Literatur

04. Januar 2013

John Lanchester "Kapital": Selbst die Luft riecht nach Geld

 Von Dirk Pilz
Schön bunt, aber hinter jeder Fassade lauert ein anderes Krisengebiet.  Foto: imago/imagebroker

Die Krise als Kribbeln: John Lanchesters Menschen- und Zeitbildroman „Kapital“.

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Dies ist nicht der Roman zur Krise. Nicht das „hochaktuelle“ Buch, das die „Top-Themen Schuldenkrise und Gentrifizierung“ verhandelt, wie es der Klett-Cotta Verlag in marktschreierischer Manier anpreist. „Kapital“ von John Lanchester ist dennoch ein gutes Buch, zuweilen sogar ein sehr gutes. Und gut heißt: Man liest es weg wie man sommers ein prickelndes Erfrischungsgetränk zu sich nimmt – gierig, genüsslich, dankbar. Gut heißt auch: Man meint die Figuren am Ende besser zu kennen als sich selbst, bangt und hofft mit ihnen, zittert, lacht und heult. Ein Schmöker mit vielfransigen Identifikationsangeboten. Zuweilen wurde er – erschienen 2012 in Großbritannien und hektisch, mit entsprechender Fehleranfälligkeit ins Deutsche übersetzt – mit den Gesellschaftspanoramen Balzacs verglichen. Das trifft es, auf den ersten Blick. Denn „Kapital“ ist ein Roman über eine Straße in London, die Pepys Road. Über ihre Bewohner, über die Häuser, die Autos, die Vorgärten, die Politessen, die Handwerker, das Wetter, die Jahreszeiten. Der erzählerische Versuch also, in Detailbeschreibungen das große Ganze der Londoner Gegenwart zu erfassen, gegliedert in vier Teilen und 107 Kapiteln, vom Dezember 2007 bis zum November 2008.

Zu diesem Ganzen gehört auch die Finanzkrise, natürlich, weil es nichts gibt, zu dem sie in unserer Gegenwart nicht gehören würde. Aber sie ist eher das Hintergrundrauschen, nicht das Thema des Buches. Sie ist hier wie ein Insekt; es krabbelt unter die Bettdecke des Bewusstseins, nistet sich ein und löst bei jedem andere Fieberschübe aus, eine andere Weltwahrnehmungsverschiebung.

Lanchester schildert wie London lebt

Lanchester will nicht die Krise analysieren, er will schildern, wie das Leben spielt in diesem London, wie es schmeckt und riecht. Auch das mag an Balzac und dessen „Menschliche Komödie“ erinnern. Balzac aber spielte den unparteiischen Beobachter, Lanchester dagegen ist immer Parteigänger seiner Figuren, in ablehnender, karikierender wie in umarmender Weise.

Es wohnt da in der Pepys Road zum Beispiel die Familie Yount. Roger, Arabella und zwei kleine Buben. Er ist hochrangiger Angestellter bei Pinker Lloyd, einer Investmentbank, sie ist Einkaufsfanatikerin, die Kinder sind verzogene Gören. Mit enormer Einfühlungsgabe begleitet Lanchester den Niedergang Rogers, seine heimliche Hauptfigur. Wie er sich berechtigte Hoffnung auf einen Bonus von 1 Million Pfund macht – und nur 30000 Pfund erhält. Wie die Pläne für das Zweithaus und die Superurlaube platzen. Ohne jede Häme, ohne moralischen Dünkel macht Lanchester nachvollziehbar, dass auch dies eine Katastrophe ist: Wenn Lebenspläne scheitern, weil die materielle Grundlage wegrutscht, auch wenn sie sich in Luxusregionen bewegen. Roger ist bei ihm nicht nur der zynische Banker, für den die „Sache mit Lehman“ die Hölle „da draußen“ ist. Er ist ein Mensch, widersprüchlich, sehnsüchtig, unglücklich.

Mit verstecktem Krimi

Arabella dagegen: nichts als die Funktion ihrer Konsumlust. Ein Dummchen, ein Oberflächenetwas. Keine Figur, sondern ein Klatschbild, die ihrem Gatten Seidenslips vom Einkaufstrip aus Amsterdam mitbringt. Der Leser wird ihr gegenüber in die Dauerhaltung des Belächelns gedrängelt. Man fühlt sich nicht wohl dabei, es langweilt schnell, es ärgert mitunter.

Es gibt mehrere solcher Chargen im umfangreichen Personal Lanchesters: Rogers Stellvertreter Mark, sein Chef Lothar, einen muslimischen Extrem-Spinner. Aber es überwiegen die Figuren, denen Lanchester mit einladender Umarmungsgeste entgegentritt, mit dem liebevollen Blick für das Unscheinbare. Der Muslim, der widerrechtlich und fälschlich als Terrorist ins Gefängnis gesteckt wird. Der polnische Handwerker und die ungarische Kinderfrau, die zu den Gestalten einer anrührend zittrigen Liebesgeschichte werden. Der junge Fußballer, der böse gefoult wird. Die alte Dame, die stirbt , die afrikanische Politesse, die ausgewiesen wird.

Sie alle finden übrigens in ihren Häusern der Pepys Road immer wieder Flugblätter, darauf steht: „Wir wollen, was ihr habt.“ Auch das gibt es in diesem Buch: einen versteckten Krimi.

Empathie als zentrale Klammer

Die zentrale Klammer des Romangeschehens ist aber eben diese Empathie, die der Erzähler dem Großteil seiner Figuren schenkt. John Lanchester, geboren 1962 in Hamburg, aufgewachsen im Fernen Osten und seit Jahren Londoner, ist als Erzähler teilnehmender Beobachter; er tut nicht so, als wäre er kein Zeitgenosse. Er tut auch nicht so, als wüsste er als Sachbuchautor nicht ziemlich gut über das „Riesenscheißloch“ namens Finanzkrise Bescheid; schon im März erscheint sein neuestes Finanzfachbuch („Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt“). London? „Selbst die Luft roch irgendwie nach Geld.“

John Lanchester: Kapital. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 682 S., 24,95 Euro
John Lanchester: Kapital. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 682 S., 24,95 Euro

Und doch. „Kapital“ ist kein Krisenschlüsselroman, es ist ein Menschenaufschlüsselroman, ein Buch darüber, wie Menschen sind: sehr verschieden, aber alle unter demselben Zeitgeisthimmel. Es fragt sich ja ohnehin, woher diese Sehnsucht nach dem einen großen Krisenbuch rührt. Es ist, vermutlich, das alte Bedürfnis nach Erlösung, die kunstreligiöse Erwartung, die Kunst möge aus den Fängen der schmutzigen Wirklichkeit befreien. Ein naives Verhältnis zur Kunst, das Lanchester übrigens trefflich persifliert. Er hat auch einen Performancekünstler erfunden, der mit quasi-originellen anonymen Ironie-Installationen im Stadtraum agiert. Er ist sensationell erfolgreich.

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