Sie sind legendär, John Irvings letzte Sätze, mit denen er die Arbeit an jedem Roman beginnt, um sich dann von hinten nach vorne durch seine Geschichte zu arbeiten. Der neue Roman endet so: "Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann - so musste sich sein Vater gefühlt haben, in den Nöten und Qualen seiner letzten Nacht in Twisted River."
Die da noch eine letzte, qualvolle Nacht in dem Holzflößer-Nest in den Wäldern New Hampshires verbringen, sind der italienisch-stämmige Koch Dominic Baciagalupo und sein zwölfjähriger Sohn Daniel. Es ist das Jahr 1954. Tags darauf werden die beiden Twisted River für immer verlassen, die nächsten 50 Jahre ihre Namen und Wohnorte mehrmals wechseln und ein Leben auf der Flucht führen.
Unter dem Pseudonym Danny Angel wird aus Daniel ein "weltberühmter Schriftsteller" werden, dessen Karriere der seines Erfinders Irving bis aufs Haar gleicht: Wie bei ihm ("Garp") macht Daniel erst sein vierter Roman berühmt. Die Drehbuch-Adaption eines seiner Bücher gewinnt den Oscar (bei Irving 2000 "Gottes Werk und Teufels Beitrag"). Wie Irving schreibt er einen Bestseller, in dem der Vietnamkrieg eine Rolle spielt ("Owen Meany", 1989) und wie der junge, noch unbekannte Irving geht Daniel am "Writer´s Workshop" der University of Iowa bei Kurt Vonnegut in die Schriftsteller-Lehre.
Doch diese Parallelen sind banal. Mit dem Schriftsteller als Helden nützt Irving einfach einmal mehr die Chance, über das Schreiben zu reflektieren. Er gibt Danny ein von Schicksalsschlägen geprägtes Leben, das ihn früh die Flucht in die Welt der Imagination antreten lässt: Seine Mutter ertrinkt, als er zwei Jahre ist. Später verliert er seinen einzigen Sohn, die Liebe seines Lebens und schließlich seinen Vater. Ein Unfall ist es auch, der die Geschichte ins Rollen bringt: Danny verwechselt die Küchengehilfin seines Vaters mit einem Bären und erschlägt sie mit einer Pfanne. Aus der guten Absicht, den Vater in der Dunkelheit seines Schlafzimmers vor einer Bestie mit Zottelpelz zu retten, wird der Totschlag einer geliebten Babysitterin, die noch dazu zum betreffenden Zeitpunkt splitternackt, stöhnend und mit offenem Haar auf seinem ebenfalls nackten Vater sitzt.
"Letzte Nacht in Twisted River" hätte das Zeug zu einer der großen Irving-Tragikgrotesken. Ein etwas genaueres Lektorat, das hier und da auf einer Streichung oder Kürzung bestanden hätte, hätte dem Buch gut getan. Dass der skurrile Zufall eher die Regel als die Ausnahme ist, ist hingegen eine These, der man bereitwillig folgt. Die Geschichte ist gefühlvoll, sinnlich und spannend. Irvings Personal ist bunt - vor allem Dominics Freund Ketchum, der raue Holzflößer, der dem Koch und Danny ein so treuer Freund ist wie er Dannys ertrunkener Mutter ein zweiter Gefährte war. Er ist die Figur, die in ihrer Hemmungslosigkeit, Großherzigkeit und Derbheit am längsten in Erinnerung bleiben wird.