigen: der Frage nach Gottesnähe und der Frage, wer ‚wir‘ sind“. Sie gewinnen in der hebräischen Bibel „eine ganz spezifische Form“, denn wer ‚wir‘ sind, bestimme sich danach, „was Gott mit ‚uns‘ vorhat“. Eine Frage, die sich die alten Ägypter etwa nie gestellt haben.

Was Gott mit seinem Volk Israel vorhat, offenbart sich vor allem in der Erwählung eben dieses Volkes zu „Gottes Eigentum“ und im Bundesschluss am Sinai. Assmann liest den Exodus-Text sehr genau, zeigt, dass der Auszug aus Ägypten Befreiung und Auftrag, Erwählung dabei aber keineswegs Erhöhung bedeutet und Bundesschluss nicht nur Auszeichnung, sondern auch Verpflichtung ist. Der Zorn Gottes und die Furcht der Menschen gehören genauso zu diesem Bund, wie göttliche Liebe und Zuwendung. Entscheidend für die damit entstehende neue Religion ist das Gedächtnis, die fortwährende Erinnerung an die Befreiung, geknüpft an die Verheißung eines „gelobten Landes“.

Die Treue entsteht

Mit dem Bundesgedanken kommen, so Assmann, die Unterscheidungen zwischen außen und innen, Freund und Feind in die Welt. Vor allem aber entsteht die Treue als wesentliches Moment der Gott-Mensch-Beziehung, mit einer folgenreichen Pointe: „Treu oder untreu kann man nur sein, wo es Alternativen gibt.“ Dass es andere Religionen gibt, ist auf diese Weise immer schon anerkannt – das ist im Kern ein Versöhnungsangebot, trotz aller Exklusivität des Bundesgedankens.

Denn Treue und Wahrheit fallen in der Exodus-Geschichte in eins zusammen: „Wahr ist, was sich bewährt.“ Wahrheit ist keine Sache jenseits der Geschichte, sondern immer nur aus dem konkreten Geschehen heraus zu ersehen, dem Auszug aus Ägypten etwa. Wahrheit wird zu etwas, das es zuvor in der Alten Welt nie war. Gemeinsam mit Harald Strohm hat Assmann parallel einen Band zu „Vielfalt und Geschichte des religiösen Menschen“ (Homo Religiosus, Wilhelm Fink, Paderborn, 358 S., 44,90 Euro) herausgegeben; in ihm schildert Assmann den Tod als „Urszene religiöser Erfahrung“, zeigt, wie die Ideen von Rechtfertigung und Unsterblichkeit in die Welt kamen – und wie groß die Unterschiede zum biblischen Monotheismus sind. Das „weltverändernd Neue“ eines „Monotheismus der Treue“ macht Assmann immer wieder im Vergleich zum alten Ägypten deutlich, auch in „Exodus“.

Jan Assmann hat kein theologisches Buch geschrieben, Theologen werden seiner Exodus-Lektüre zu widersprechen wissen, vor allem, weil er sich keinen Begriff von Erlösung macht; zudem ist gerade unter jüdischen Theologen die „Erwählung Israels“ sehr umstritten, bis hin zur völligen Ablehnung. Er hat auch kein Buch über das Judentum oder den Staat Israel und seine gegenwärtige Politik geschrieben. Exodus“ ist ein sehr gut lesbares Buch über die Entstehung einer neuen Religion, eines Denkens, das die europäische Geistesgeschichte bis in die feinsten Fasern hinein geprägt hat – und noch heute prägt. Wenn man wissen will, wer wir Europäer heute sind, muss man dieses Buch lesen.

Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt. C. H. Beck Verlag, München 2015, 493 Seiten, 29,95 Euro.

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