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Literatur

10. Dezember 2015

Joachim Meyerhoff: Der Lieberling in Nymphenburg

 Von Christoph Schröder
Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff.  Foto: imago/STAR-MEDIA

Die Toten fliegen weiter hoch: Der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff setzt sein autobiografisches Erzählprojekt mit dem dritten Band „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ herausragend fort.

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Der Tag ist getaktet in alkoholische Segmente. Er beginnt mit Champagner zum Frühstück, setzt sich fort mit Weißwein zum Mittagessen (um Punkt eins!); weiter geht es, spätestens um sechs Uhr, mit Whisky, danach Rotwein zum Abendessen. Und schließlich, wenn das Ende des Abends in Sicht ist: Cointreau.

Danach schweben die Großeltern nacheinander in ihrem Treppenlift nach oben in Richtung Schlafzimmer, wobei es stets einen kleinen Streit darum gibt, wer wem den Vortritt lässt. Dann sind sie entschwunden, zurück bleibt der angetrunkene Enkel, der Lieberling, wie er nur genannt wird, der am Morgen mit zerrüttetem Kopf vom Knall des Champagnerkorkens geweckt wird. Und alles geht wieder von vorne los.

Joachim Meyerhoff ist ein Phänomen in der Riege der autobiografischen Erzähler, von denen es sowohl in der deutschsprachigen als auch in der internationalen Literatur zur Zeit geradezu wimmelt. Meyerhoff, seit 2005 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, hat seine Lebensgeschichte als mündlichen Bericht auf der Bühne inszeniert, und erst nachdem diese Abende zu einem überwältigenden Publikumserfolg wurden, begonnen, sein Programm zu verschriftlichen.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist der dritte Teil des Projekts, das den Untertitel „Alle Toten fliegen hoch“ trägt. Damit ist der Antrieb von Meyerhoffs Erzählen benannt, der im neuen Buch besonders deutlich hervortritt: Es ist ein schwarzer, tragischer Kern, ummantelt von mehreren Schichten von vermeintlich fröhlicher Anekdotenseligkeit.

1989 in München

Der Roman (und als solcher ist das Werk etikettiert) setzt ein im Jahr 1989. Eigentlich kommt Joachim, der Ich-Erzähler, aus Norddeutschland nach München, um seinen Zivildienst anzutreten, wird aber völlig überraschend an der Otto Falckenberg-Schauspielschule angenommen. Mangels finanzieller Mittel quartiert der Lieberling sich im Gästezimmer der mondänen Villa seiner Großeltern ein, gelegen unmittelbar am Nymphenburger Schloss. Dreieinhalb Jahre, das ist der erzählte Zeitraum des Buchs, wird er dort bleiben.

„Ach, diese Lücke...“ ist zweierlei: Die Beschreibung der Künstlerwerdung eines unbeholfenen jungen Mannes zum einen. Es gibt schreiend komische Szenen, in denen die neun Schauspielschüler und -schülerinnen in grotesken Übungen von überkandidelten oder verschrobenen Kursleitern in unmögliche Situationen gebracht werden.

Zum anderen aber, und das ist der weniger lustige, aber doch anrührende Part, zeichnet Meyerhoff ein Porträt seiner Großeltern: Zwei Menschen, denen nichts darüber geht, ein Leben in Stil und Würde zu führen. Meyerhoffs Großvater war der Philosoph Hermann Krings, langjähriger Direktor des Philosophischen Instituts der Universität München. Die Großmutter war die Schauspielerin Inge Birkmann, in den 70er und 80er Jahren bekannt geworden in diversen Auftritten bei „Derrick“ oder „Der Alte“, stets in der Rolle als exaltierte und doch Haltung wahrende, undurchdringliche Familienfürstin (Horst Tappert hat im Übrigen bei Meyerhoff einen denkwürdigen Auftritt als Saunagast im Haus der Großeltern).

Wie Meyerhoff von diesen beiden sich in selbstverständlicher und unverstellter Zuneigung verbundenen Menschen erzählt, von ihren Eigenheiten und ihren Existenzgewissheiten, von ihren Ritualen und snobistischen Abneigungen – das zeugt zugleich von einem hohen Maß an Empathie- und Beobachtungsvermögen: „Ich sah mir meine Großeltern an. Sie hatten sich die Hände gereicht, lagen entspannt auf der Kaschmirdecke, lauschten und dösten. In diesem Augenblick beneidete ich sie unendlich dafür, dass sie ihr Leben bereits sinnvoll gelebt hatten, dass sie sich gefunden hatten, ja, und auch dafür, dass sie, wie es mir in diesem Moment vorkam, mit bedeutsamer und sinnstiftender Historie gesättigt waren.“

Das ist kein Kitsch. Es kann bei Meyerhoff niemals etwas zu Kitsch werden, weil er ein sicheres Gespür dafür hat, dass er derartige Szenen mit ironischer Distanz oder Tragik ausbalancieren muss. Die Toten fliegen stets hoch, und so ist es auch in „Ach, diese Lücke...“, das in einem Zeitsprung 2004 endet. Und im Hintergrund ist immer der tote mittlere Bruder; im Grunde genommen der stete Begleiter des Erzählers, „dieser Kummer war heil und lebendig“.

Das Buch

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 348 S., 21,99 Euro.

Einmal nimmt der Großvater den Enkel beiseite und ermahnt ihn: Für ihn, den Enkel, sei alles Phänomen, ein Ereignis-Zirkus, der die wahre Teilhabe am Leben, das Vordringen zum Kern der Dinge, Liebe, Glaube, Freiheit, verhindere. Es ist eine kurze, beeindruckende Rede, die der Mann hält. Sie scheint Wirkung gezeigt zu haben.

Denn bei aller Lächerlichkeit, der Joachim sich in seinen Lehrjahren preisgibt und die er an uns weitergibt, darf man nie vergessen: Er ist ja Künstler geworden. Ein höchst erfolgreicher sogar. Zwischen diesen beiden Polen bewegt Meyerhoff sich permanent hin und her. Der dritte Band ist möglicherweise das beste von drei insgesamt fantastisch guten Büchern, und zwar aus einem so einfach zu benennenden wie schwer herstellbaren Grund: Die Komik ist komischer geworden. Und der Ernst ernster.

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