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Literatur

02. Januar 2013

Jünger-Brüder: Ins Feuer mit den bürgerlichen Werten

 Von Harry Nutt
Der jüngere Bruder: Friedrich Georg Jünger.  Foto: dpa

Jörg Magenaus bemerkenswerte Doppelbiografie über die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger

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Jörg Magenaus bemerkenswerte Doppelbiografie über die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger

Am Anfang stand das gemeinsame Lesen. Das Buch in der Mitte auf dem Tisch, saßen die Brüder eng beieinander und folgten dem Text im fein aufeinander abgestimmten Rhythmus. Mal war der eine mit dem Umblättern dran, mal der andere. Wenn wir lesen, bemerkte Friedrich Georg einmal, sind wir zwei Geraden. Wir schneiden uns nicht, wir sind verbunden. So blieb es im Verlauf von über 70 Jahren ihrer gemeinsamen Lebensgeschichte.

Ernst Jünger, 1895 geboren, war drei Jahre älter als sein Bruder Friedrich Georg. Wie die Gegenstände ihrer gemeinsamen Lektüre nahmen sie auch ihre Umgebung wahr. Sie durchstreiften die sumpfigen Wiesen ihrer niedersächsischen Heimat nahe dem Steinhuder Meer, klopften morsche Baumstümpfe auf und inspizierten allerlei Getier. Ernst leitete die kindlichen Expeditionen an und gab die Kommandos, aber wichtiger noch war ihnen das Benennen und Bestimmen ihrer Entdeckungen in Flora und Fauna. Ernst war der schneidigere Typ, Friedrich Georg der weichere.

Der ältere Bruder: Ernst Jünger. (rechts)
Der ältere Bruder: Ernst Jünger. (rechts)
Foto: dpa

Ein paar Jahre später suchten sie nach metallischen Erfahrungen in den Weltkriegen und trugen hernach ihre Verwundungen als Trophäen des Überlebens.

Waren sie als junge Menschen Apologeten eines antibürgerlichen Rigorismus, so gefielen sie sich die weit längere Zeit ihrer jeweiligen schriftstellerischen Existenz in der Rolle der skeptisch Unbeteiligten. Die demokratische Gesellschaft, die sie seit jeher verachtet hatten, gewährte ihnen dazu ein Auskommen mit allerlei Annehmlichkeiten. Als Ernst Jünger, ebenso verehrt wie umstritten, 1998 im Alter von 103 Jahren starb, war sein 21 Jahre zuvor gestorbener Bruder Friedrich Georg als Schriftsteller beinahe vergessen. Der Bruder des berühmten Dichters und Käfersammlers, der auch geschrieben hat.

Jörg Magenau ist mit seiner erzählerisch eleganten Doppelbiografie das Kunststück gelungen, Friedrich Georg Jünger in die Literaturgeschichte zurückzuholen und darüber hinaus die Bruderbeziehung als Quelle eines bemerkenswerten Intellektuellenromans zu erschließen. Waren sie als Tatmenschen darauf versessen, der Gefahr ins Auge zu blicken, so lebten sie in dem enthobenen Bewusstsein, dass letztlich auch der Tod ihnen nichts anhaben kann. Die imaginierte Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod versuchten sie als stilisierte Grundhaltung durch das Jahrhundert zu retten.

Das Leben als Bohème wirkt inszeniert

Ganz ohne Widersprüche blieb das allerdings nicht. Bei allen Versuchen, das Abenteuer der Existenz zur Aufführung zu bringen, vermochten sie doch ihre bürgerliche Herkunft nicht zu verleugnen. Jörg Magenau versteht es, aus den Briefen und den Materialien des Nachlasses das Leben einer radikalen Boheme herauszuarbeiten, deren Selbstinszenierungen gelegentlich ins Lächerliche tendierten. Als einer geselligen Runde in der Berliner Wohnung von Ernst Jünger an einem kalten Winterabend die Kohlen ausgehen, schlägt Ernst vor, kurzerhand einen Vertigo zu verfeuern. Schließlich sei man doch schon immer gegen bürgerliche Werte gewesen. Dass es überhaupt einen Vertigo gegeben hat, darf laut Magenaus Recherche aber bezweifelt werden.

So verschieden die Brüder auch waren und so unterschiedlich ihre literarischen Arbeiten aufgenommen wurden, lebten sie nicht zuletzt doch in der Gewissheit ihrer, wie sie es nannten, „stereoskopischen“ Verbundenheit. Ihre unterschiedlichen Temperamente der Wahrnehmung, so glaubten die Brüder, ermöglichten ihnen einen Gleichklang des Empfindens.

Das muss erst recht an Bedeutung gewonnen haben, als ihre schriftstellerischen Existenzen nicht länger jenseits ideologischer Kämpfe wahrgenommen werden konnten. Seit seinem Erstling „In Stahlgewittern“, in dem er seine Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verarbeitet hatte, war Ernst Jünger als Exponent einer zeittypischen Kältelehre in Erscheinung getreten. Die Brüder feierten die reinigende Kraft des Krieges und fantasierten sich zu sehr in kosmologische Dimensionen hinauf, als dass sie individuelles Leid hätten zur Kenntnis nehmen können. Nationalistischen Größenfantasien durchaus zugetan, waren sie aber doch zu elitär, sich dem offenen Werben der nationalsozialistischen Bewegung hinzugeben. Ernst Jünger entzog sich dem Hitler-Regime so geschickt er konnte, und Friedrich Georg blieb unbehelligt im Schatten des Bruders.

Jörg Magenau erzählt das alles als neugieriger Chronist und ohne Entlarvungsgestus. Die Schlachten der Literaturkritik um Ernst Jünger sind geschlagen, und Magenaus Zurückhaltung macht es möglich, einen neuen Blick auf das seltsame Brüderpaar zu werfen, das sich in der Bundesrepublik, die sie gewiss nicht als ihre geistige Heimat betrachteten, ganz gut eingerichtet hatten.

Während Ernst Jünger mehr und mehr zum knorrig abweisenden Staatsdichter avancierte, blieb Friedrich Georg eine größere Anerkennung verwehrt. Eine kritische Techniktheorie, die durchaus das Zeug gehabt hätte, die entstehende Ökologiebewegung zu inspirieren, blieb unbeachtet, wohl auch, weil die linkskonservative Bewegung nicht mit ihren faschistischen Wurzelsträngen konfrontiert werden wollte.

Dabei führt Magenaus eindrucksvoll vor, wie wenig die radikale Boheme zu Beginn des Jahrhunderts in den heute üblichen politischen Koordinaten zu verorten war.

Jörg Magenau: Brüder unterm Sternenzelt. Friedrich Georg und Ernst Jünger. Eine Biographie. Klett-Cotta, Stuttgart 2012. 320 Seiten. 22,95 Euro.

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