Literatur

29. Dezember 2012

Jane Austen „Stolz und Vorurteil“: Kein Wort über Sex

 Von Arno Widmann
Keira Knightley als Elisabeth Bennet in Joe Wrights Verfilmung von "Stolz und Vorurteil" aus dem Jahre 2005 Foto: UIP/Cinetext

Vor 200 Jahren erschien Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ – eines der Bücher, mit denen die Geschichte des modernen Romans in Europa begann. Viele fragen sich, warum „Stolz und Vorurteil“ heute noch oder wieder ein solcher Erfolg ist.

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Am 28. Januar 1813 erschien in drei Bänden „Pride and Prejudice“ von Jane Austen (1775–1817). Die erste Auflage – es ist von 1000 oder 1500 Exemplaren die Rede – wurde schon nach einem halben Jahr durch eine zweite Auflage (750 Exemplare) ersetzt. Ein beeindruckender Erfolg. Mit dem Jane Austen wohl nicht gerechnet hatte, sonst hätte sie ihr Manuskript dem Verleger Thomas Egerton und seiner Military Library wohl nicht für 110 Pfund überlassen. Einzelne Exemplare dieser Erstausgabe sind zurzeit für Beträge zwischen 47.000 Euro und knapp 59.000 Euro zu haben.

Mehr als zwanzig Millionen Exemplare sollen inzwischen weltweit von „Stolz und Vorurteil“ – so der Titel der deutschen Übersetzungen – verkauft worden sein. Das ist eine bescheidene Zahl angesichts von zwei bis drei Milliarden Bibeln. Aber auch neben Joanne K. Rowling, die allein von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ innerhalb von fünf Jahren 44 Millionen Exemplare verkaufte, nimmt sich Jane Austens Welthit „Pride and Prejudice“ bescheiden aus. Hören wir mit den deprimierenden Vergleichen auf.

Ein Exemplar der Erstausgabe. Heute gibt es das Gesamtwerk von Jane Austen kostenlos im Internet.
Ein Exemplar der Erstausgabe. Heute gibt es das Gesamtwerk von Jane Austen kostenlos im Internet.
Foto: LibraryPoint

„Stolz und Vorurteil“, inzwischen auch kostenlos im Internet verfügbar, ist ein Zeitroman. Er spielt nicht nur um 1800, er will auch den Ton jener Jahre treffen. Er will genau sein. Er ist es, aber ohne jede Pingeligkeit. Er ist witzig, sarkastisch manchmal und von sprühender Intelligenz. All das wird aufgewandt, nicht um Palastintrigen, diplomatische Verwicklungen, kriegerische Heldentaten zu schildern. Auch hier werden Schlachten geschlagen, große Kriege geführt, aber es geht dabei immer nur darum: Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht?

Eine Frage der Konstellation

Der Leser weiß, wer zusammengehört und wer nicht. Er weiß es vor den Akteuren. Er weiß nur nicht, ob es ein Happy End geben wird. Die Spannung des Buches wird immer wieder neu belebt. Jetzt gerade hat Elizabeth gemerkt, dass sie Darcy liebt oder doch lieben könnte. Jetzt aber mag er nicht. Als er dann will, will sie nicht.

Ob es klappt mit der Paarung, das ist nicht nur eine Frage der Charaktere, schon gar nicht, wie mancher oberflächliche Austen-Leser anzunehmen geneigt ist, eine des Standes. Es ist ganz wesentlich eine Frage der Konstellation. Der äußeren natürlich – die beiden müssen sich begegnen können –, aber dann auch wesentlich der inneren. Sie müssen bereit für einander sein. Sie müssen die sie trennenden Vorurteile, den sie isolierenden Stolz ablegen, um frei aufeinander zu gehen zu können.

Dazu brauchen sie Distanz und Nähe. Sie müssen einander beobachten können, und sie müssen für sich sein, um über sich und den anderen nachdenken zu können. In „Stolz und Vorurteil“ wird viel nachgedacht. Über das Geld und den Stand, über Aufrichtigkeit, über Großherzigkeit, über das Aussehen und den Eindruck, den der andere macht, und den, den man mit dem anderen macht. Die Distanz ist auch nötig, um zu erfahren, ob man den anderen wirklich vermisst oder ob es sich nicht sogar besser lebt ohne ihn und seine Aufregungen.

Darunter freilich gibt es das Streben nach Glück, das man besser nicht Streben nennt, sondern eine Sehnsucht, ein Verlangen nach Nähe, nach jemandem, der mit einem lacht und mit einem weint. Mehr jedenfalls als nach jemandem, der einen zum Lachen bringt, wenn man weint. Die Frauen mögen auch in „Stolz und Vorurteil“ den starken Mann lieben, den Beschützer, aber mehr noch suchen sie einen Partner ihrer Gefühle.

Wirkliche Menschen in wirklichen Sesseln

So ganz einfach ist das nie. Aber hier wird es bei der Protagonistin, bei Elizabeth besonders schwierig, denn sie ist witzig, brillant und allen anderen – vor allem den Herren – an Intelligenz deutlich überlegen. Dass aber auch sie jemanden sucht, der ihre dunkle Seite annimmt, ihr heraushilft aus den Anfällen von Melancholie, die sie erschüttern, das ist schwer zu begreifen, angesichts von so viel Souveränität.

Es macht den Reiz dieses Buches aus, dass das auch für es selbst gilt. Jane Austen schrieb einmal in einem Brief, sie hoffe, ihr Buch sei nicht „zu leicht, zu hell, zu spritzig“. Zu geht doch gar nicht, denkt der Leser, der das Buch nicht kennt. Aber natürlich gibt es das Problem, einerseits einen realistischen Roman zu schreiben mit wirklichen Menschen, die in wirklichen Sesseln miteinander reden, so wie wirkliche Menschen reden, sich also nicht gegenseitig mit Vorträgen langweilen.

Andererseits aber wissen wir, wie selten unsere Unterhaltungen witzig sind und leicht und hell. Niemand ist so schlagfertig wie die jungen Leute hier. So etwas entsteht nicht als Protokoll-Literatur. So etwas gibt es nur, wenn man wieder und wieder an einem Text arbeitet. Wenn jeder Dialog zig Mal hin und her gewendet wird. Dann erst entsteht jener Schwung, jene Leichtigkeit, die auch den Leser leicht werden lässt und behend. Jetzt hat er – einen glücklichen Augenblick lang – gar das Gefühl, mitreden zu können in „Stolz und Vorurteil“.

Wenn Jane Austen uns so weit hatte, ging sie den Text noch einmal durch, schaute, dass wir nicht abgestoßen werden von ostentativer Brillanz, von einer Einfallslust, die zu offensichtlich sich auf dem Papier erregt und betätigt statt in einem Salon oder im Garten. Hier strich sie ein gar zu glattes Adjektiv, dort verzichtete sie auf die eine oder andere Sentenz. So raute sie den Text wieder auf, gab ihm Schatten und Tiefe. Dann schrieb sie weiter, feilte und feilte, bis der nächste Dialog wieder glänzte und er und wir mit ihm abzuheben beginnen.

Die Vorarbeiten vernichtet

Wir können das nicht sehen am Manuskript von „Pride and Prejudice“. Aber wir wissen, dass sie jahrelang es sich immer wieder vorgenommen hat. Die erste Fassung war schon 1797 fertig gewesen und vom Verleger abgelehnt worden. Womöglich, ohne dass er auch nur einen Blick darauf geworfen hatte. Aber wie genau Jane Austen jedes Wort abwog, könnte der Leser uns genau sagen, der im Juli 2011 ihr Manuskript zu dem Roman „The Watsons“ für mehr als 2,3 Millionen Euro erwarb. Uns Armen dagegen bleibt – wie so oft – nur das Netz. Hier kann man einen Blick auf Austens Handschriften werfen. Auch auf die „Watsons“. Von den Manuskripten ihrer sechs großen Romane ist allerdings kaum etwas erhalten geblieben. Von „Pride and Prejudice“ nichts. Sie hat offenbar, wenn alles fertig war, die Vorarbeiten vernichtet. Sie wollte wohl nicht an die Beschwernisse der Geburt erinnert werden.

Nähe und Distanz, sagte ich. Jane Austen war das siebte von acht Kindern: sechs Brüder und eine Schwester. Mit zwölf begann sie zu schreiben. Sie und ihre Schwester heirateten nicht. Die Schwestern lebten zusammen mit der Mutter in einem kleinen Haus auf dem Landsitz eines ihrer Brüder. Der hatte ihn von einem reichen Onkel, der ihn adoptiert hatte. Zwei andere ihrer Brüder waren Admiräle.

Sie gehörte also zu denen da oben, und gleichzeitig gehörte sie nicht dazu. Sie war in einer Welt, in der alles sich um die richtige Heirat drehte, eine unverheiratete Frau. Es ging ihr gut genug, dass sie zuschauen konnte bei dem Wahn um die Hochzeit. Dass sie ihn belächeln konnte, ohne ihn verhöhnen zu müssen. Es sind Abstand und Nähe – mal wechselnd, mal gleichzeitig –, die einem erlauben, sich ironisch zu verhalten, was ja nichts anderes heißt als selbstironisch, fähig also, sich zu erheitern nicht nur über das, was man liebt, sondern auch über die Liebe selbst.

Beschimpfen, aber immer gesittet

Es ist diese Liebe, die jeder Leser spürt, die einen noch durch die langatmigsten Verfilmungen hindurch erreicht, und der man sich, selbst wenn man es gerne täte, nur schwer mit ein paar spöttischen Bemerkungen über „Frauenliteratur“ entziehen kann. Die fünf Schwestern in „Stolz und Vorurteil“ ziehen einander auf, beschimpfen einander auch – immer gesittet –, aber vor allem zwitschern sie. Es gibt Stellen, da fängt man an, schneller zu lesen, weil man spürt, dass man es muss.

Es sind Momente, da der Inhalt der Dialoge so wichtig nicht ist. Es wird da eher der Klang der Stimmen dieser jungen Frauen in einem Zimmer oder in einem hohen Salon wiedergegeben, die eigentümliche Musik der Gespräche dieser von Kindheit an miteinander vertrauten Fräuleins, deren Rollen festgelegt sind, und die trotz der kleinen Egoismen einer jeden doch immer auch arbeiten an der gemeinsamen Performance. Man spürt, dass dieser Roman auch vom Lustspiel abstammt, von der Komödie.

Viele fragen, warum „Stolz und Vorurteil“ heute noch oder wieder ein solcher Erfolg ist, wie es dazu kommt, dass es in Großbritannien zwischen 1952 und 1967 drei sechsteilige Verfilmungen des Buches gab, dann erst wieder 1980 einen Fünfteiler und 1996 wieder einen Sechsteiler? Ich weiß keine Antwort. Ich glaube nur, dass Jane Austens Welt uns so fern nicht sein kann, wenn sie uns immer wieder so sehr fesselt. Der Witz der Autorin würde uns nicht vor der Langeweile bewahren, wenn die Fragen von arm und reich, von standesgemäßer Heirat oder nicht, vom Verhältnis von Geld und Liebe, von, wie Ulrike Prokop einmal schrieb, „der Beschränktheit der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche“ uns nicht noch immer umtrieben.

Der Wirklichkeit in die Augen sehen

All diese Fragen sind immer noch auch unsere Fragen. Auch die, die zunächst unser Paar Elizabeth und Darcy auseinander treibt, die Frage, die man sich nicht einzugestehen wagt, von der aber ganze Industrien leben: Bin ich schön? Darcy findet Elizabeth zunächst nicht schön. Sie erfährt das und ist zutiefst gekränkt. Es geht bei dieser Frage nicht darum, eine Elle anzulegen und festzustellen, das sind die richtigen Maße. Es geht darum, ob jemand mich als schön entdeckt. Als begehrenswert, als jemanden, der ihn – hier kommt das Wort aus dem Titel wieder – mit Stolz erfüllt.

Wer den Konventionen zu sehr anhängt, wer sich ihren Vorurteilen unterwirft, der wird den anderen nicht entdecken können. Er ist zu sehr damit beschäftigt, ihn in die Klischees zu pressen und zu schauen, dass nirgends ein Stück hervorlugt. Wenn er dann passt, dann stellt der Stolz sich ein, der aber ein falscher Stolz ist, weil er nicht Stolz auf etwas Eigenes ist, sondern der Stolz darauf, dass etwas so ist, wie es sein muss. Wer diesen Weg geht, der verfehlt nicht nur den anderen. Er verfehlt auch sich selbst.

Das alles weiß der Jane-Austen-Leser. Er weiß aber auch, dass es einer glücklichen Konstellation bedarf, um herauszukommen aus dem Klischee, das man vom anderen und von sich hat. Das ist nichts, was sich erreichen lässt, es gibt keinen sicheren Weg dort hin, keine Tricks und keinen kleinen oder großen Lehrgang. Es gibt nur, ist man versucht bei Gelegenheiten wie diesen zu sagen, Jane Austen, eine Frau, die uns beibrachte, dieser Wirklichkeit in die Augen zu sehen, es lachend zu tun. Mitten hinein in die traurige Einsicht, dass das Leben nicht von so begnadeten Autorinnen wie Jane Austen mitten hinein ins Happy End geführt wird, sondern dass Millionen und Abermillionen loser Enden herumhängen und – verzweifelt – darauf warten, spöttisch lächelnd, aber doch liebend erkannt zu werden.

Das ist der Blick des modernen Romans, in dem weder Schwerter geschwungen noch Staatsgeschäfte gewälzt werden, sondern die Fragen, vor denen wir uns nur zu oft flüchten in Ideologie, Politik und Gewalt. Es ist der Blick, den wir, wenn wir ihn denn gelernt haben, gelernt haben von einer Frau.

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