Einschlägige Kritikerzitate zu Werbezwecken sind wie eine halb geöffnete Tür, durch die man auf eine Partyszene blickt: Wer raucht mit wem, wer tauscht verschwörerische Blicke aus? Im letzten, achten Band der Werkausgabe "Der Strand der Städte" mit den journalistischen Arbeiten des begnadeten Bohémien Jörg Fauser, der am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, vor einen Lastwagen lief und starb, werden allerlei coole Zeitgenossen zitiert - von Benjamin von Stuckrad-Barre über Feridun Zaimoglu bis zu Helmut Krausser. Es ist eine Männerparty, auf die man unversehens geraten ist. Krausser hat offenbar schon einen sitzen, als er über Fauser schwelgt: "Eine pelzig-betäubt-betrunkene Prosa. Naß. Naßforsch. Omnipotent. Paranoid. Gleitfähig. Geil. Majestätisch."
Fauser, ein Schriftsteller also für die wilden Kerle und solche, die es werden wollen? Schon zu Lebzeiten galt der Lyriker, Romanautor und Journalist als hochoffizieller Geheimtipp - und als heiliger Trinker, genau wie sein großes Idol Joseph Roth, für den Fauser eine berührende, in diesen Band aufgenommene Hommage verfasst hat. Was der Leserin jedoch vor allem auffällt: Hier schreibt kein harter Kerl, sondern ein zarter Mann. Und so schön, gewitzt, klug etc. seine Texte über Hans Frick, Günter Eich oder Charles Bukowski auch sein mögen: Überwältigend sind die Texte über Frauen.
Der Strand der Städte. Ges. journalistische Arbeiten 1959-1987. Hrsg. von Alexander Wewerka. Alexander Verlag, Berlin 2009, 1593 S., 49,90 Euro.
Schon bei dem Frankfurter Oberschüler lässt sich eine Durchlässigkeit, eine Entschiedenheit des Gefühls erkennen, die unbedingt voraussetzt, dass man die weibliche Existenz nicht nur erfasst, sondern als menschliche Existenz durchdringt.
"Die Blumen von Lyon" ist der Erlebnisbericht betitelt, den der 15-jährige Obertertianer des Lessing-Gymnasiums aus Anlass eines Schüleraustauschs verfasste (verfassen musste?); ein poetisches Kleinod, aufgehängt an der fête des mères, dem französischen Muttertag, als die Töchter der Familie sehr umständlich und nicht gerade geschmackssicher einen Strauß für Maman arrangieren. Es ist Jörgs letzter Tag nach vier Wochen in den vertraut gewordenen Wänden, Wehmut kratzt zwischen den Zeilen.
Mit Baudelaires "Blumen des Bösen" teilen diese Blumen nichts, wenngleich die Anspielung bestimmt beabsichtigt war. Geschildert wird ein sympathisches, wuseliges, unkontrolliertes, dafür um so feierlicher dem Augenblick huldigendes Frankreich, das er nur ungern wieder verlässt: "... die Koffer gepackt und eigentlich komme ich mir etwas überflüssig vor: zum Beispiel wenn Madame mitteilt, wer morgen zu Besuch kommt - noch gestern hätte auch mich das interessiert! - heute aber bin ich praktisch nur noch körperlich anwesend."
Kein Fünkchen Pose ist bei dem Teenager zu spüren. Die offenbar in diesen Wochen in Lyon geborene Frankophilie wird sich (neben der dominanteren Amerika-Liebe) wie ein zarter Faden durch Jörg Fausers weiteres intellektuelles Leben spinnen. Das Porträt Colettes, verfasst 1974 für den Hessischen Rundfunk, baut auf den frühen Erfahrungen auf. An Colette faszinieren Fauser nicht nur die legendären Romane "Sido", "Mitsou" oder "Chéri" - das versteht sich von selbst -, sondern, ganz altmodisch, ihre Persönlichkeit. "Diese Frau hat sich nichts vormachen und nichts vorenthalten lassen. Vielleicht ist die einzig wirkliche Freiheit, die die Bedingungen der Conditio Humana uns erlauben, die Freiheit der inneren Welt; die eine Freiheit der Kunst ist, und die uns mit der finalen Niederlage, dem Tod, als einzige versöhnen kann."
Die Freiheit der inneren Welt - sie war das Credo des politisch ansonsten links-abgeklärten Autors. Bewundernswert, wie Fauser besonders in den frühen Texten jeglichem Jargon und Zeitgeist widerstand. Er wäre von der Generation her der prototypische Adornit gewesen, zumal als Student der Frankfurter Universität, doch von Kritischer Theorie und Dialektik wollte Fauser nie etwas wissen. Lieber ehrte er, in einem ebenfalls hier abgedruckten Porträt, die Sozialistin Clara Zetkin. Er verfügte über die seltene Gabe, sich schon früh auf sich selbst zu verlassen. Die Drogensucht hat ihm seine Unversehrtheit dann kaputtgehauen. Doch eines konnte er immer: bewundern und verehren.
1967, da tobte der Bär, und Jörg Fauser, 23 Jahre alt, schrieb ein hingebungsvolles Porträt Else Lasker-Schülers. Erstaunlich hier: wie Fauser die tote Dichterin gegen die Gegenwart, auch gegen die eigene, als reduziert empfundene Existenz absetzt. "Das Land ihrer poetischen Fabel ist nicht das Traumreich einer Irren oder einer halluzinierenden Ästhetikerin, errichtet auf dem Flugsand von Hirngespinsten, der unserer täppischen Schritte spottete. Beileibe nicht. Seine Landmarken und Bausteine und Wegweiser sind so irdisch und menschlich wie nur irgend möglich (mag sein, daß darin für uns, Kinder einer der kreatürlichen Sinnlichkeit feindlichen oder ihrer nicht mächtigen Zivilisation, eine Schwierigkeit des Zutritts liegt): der Körper der Frau und der des Mannes; das ganze Gefälle unserer Passionen, Liebe; Hingabe, Scham, Schmerz; und die Verzweiflung eines Menschen, der sich wehren muß gegen die Fesseln einer engen und sehr kalten Welt."
Als Kritiker war Fauser ein radikaler Empathiker. Er fühlte zutiefst, was war und was verloren ist - das trieb ihn an. Sein Herz war irgendwann angeknackst und blieb dennoch groß. Ihn lesend wünscht man sich, die heute so gern zur Schwärmerei und Schadenfreude neigende Literaturkritik dürfte noch einmal von vorn anfangen.
Montag, 22. Juni, 20 Uhr, wird im Prater der Berliner Volksbühne der Abschluss der Werkausgabe gefeiert. Franz Dobler, Jürgen Kuttner und Inka Löwendorf lesen Texte von Jörg Fauser.
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