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Literatur

07. Februar 2016

Jeong Yu-jeong „Sieben Jahre Nacht“: Er säuft. Sie zankt. Sie sterben

 Von 
In einem ausgetrockneten Stausee nahe Seoul.  Foto: REUTERS

Ein ungewöhnlicher, ambitionierter Kriminalroman aus Südkorea: „Sieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong.

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Mit Erstaunen entdeckt man am Ende des Bandes einen detailliert gezeichneten, sich auch als Skizze für eine Modelleisenbahn-Stecke eignenden Lageplan zum Ort des Geschehens: „1. Dammbrücke (Dammkrone)“ steht da und „Seryong-Berg“, „Promenade“ neben wolkenförmigen Bäumchen, „Tankstelle“, „Ambulanz“, sogar „Pförtnerloge“ und „Anzeigetafel“. Mit Erstaunen, denn der Roman zu diesem Lageplan führt durch einen Alptraum, es ist der eines jungen Mannes, dessen Vater sieben Jahre zuvor, Choi Sowon war elf Jahre alt, zum „Stauseemonster“ wurde, indem er die Schleusentore öffnete und die Wassermassen ein Dorf überfluteten. „Dorf in der Tiefebene“ steht auf dem Lageplan, kleine kastenförmige Häuschen sind eingezeichnet. Für Choi Sowon aber war seit der unbegreiflichen Tat, die den See leerte und das Dorf überflutete, „Sieben Jahre Nacht“.

Das Buch

Jeong Yu-jeong: Sieben Jahre Nacht. Thriller. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Unionsverlag 2015. 524 S., 19,95 Euro.

Die südkoreanische Autorin Jeong Yu-jeong, Jahrgang 1966, schrieb sich 2011 in ihrer Heimat mit ihrem dritten Roman auf die Bestsellerliste. „Sieben Jahre Nacht“ ist so ambitioniert konstruiert wie ausführlich und psychologisch intrikat in der Figurenzeichnung. Was passiert ist, verrät schon der Prolog – „Und mich nannten sie den ,Sohn des Stauseemonsters‘“ –, warum es passiert ist, wird zu großen Teilen in einem (fiktiven) Buch im Buch rekonstruiert: Sowons Ziehonkel Ahn Sunghwan, vor dem Unglück Untermieter der Eltern, recherchiert, um nicht länger ein Möchtegern-Schriftsteller und Aushilfs-Angestellter zu sein. Aber er hängt zu sehr drin in dieser dunklen Geschichte, sie bleibt ein unabgeschlossenes Manuskript.

Von kleinen, zum Scheitern verurteilten Leben erzählt Jeong Yu-jeong. Als Sowons Eltern sich kennenlernen, ist Choi Hyunsu ein hoffnungsvoller Baseballspieler, ein Riese von einem Mann, dessen Ernsthaftigkeit die ehrgeizige Kang Unju genug beeindruckt, um ihn zu heiraten. Dann sucht ihn „Herr Lahmarm“ heim, eine geheimnisvolle, plötzlich auftretende, plötzlich verschwindende Lähmung. Es ist das Aus für die Sportlerkarriere; Choi wird „Sicherheitsmanager“ des Damms. Er fängt an zu saufen. Seine Frau zankt. Er verbringt die Abende noch seltener zu Hause.

Er setzt die Tragödie in Gang

Die schlimmere Familie aber wohnt nicht weit entfernt: Zahnarzt Yi Youngjae schlägt seine Ehefrau, misshandelt seine Tochter. Er setzt ihrer aller Tragödie, auch die der Chois, in Gang, indem seine Frau, um ihr Leben fürchtend, vor ihm flieht – bis nach Frankreich. Indem seine Tochter, zurückgelassen, einmal mehr blutig geprügelt, in Panik in die Nacht läuft. Und von Choi Hyunsu überfahren wird. Und vom dann panischen „Sicherheitschef“ erstickt und in den Stausee geworfen wird.

Jeong Yu-jeong ist geschickt in der am Ende actionreichen Zuspitzung, aber auch stilsicher im seitenlangen Unspektakulären: Wenn sie den Mann beschreibt, der sich vor seinen Sauf-Kumpels blamiert fühlt. Die Frau, die – wenigstens das! – eine neue, größere Wohnung will. Wenn sie das misshandelte Mädchen sich von einer Katze trösten lässt. Und den „Sohn des Stauseemonsters“, die elfjährige Waise auf eine Reihe von Verwandten treffen, denen es peinlich ist, ihn zu beherbergen – und schon wird er unter einem Vorwand ausquartiert, weitergeschickt.

Auf dem Lageplan findet man diese Menschen nicht, aber wenn man zuletzt bei ihm angekommen ist, meint man, sie aus den Strichhäuschen gucken zu sehen.

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