Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

09. September 2014

Jhumpa Lahiri "Das Tiefland": Im Herzen der Traurigkeit

 Von Susanne Lenz
Pulitzerpreisträgerin Jhumpa Lahiri.  Foto: imago/Italy Photo Press

Unglück als Teil des Lebens hinnehmen: In ihrem neuen Roman „Das Tiefland“ beschreibt Pulitzerpreisträgerin Jhumpa Lahiri das Leid als charakterbildend.

Drucken per Mail

Was tut man, wenn das Leben nicht zu gelingen scheint? Wenn man einen geliebten Menschen verliert, eine lieblose Ehe führt, sein Kind nicht liebt – so wie es in diesem Buch geschieht.

In westlichen Gesellschaften, in denen das Ideal der Selbstverwirklichung regiert, wird man wahrscheinlich psychologischen Rat suchen, Seminare für Familienaufstellung besuchen, Stimmungsaufheller einnehmen. Das Ziel ist, sich gut zu fühlen.

Doch die Protagonisten von „Das Tiefland“ tun nichts von alledem. Sie tragen ihre Traurigkeit geduldig. Sie sind sich ihrer bewusst, aber sie hadern nicht damit. Nur zu Anfang, in Kalkuttas Vorort Tollyjunge, im Tiefland, wo während des Monsuns alles unter Wasser steht und Wasserhyazinthen wuchern, gibt es Hoffnung, ist alles offen.

Das Buch

Jhumpa Lahiri: Das Tiefland. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krüger. Rowohlt, Reinbeck 2014. 528 Seiten, 22,95 Euro.

Die Brüder Udayan und Subhash sind zwölf und 13, Jungs aus bescheidenem Hause, intelligent, sehr gut in der Schule. Von Schaltkreisen verstehen sie so viel, dass sie ihr eigenes Kurzwellenradio bauen. Sie könnten es zu viel bringen. Die Aussicht auf ein glückliches Leben scheint auf.

Doch diese hoffnungsvolle Zeit währt nur 40 des mehr als 500 Seiten dicken Buches. Dann fällt zum ersten Mal der Name Naxalbiri, ein Dorf in den Vorbergen des Himalaya. Dort begehrt Ende der 1960er Jahre die arme Landbevölkerung gegen die Grundbesitzer auf.

Aus dem Protest geht eine politische Bewegung hervor, die Naxaliten. Sie sind von maoistischen Ideen beeinflusst, sie kämpfen gegen die Besitzenden, denen auch die politische Macht gehört. Im Namen der Gerechtigkeit verüben sie Terroranschläge.

Ein zutiefst asiatischer Gedanke

Der idealistische Udayan schließt sich ihnen an. Subhash wirft ihm Egoismus vor. Er gefährde das Glück der Eltern. Es ist ein zutiefst asiatischer Gedanke, dass man nicht auf Kosten der Familie seine eigenen Interessen verfolgen darf.

Der vorsichtige Subhash geht einen anderen Weg. Mit einem Doktorandenstipendium im Fach Ozeanographie kommt er nach Rhode Island, USA. Auch sein ruhiges Leben dort kommt mit der Politik in Berührung. Es gibt Studentendemonstrationen gegen den Vietnamkrieg. Subhash hält sich fern. Er fühlt, dass er sich als Gast in diesem Land zurückhalten muss.

Subhash wird sein Gastland nie wieder verlassen. Er macht dort eine solide akademische Karriere. Die in London geborene Autorin Jhumpa Lahiri kennt Rhode Island gut, diesen winzigen US-Bundesstaat in Neuengland am Atlantischen Ozean. Sie ist dort aufgewachsen. Aber ihre Protagonisten kommen aus Indien, dem Land, aus dem Lahiris Eltern stammen.

Die Erfahrung der Fremdheit in einer Kultur, die nicht die eigene ist, ist auch ein Thema dieses Buchs. Jhumpa Lahiri hat sich damit bereits in ihrem Debüt „Melancholie der Ankunft“ beschäftigt, für das sie den Pulitzerpreis erhielt.

In „Das Tiefland“ steht die kulturelle Verunsicherung nicht im Mittelpunkt, aber sie ist doch immer gegenwärtig, wie eine Grundierung. Lahiri findet herzzerreißende Bilder dafür. Subhashs spätere Frau kauft bei einem ihrer ersten Spaziergänge in Rhode Island eine Packung Cream Cheese und isst die kühle Masse auf dem Parkplatz vor dem Laden auf. Sie weiß nicht, dass es sich um einen Aufstrich handelt, und sie hat auch niemanden, der ihr das sagt.

Das Ereignis, das Subhash, seine Eltern und Udayans junge Ehefrau Gauri ins Unglück stürzt, ist Udayans Tod. Er wird wegen seiner politischen Aktivitäten von der Polizei verhaftet und erschossen, vor den Augen der Familie.

Einfühlsam beschreibt Jhumpa Lahiri, was in Gauri vorgeht. „Sie wünschte sich die Tage und Monate vor ihr würden einfach enden. Aber der Rest ihres Lebens bot sich weiterhin als sich unaufhörlich vermehrende Zeit dar.“

Subhash bietet Gauri an, sie nach Rhode Island mitzunehmen, denn die Eltern wollen die junge Frau aus dem Haus haben, die ihr Sohn ohne ihre Zustimmung geheiratet hat. Das Kind, mit dem sie schwanger ist, wollen sie behalten. Gauri und Subhash heiraten. Doch die Hoffnung, dass diese Ehe gelingen könnte, zerstiebt schnell.

Eine bleierne Zeit

Es beginnt eine bleierne Zeit. Über lange Strecken, und in diesem Buch sind das Hunderte von Seiten, gibt es nichts, was die Schwermut brechen würde. Stattdessen erlebt man genau beschriebenes, leises Leiden von großer Intensität. Jahrzehnte vergehen.

Doch niemals hat man den Impuls, die Figuren zu schütteln, damit sie etwas unternehmen gegen ihr Unglück. Man beginnt tatsächlich, es hinzunehmen, so wie sie es selber tun.

Das liegt auch daran, dass Lahiri ihr Leiden nicht als Anzeichen für eine psychische Störung schildert, auch nicht als Gefahr für die Selbstachtung, wie es unsere an Lust und Freude ausgerichtete Kultur tut, in der nur ein glückliches Leben ein gutes Leben ist.

Es ist schwer zu fassen, dass das Leben auch auf andere Weise gelingen kann, dass das Scheitern das Selbst nicht unbedingt bedroht, sondern es auch formt und wachsen lässt. Wenn man „Das Tiefland“ gelesen hat, hält man es für möglich.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Herbst 2016

Achtung Holländer! Autor Marc Reugebrink über das schwierige Verhältnis zwischen Niederländern und Flamen.
Die Liebenden: Brigitte Kronauers betörender Roman „Der Scheik von Aachen“ über Liebe, Tod und Schuld.
Die Geister: Nathan Hills grandios komponierter Familienroman ohne Familie.
Die Rassisten: Rebekka Habermas über einen vergessenen Skandal in Deutsch-Togo.

Übersicht - alle Rezensionen der Literatur-Rundschau 2016 auf einen Blick

Komplette Zeitungs-Beilage vom 18. Oktober im PDF-Format.


Dossier als Feed abonnieren
Info
Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Anzeige