Früher oder später geschieht es jedem. Er oder sie verliert einen Freund, der mitten aus dem Leben gerissen wird. Judith Hermann hat diese Erfahrung relativ spät mit Mitte Dreißig gemacht, davon will sie erzählen. Schuld ist meistens der Krebs - wenn es auch Hermanns Programm ist, nach Schuld eben nicht zu fragen. Die 39-jährige Starautorin legt nach sechsjähriger Publikationspause - eine halbe Ewigkeit in der schnelllebigen Buchbranche - an diesem Wochenende ihren dritten Erzählband mit dem schlichten Titel "Alice" vor. Man trifft auf eine ernster gewordene Erzählstimme, aber der Ernst sucht nie nach einem Grund: Sterben geschieht, das ist Hermanns Credo.
Eine solche Haltung ist keineswegs selbstverständlich. Denn ein suggestives, psychosomatisches Denken ist gerade in Deutschland fest verankert, und ein Bekenntnisbuch wie seinerzeit Fritz Zorns "Mars", in dem der Krebs als seelisches Geschwür und somit als Antwort des Körpers auf die Zumutungen der Umwelt, der Familie, der Gesellschaft etc. gedeutet wird, konnte davon profitieren. Judith Hermann macht aus ihrer Einstellung zum Sterben nicht viele Worte. Was sie denkt, flimmert zwischen den Zeilen. Wie ja überhaupt diese theorieabstinente, melancholische Erzählerin den Überbau scheut wie der Teufel das Weihwasser.
Darin unterscheidet Judith Hermann sich von ihrer vergleichbar erfolgreichen Generationsgenossin Juli Zeh, die eben genau dies anstrebt: Literatur als Kommentar zur gesellschaftlichen Lage. Und entsprechend präsent ist Zeh als Literaturintellektuelle vor den Mikrofonen der Podiumslandschaft, während Judith Hermann alles mögliche tut, aber gewiss nicht die Öffentlichkeit mit ihren Tagesmeinungen aufrütteln. Ob sie sich hinter einer Fassade politischer Keuschheit nur versteckt, oder ob sie wirklich von Herzen unintellektuell ist, darüber mag man spekulieren. Tatsache ist: Judith Hermann geht ausnehmend vorsichtig mit dem Öffentlichsein um, frei nach dem Motto: "Pass auf dich auf."
Diese liebevolle Aufforderung spricht in dem neuen Erzählband Raymond aus, Alices langjähriger Lebensgefährte. Allerdings kehrt der Satz als erinnerter wieder: Raymond ist tot, und Alice denkt an seine Sorge-um-sie zurück wie an ein Relikt ihrer Liebe. Sie ist nun genauso "Witwe" wie Margaret, die ihrerseits Richard verloren hat. Drei Jahre würde es dauern, hat Richard prophezeit: "Du brauchst drei Jahre, dann wird es bessergehen."
Jedes der fünf Kapitel ist nach einem Mann benannt: Micha, dessen Frau Maja Alice anruft, weil sie jemanden braucht, der auf das Kind aufpasst, wenn sie in das Provinzkrankenhaus geht, wo Micha im Sterben liegt; Conrad, ein väterlicher Freund (es soll sich um den Kritiker Reinhard Baumgart handeln), der Alice einlädt, ihn und seine Frau in Italien zu besuchen, und als Alice mit ihrer Freundin Anna und einem etwas undurchsichtigen Rumänen dann tatsächlich da ist, stirbt Conrad an einem mysteriösen Fieber, vollkommen unerwartet; Richard, Margarets Mann, ist schon unter Morphium, als Alice die beiden - mit Selterswasser und Damenzigaretten im Gepäck - besucht, ist sogar die Beerdigung schon minutiös entworfen; Malte, Alices schwuler Onkel, den sie nicht kennt, weil er sich umgebracht hat noch vor ihrer Geburt, und mit dessen großer Liebe sie sich trifft an einem Regentag; schließlich Raymond, über den wir nicht viel mehr erfahren, als dass er am linken Arm tätowiert ist und gern liest und dass er Alice einmal auf "vollkommene" Weise anblickt. Was auch immer das bedeutet. Woran er stirbt, bleibt offen.
Die große Party ist vorbei, doch hat Gevatter Tod die Erotik nicht vertrieben: In jeder Geschichte ein sterbender beziehungsweise schon toter und dann erinnerter Mann; zwei davon Liebhaber von Alice - das mit Micha ist lange her. Im Krankenhaus küsst sie ihn anders als früher und weiß nicht, ob er's merkt. Der dritte Liebhaber ist ein Lebender, "der Rumäne", der namenlos bleiben muss. Mit ihm treibt Alice es "zornig" und "wüst" und "heruntergekommen" in der Nacht, die auf Conrads Tod folgt.
Ein Lieblingsleitmotiv des Vorgängerbuchs, die Zigarette, finden wir deutlich seltener eingesetzt - und darüber kann man fast enttäuscht sein, jetzt, wo der Tugendwahn sich umfassend durchgesetzt hat. Sie schaue nicht mehr ewig dem Zigarettenrauch hinterher beim Schreiben, vertraute Judith Hermann den Kollegen vom Spiegel an. Und tatsächlich, die elegischen Sätze der Vorgängerbücher "Sommerhaus, später" (1998) und "Nichts als Gespenster" (2003) sind zwar noch anzutreffen, doch werden sie jetzt oft unterbrochen von einem etwas handgestrickt wirkenden Protokollstil, der Alltagseindrücke zu Stillleben einer schönen Bedeutungslosigkeit bündeln will: "Raymonds Streichholzbriefchen, Apothekenkalender, Tankquittungen, Werbeprospekte. Seine Sammelherzen, Coupons, Gutscheine. Ein zerknittertes Foto...".
Was hier zählt, sind bloße Stimmungskonstellationen und ein situativer Existenzialismus. Gefühle stellen sich kaum ein, dazu fehlt es dann doch an Vorgeschichte, Psychologie, an seelischer Tiefe, Zuspitzung und Konflikt. Wer Judith Hermanns berühmten Sound liebt, wird auf seine Kosten kommen. Die Anderen wird der Tod von Micha, Conrad, Richard, Malte und Raymond seltsam wenig berühren.
Judith Hermann: Alice.
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2009, 191 Seiten,
18,95 Euro.