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Literatur

18. Januar 2016

Jewgenij Zamjatins "Wir": Und die Zahl der Kaubewegungen

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In "Wir", dem Roman von Jewgenij Zamjatin, dienen Glasfassaden nicht der Chicness, sondern dem unbedingten Durchblick. Die Vorhänge dürfen nur in ganz bestimmten Momenten zugezogen werden.  Foto: imago/Hohlfeld

In der Welt von D-503: Zwei überzeugende Hör-Fassungen erinnern an Jewgenij Zamjatins Roman „Wir“.

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Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten der Geschichte, in diesem Falle der literarischen, dass die ganze Welt heute George Orwells „Großen Bruder“ kennt, von Jewgenij Zamjatins „Wohltäter“ aber kaum jemand je gehört hat. Dabei war es der Russe Zamjatin, der bereits 1920 unter dem Eindruck der bolschewistischen Revolution als erster die antiutopische Vision eines totalitären, technoiden Zukunftsstaates entwarf. Eines Zwangsgebildes, in dem jegliches Leben, jegliche Individualität erstickt wird in der kalten, klaren Welt vollkommener Vernunft und in dem der einzelne Mensch nur noch eine Nummer ist.

In diese Welt führt uns Zamjatins Ich-Erzähler D-503. Wie alle anderen Bewohner des „Einzigen Staates“ lebt er allein in einer von Tausenden identischen Wohnzellen, deren Boden und Wände aus Glas sind, damit die „Beschützer“ sie besser überwachen können. Privatheit gibt es nur alle paar Wochen für ein paar Minuten – wenn zwei Nummern einander für „sexuelle Stunden“ zugewiesen werden, dürfen die Vorhänge kurz zugezogen sein.

Der Tagesplan von D-503 wird ihm minutiös vorgegeben, entsprechend den wissenschaftlichen Vorgaben, wie viel Schlaf und Essen er braucht, wann ein Spaziergang sinnvoll ist und wie viele Kaubewegungen er benötigt. Individuelle Bedürfnisse sind in diesem System nicht vorgesehen, jede Nummer ist ein Durchschnittsmensch, Atom in der gleichgeschalteten Masse. Humanität wurde durch Nützlichkeit und Effizienz ersetzt.

Der „Einzige Staat“

Dass der perfekte „Kristallpalast“, wie ihn schon Nikolaj Tschernischewski in seinem sozialutopischen Roman „Was tun?“ schildert, in Wahrheit nur ein Gefängnis ist, das dämmert D-503 erst durch die Begegnung mit der Rebellin I-330. Durch sie lernt er die naturbelassene, grüne Welt jenseits der großen Mauer kennen, die den „Einzigen Staat“ umgibt.

Das von Menschenhand ungeordnete Leben dieser Gegenwelt verwirrt den Mathematiker D-503 ebenso wie seine Liebe zu I-330. Sie beschreibt er mit dem mathematischen Ausdruck v-1 – die irrationale Zahl steht für die chaotische Welt der Gefühle, der Träume, der Fantasie, für den Gegenentwurf zum präzise wie eine Maschine strukturierten Überwachungsstaat. Für den Ich-Erzähler führt der Kontakt mit der anderen Welt zum Schlimmsten: Bei ihm bildet sich eine „Seele“ heraus, eine Krankheit, die im Staat des Wohltäters nur durch eine Totaloperation behoben werden kann.

Die Hörbücher

Christoph Kalkowski: Wir: Hörspiel. Der Audioverlag.

Jewgenij Samjatin: Wir. Audiobook. Speak low.

D-503 muss sich entscheiden, für die Liebe oder für das System, für den Widerstand oder für die Unterwerfung. Wie er seine Welt beschreibt und diese dann langsam um ihn herum zersplittert, das ist nun in zwei höchst unterschiedlichen Versionen nachzuhören: einem Hörbuch, eindringlich gelesen von Heikko Deutschmann, und einem Hörspiel in der Regie von Christoph Kalkowski. Für letzteres komponierte Raphael Thöne eigens die Musik, Andreas Pietschmann gibt einen wandelbaren D-503. Hanns Zischler erweist sich als einprägsamer Wohltäter.

Jewgenij Zamjatin starb 1937 im französischen Exil in Paris. Sein Roman „Wir“ blieb in der Sowjetunion bis 1988 verboten. An Aktualität hat seine Schreckensvision vom wohlmeinenden Überwachungsstaat bis heute nichts verloren.

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