Das Kind, erzählt nachher der Schriftsteller, bastelt sich eine Miniaturbibliothek aus Papierschnitzeln. Der Schüler ist so flink, dass er sich alsbald ein drittes Alphabet neben dem Lateinischen und Griechischen ausdenkt. Später wird er einen Schulmeister erfinden, der bitterarm ist und sich seine Bibliothek – „wie hätte der Mann sich eine kaufen können?“ – selbst schreibt. Inklusive Goethes „Werther“ und Schillers „Räuber“. Auch wird sich der Schriftsteller den Fibel ausdenken, Erfinder der ABC-Fibel und Meister über die 24 Buchstaben, welche „1 391 724 288 887 252 999 425 128 493 402 200 mal versetzt werden können“. „Papierdrache“ heißt Jean Pauls letztes, nicht ausgeführtes Projekt, und im Grunde genommen soll alles darin stehen. So ist es bei ihm meistens, darum enden seine Bücher nie ernsthaft.
Dass es im Leben mitnichten ums Leben, sondern ums Schreiben (und Lesen, aber vor allem Schreiben) geht: Kein anderer Autor will einem einfallen, der das so vorgeführt hat in Taten und Worten wie Jean Paul. „Wenn ihr wüsstet, wie wenig ich nach J. P. F. Richter frage, ein unbedeutender Wicht“, schreibt Jean Paul, der Schriftsteller, „aber ich wohne darin, im Wicht.“ Im Wicht also wohnt ein Titan der Literatur, der sich selbst den Namen gibt und sich in seine Bücher dermaßen hemmungslos hineinschreibt, dass alle modernen Versuche, dergleichen zu unternehmen (sei es bei Philip Roth, sei es bei Felicitas Hoppe, deren Namen Jean Paul geliebt hätte), an Kühnheit verlieren, sobald man Jean Paul liest.
Mit Hemmungslosigkeit
Es gab Menschen, die das sofort merkten. „Der Wutz Geschichte verfasst hat, ist nicht sterblich!“, so die ebenso unsterbliche Ansicht des Kollegen Karl Philipp Moritz, und der Schriftsteller freute sich von Herzen darüber. Goethe reagierte erwartungsgemäß eine Spur nervös, unter einem Titanen verstand er etwas anderes. Auch das zweite, fantastisch gedrechselte Briefchen Jean Pauls ließ Goethe unbeantwortet. Ein Briefchen, das unsereiner ohne Hilfe des Biografen Helmut Pfotenhauer nicht verstanden hätte, aber Goethe wird es verstanden haben, auch die eingeschlossenen kleinen Unverschämtheiten. Jean Paul war aber bei ihm in Weimar zum Essen, zweimal. Er sei ein „so kompliziertes Wesen, dass ich mir die Zeit nicht nehmen kann, ihnen meine Meinung über ihn zu sagen“, informierte Goethe Schiller. Goethe pflegte sich bei interessanten Autoren (wenn sie nicht Schiller waren) uninteressiert zu geben.
Jean Pauls Ruhm basiert gleichwohl auf gewissen Missverständnissen. „Hesperus“ (1795), sein zweiter Roman nach der „Unsichtbaren Loge“, war ein Bestseller und lief selbst dem zeitgleich erschienenen „Wilhelm Meister“ den Rang ab. Aber das lag vor allem daran, dass die Leser und die Leserinnen (Jean Paul und seine Leserinnen, ein Kapitel der Literaturgeschichte für sich) sich in einer empfindsamen Idylle wiederzufinden glaubten. Das ist ein Eindruck, der sich angesichts der satirischen Geschütze, die der Autor auffährt, der namenlosen Abschweifungen, die die Handlung zur kuriosen Verzierung machen, und schließlich der nachtschwarzen Grundierung heute jedenfalls nicht mehr aufdrängt. Tatsächlich soll Jean Paul im Alter erwogen haben, einen „bereinigten“ Hesperus auf den Markt zu bringen. Dass der „Hesperus“ ihm Geld einbrachte und erst recht der folgende „Kapitalroman“ „Titan“ (1800-1803), der als eines der bestbezahlten Bücher seiner Zeit galt, war recht und billig.
Johann Paul Friedrich Richter, heute vor 250 Jahren in Wunsiedel geboren, stammte aus einfachen Verhältnissen. Mit einem „Armutszeugnis“ begann der Pfarrerssohn ein Theologiestudium in Leipzig. Es war aber rasch klar, dass es ihm an Frömmigkeit ermangelte. Dazu trieben ihn Schulden aus der Stadt. Er arbeitete als Hauslehrer, und auch der Pädagoge Jean Paul muss dem Leser sympathisch sein. „Das Meiste und Beste, was die gute Erziehung kann, ist, die schlimme auszulöschen“, schreibt er. Rolf Vollmann zieht in seinem uneingeholt Jean-Paul-nahen Essay „Das Tolle neben dem Schönen“ aus dessen Buch „Levana oder Erziehlehre“ (1806) den Schluss: „Er weiß über die Kinder beinahe gar nichts anderes, als dass sie nicht weinen und nicht leiden sollen.“
Der sich etablierende Schriftsteller, der also unbedingt nichts anderes sein will, als ein Mensch, der schreibt, zieht noch mehrfach um, verlobt sich auch mehrfach und zeigt eine Vorliebe für komplizierte Damen von Stand, bis er schließlich unpompös Karoline Mayer heiratet und sich in Bayreuth niederlässt. „Wenn er nicht zufällig in Baireut wäre, wüsste er gar nicht, dass es eins gebe; und wo es liegt, weiß er noch immer nicht“, schreibt er in seinen auch neben den umfangreichen Büchern stetig anwachsenden Schriften. Denn Jean Paul schrieb grundsätzlich immer. Wenn er keinen Roman schrieb, schrieb er Briefe (auch an Anwesende), wenn ihm nichts einfiel, schrieb er offenbar zum Beispiel einfach „d“s auf das Papier. Aber meistens fiel ihm etwas ein. Über die nachgelassenen Texte schrieb sein bedeutender Herausgeber Eduard Berend – als Jude während der NS-Zeit im Exil, danach wieder herausgebend in einer Dachkammer im Deutschen Literaturarchiv Marbach: „An Umfang, Mannigfaltigkeit und Eigenartigkeit hat dieser riesige Gedanken- und Motivschatz in der deutschen Literatur, ja meines Wissens in der ganzen Weltliteratur nicht seinesgleichen, selbst gewaltige Sammlungen wie etwa Goethes Maximen und Reflexionen, Lichtenbergs Aphorismen, Novalis’ Fragmente, Hebbels Tagebücher schrumpfen dagegen zu Zwergen ein.“
Ohne weiße Weste
Immer mehr, kann man sagen, ordnet Jean Paul das Leben dem Schreiben unter. Seine Weste ist lang schon nicht mehr weiß. Besucher finden ihn schwammig. Den Kragen soll er künstlerisch offen getragen haben, weil er nicht mehr zu schließen gewesen wäre. Er hat nicht nur nützliche Wetterfrösche, sondern ein Eichhörnchen, einen Spitz, Kanarienvögel und zuzeiten eine Hausspinne. Er hat auch ein Alkoholproblem, das er in Kauf nimmt, weil er im Bier eine Inspirationsquelle sieht. Er zeigt als Ehemann einen Zug ins Patriarchalische und Kleinkarierte, das leicht enttäuscht.
Der Tod und Jean Paul verfolgen sich seit jeher gegenseitig. Das gehört zu den erschreckendsten Seiten seiner Bücher, in denen man schon früh zu Recht berühmt gewordene Sätze liest wie: „Ich habe mit dem Tode geredet, und er hat mich versichert, es gebe weiter nichts als ihn.“ Noch erschreckender ist, dass der Tod ihn – wie zuvor schon in guten und besten Freunden – in seinem 18-jährigen Sohn Max einholt. „Nun wird mir das Schreiben viel leichter als das Leben ...“, schreibt Jean Paul und schreibt selbstredend weiter, unter anderem den selbst für seine Verhältnisse unvollendeten Roman „Selina“, der postum erscheint. Nachdem er das Thema Augenlicht in seinen Romanen immer wieder behandelt hat (inklusive psychosomatischer Verwicklungen und sensationeller Heilungen), wird er selbst blind und stirbt 1825 als 62-Jähriger.
In Frankfurt erklärt der Jean-Paul-Leser Ludwig Börne wenige Wochen später in einer Rede auf den Toten: „Er steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.“ Dabei kann der kluge Börne noch nicht ahnen, wie schleichend das Volk schleicht und wie recht er hat.