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Literatur

23. Februar 2016

Jean-Henri Fabre "Pilze": Die Treue seines Pinsels

 Von 
Langstieliger Champignon, eines der Aquarelle von Jean-Henri Fabre.  Foto: Muséum national d’histoire naturelle/ Matthes & Seitz Berlin

Ein prächtiger Band mit Pilz-Aquarellen des fabelhaften Insekten-Forschers und Naturliebhabers Jean-Henri Fabre.

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Hypholoma appendiculatum, Behangener Mürbling, hat eine Kappe wie ein im Tanz wehender Glockenrock, die Oberseite eierschalenfarben mit winzigen braunen Punkten, die Lamellenunterseite braunbärenbraun. Hygrophorus conicus, Kegeliger Saftling, trägt im besten Alter einen senfgelben bis tomatenfarbenen Sonnenschirm, halb geschlossen, mit zartgelber Unterseite. Später wird er zum leicht ausgebleichten schwarzen Herrenschirm. Scleroderma, Kartoffel-/Hartbovist, lässt an eine seltsam dickblättrige Seeanemone denken, sein Fuß eher an eine narbige, noppige Seegurke. Auf Polyporus hispidus, Zottiger Schillerporling, könnten Regale aufliegen, so solide ragt er waagrecht aus Baumstämmen. Coprinus micaceus, Glimmer-Tintling, dagegen ist ein reizendes braun-beiges Mimöschen, dessen Rand sich aufwölben kann zur Schale wie aus feinstem Porzellan. Vielleicht fängt sich ein Wassertropfen darin. Vielleicht trinkt ein Insekt daraus.

Als Insektenforscher ist der Franzose Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) zu Recht berühmt geworden. Denn nicht nur hatte er die Geduld, ihnen auf Schritt und Tritt und Flügelschlag zu folgen, er nahm ihr zunächst rätselhaftes Tun ernst genug, um in ihm einen evolutionären Sinn zu vermuten – und bald auch zu finden. Er schrieb auf, was er beobachtete, er erzählte wahre Schwebfliegen- und Grabwespen-Abenteuergeschichten.

Kaum bekannt aber ist, dass Jean-Henri Fabre nicht nur ein beständiges Interesse an, ja, eine tiefe Zuneigung zu Insekten hatte, sondern dass er bereits 1842 auch Pflanzen für ein umfangreiches Herbarium sammelte. Dass er außerdem rund 4000 Proben von Algen, Flechten, Moosen, Baumpilzen zusammentrug. Und dass er, in fortgeschrittenem Alter, das Aquarellieren lernte, um die so schnell vergänglichen Pilze in Bildern bewahren zu können. Mehr als 600 Aquarelle entstanden nach in Wald und Feld gefundenen Modellen – welche Hurtigkeit in der Aktion und welche Hingabe. Doch hatte Fabre nicht viel Hoffnung, dass man nach seinem Tod seine Pilzbilder schätzen würde.

Liebevoll und zart aquarelliert von Jean-Henri Fabre: Kleine Misthasenpfote.  Foto: Muséum national d’histoire naturelle/ Matthes & Seitz Berlin

1955 wurden erstmals einige von ihnen ausgestellt. 1999 entstand ein Verzeichnis (allerdings vermutet man, dass sich das ein oder andere Bild, womöglich unerkannt, in Privatbesitz befindet). Und in der von Judith Schalansky herausgegebenen Naturkunden-Reihe des Verlages Matthes & Seitz ist nun ein großer, dicker, prächtiger und zweisprachiger Band der Fabre’schen Aquarelle erschienen: „Pilze. Champignons.“ Mit einem Vorwort von Anita Albus und einem Nachwort von Anne-Marie Slézec.

Im Nachwort auch einige Fabre-Zitate in seinem warmen, an allem Anteil nehmenden Stil. „Ich habe nie aufgehört, mit ihnen zu verkehren“, schreibt er zum Beispiel in seinen 1907 erschienenen „Kindheitserinnerungen“ und meint eben die Pilze. „Noch heute, nur um die Bekanntschaft mit ihnen zu erneuern, verschleppe ich den Schritt, besuche sie im Herbst an schönen Nachmittagen. Es gefällt mir immer, aus dem rosenfarbenen Teppich des Heidekrauts die dicken Köpfe der Röhrlinge ragen zu sehen, die Kapitelle der Wiesenegerlinge und die Büschel der Steifen Koralle.“

Fabre, darauf weist Anne-Marie Slézec hin, verfügte offenbar nur über ein Bestimmungsbuch ohne Abbildungen (Pier Andrea Saccardos „Sylloge fungorum omnium hucusque cognitorum“ fand sich in seinem Nachlass). Aber er tat sein Bestes – manchmal fügte er dem Namen eines seiner Modelle ein Fragezeichen hinzu, manchmal konnte jemand anderes helfen. Auch darum freute es ihn, wenn „Besucher im Sonntagsstaat, Landleute, naive Betrachter“ vorbeikamen und voller Staunen waren, „dass diese schönen Bilder von Hand entstanden sind, ohne Zirkel und Schablone. Sofort erkennen sie den dargestellten Pilz; sie nennen mir seinen Namen im Volksmund, Beweis für die Treue meines Pinsels.“

Das Buch

Jean-Henri Fabre: Pilze. Matthes & Seitz 2015. Deutsch und Französisch. 605 Seiten, 148 Euro.

Er malte mit einem normalen Wasserfarben-Kasten, er war kein reicher Mann. Aber er hat damit im weiten Feld des Braun-Gelb-Sandfarbenen, des Gräulichen, Grünlichen, Schimmelbläulichen, des Herbsttrompeten-Schwarz, Satansröhrling-Purpurs, des Fliegenpilz-Signalrots und Rötelritterling-Violetts eine beeindruckende Lebensechtheit geschaffen. Doch weil die Pilze auf gebrochen weißem, neutralem Untergrund gemalt sind, wirken sie immer wieder auch wie Wesen von einem anderen Stern. Man merkt beim Betrachten: Natürlich kennt man Pilze, mindestens die Champignons aus der Dose, aber man kennt sie doch sehr schlecht. Oder vielmehr: zu vielleicht 0,05 Prozent.

Denn wann bückt man sich beim Waldspaziergang schon einmal zu ihnen? Vielleicht noch, weil man meint, einen essbaren zu erkennen, einen Steinpilz, Maronenröhrling, einen Pfifferling. Sicher aber nicht zu den kleinen, hauchzarten von ihnen, von denen zum Beispiel ein gutes Dutzend auf zwei Quadratzentimeter, auf ein Buchen- oder Eichenblatt passt.

Staubender Beutelstäubling.  Foto: Muséum national d’histoire naturelle/ Matthes & Seitz Berlin

Doch auch die Missachteten unter ihnen hat Jean-Henri Fabre mit liebevoller Ausführlichkeit gemalt, den winzigen Zweifarbigen Wetterschwindling zum Beispiel, wie er stecknadelgroß aber aufrecht aus einem braunen Blatt sprießt. Zierliche Helmlinge, reihenweise. Reisigbecherchen, fast nur noch eine Ahnung von Pilz. Und, am handfesten Ende, die unförmigen Gekröse-Trüffel, denen man kaum Unrecht tut, wenn man sie hässlich nennt. Bereits Jahre zuvor hatte Fabre den Duft diverser Trüffelsorten in Worte gefasst wie in Seidenkleider.

„In Sérignan, der letzten Station meines Lebenswegs, haben sie all ihre Reize an mich verschenkt“, erinnerte sich Fabre an die Jahre seiner Fungi-Huldigungen. Ein „aberwitziges Projekt“ sei durch den besonderen Pilzreichtum der Gegend befördert worden: „in Bildern festzuhalten, was ich außerstande war, im flüchtigen Naturzustand in ein Herbarium zu tun. Ich habe mich darangemacht, alle Arten meiner Umgebung in natürlichem Maßstab abzumalen, von den größten bis zu den kleinsten ...“.

Wie stets bei Jean-Henri Fabre, war auch dies kein leeres Versprechen. Er hatte das Auge und die sanft glühende Leidenschaft für Mistkäfer wie Nachtpfauenauge, für Beutel-Stäubling wie Geselligen Ritterling.

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