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Literatur

20. März 2016

Juli Zeh: Radikal unter Leuten

 Von Harald Jähner
Die Romanfiguren aus Berlin wissen, dass in der Prignitz leer stehende Häuser billig zu haben sind.  Foto: imago stock&people

Juli Zehs neuer Roman „Unterleuten“ ist die gelungene Sozialstudie eines Brandenburger Dorfes. Und mehr unter Leuten, als in einem Dorf, kann man wohl kaum sein.

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„Unterleuten“ heißt das Buch und der Ort, von dem des handelt, ein Dorf in Brandenburg. Der „alberne Name“, wie im Roman selbst einer sagt, ist natürlich fiktiv, aber er trifft eines genau: Mehr unter Leuten als in einem Dorf kann man nicht sein. Wegducken und sich in der Anonymität verstecken wie in der Stadt kann man hier nicht. Man ist immerzu unter Leuten, unter Beobachtung, und wenn es schlimm kommt, unter Qualm.

So wie Jule und ihr Mann Gerhard Fließ. Der frühere Dozent für Sozialwissenschaften ist frustriert von seinem Uni-Job in Berlin aufs Land gezogen. Er hat die Stelle eines Vogelschützers in der Unterleutner Heide angenommen und ist nun verantwortlich für 32 geschützte Kampfläufer, „fleckige Vögel von Größe und Statur einer Mülltüte“. Mit dieser Aufgabe versorgt, will Fließ für Frau und Kind ein gemütliches Nest bauen. Doch ihr kleines Häuschen wird von Nachbar Schaller, den Fließens nur noch „das Tier“ nennen, in eine stinkende Hölle verwandelt. Tag für Tag verbrennt der rohe Geselle, der im Garten nebenan eine Art wilde Autowerkstatt betreibt, Gummireifen. Anzeigen bei der Polizei bringen nichts, in der Prignitz stecken alle unter einer Decke. Die Qualmfolter dient offensichtlich dem Zweck, den Vogelwart zu vergrämen. Aber warum?

Die Suche nach der Antwort führt Fließ tief in die Irrungen der Dorfgeschichte und -zukunft. Da sind einerseits die Fehden zwischen den Alteingesessenen, die weit in die Zeit der sozialistischen Bodenreform zurückreichen und da ist andererseits das Projekt, einen Windpark zu errichten mit der Aussicht, saftige Erträge zu erwirtschaften. Unterleuten: Allein elf echte Hauptfiguren zählt der Roman, von denen jeder noch einmal etliche Verwandte, Freunde oder Kinder mit in den Text bringt. Halte er sich ab und zu mal in Berlin auf, so einer der frisch Hinzugezogenen, dann „verwandele sich das Dorf in einen Dostojewski-Roman, bei dem jede Figur von der Frage begleitet werde: Wer war das denn noch mal?“.

Dabei hat Juli Zeh alles getan, für Übersichtlichkeit zu sorgen. Jedes Kapitel trägt als Überschrift den Namen der Hauptfigur, an deren Fersen es sich gerade heftet. Im Schnitt ist jede der hier wichtigen Unterleutner fünf Mal dran, auf diese Weise im Mittelpunkt des Romans zu stehen.

Die Charaktere entwickeln sich

Da ist der einstige Großgrundbesitzersohn Grabowski, der sich nach der Enteignung des Familienbesitzes in der frühen DDR bald zum Vorsitzenden der LPG „Gute Hoffnung“ gemausert hat – und sie nach der Wende als Geschäftsführer in die Ökologica GmbH umwandelt. Da ist dessen Erzfeind Kron, der den Hof des Großgrundbesitzers einst gebrandschatzt hat und später als Brigadeführer dort tätig ist. Seit der Wende arbeitet er nur noch als oberster Stinkstiefel der Dorfgemeinschaft. Da ist der Investor aus Bayern, aus dessen Perspektive Brandenburg wie „eine Variation auf das Thema Wüste“ aussieht. Und da ist die machtbewusste Pferdefreundin aus Berlin, die nach Unterleuten kommt mit dem neu entdeckten Lebensziel, sich „ein Stück Welt abzuzäunen“. Ebenfalls der Klarheit halber macht sich Juli Zeh im ersten Viertel des Buches etwas zu holzschnittartig daran, ihren Figuren Charakter und Vorgeschichte zu verpassen. Sie werden dazu so überdeutlich mit Insignien ihrer Herkunft und Weltanschauung ausgestattet, dass man sich an manchen Stellen dramaturgisch wie im Vorabendprogramm der ARD vorkommt.

Das ist dann verdrießlich, sollte einen aber nicht vom Weiterlesen abhalten, denn alsbald nimmt die Sache ordentlich Fahrt auf und die anfangs etwas plakativen Charaktere entwickeln ein überraschend reiches und zu Ende gedachtes Innenleben. Als Leser kann man in sie hineinhüpfen wie die Kampfläufer in die Sumpfwiesen, immer von einer Seele in die andere.

Durch das Verfahren, jedes Kapitel einer anderen Hauptfigur zu gönnen, erleben wir die Unterleutner Dorffehden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Der eine kennt zeitlebens nichts anderes als das Dorf, der andere fährt in es hinein „wie in einen David-Lynch-Film“. Sie alle leben zwar am selben Ort, aber zugleich vernagelt in sehr verschiedene Welten. „Wenn ich in Unterleuten eines gelernt habe“, heißt es im Epilog, „dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat“. „Unterleuten“ ist eine Sozialstudie des Rechthabens. Alle wollen das Beste und machen sich damit gegenseitig das Leben zur Hölle.

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Luchterhand Verlag, München 2016. 640 Seiten, 24,99 Euro.

Die Konflikte um altes und neues Unrecht, um Untreue, Eifersucht und verpasstes Glück steigern sich zum echten Thriller, und es gibt viele Stellen, die man sich anstreichen möchte, weil die Figuren so pointiert formulieren. „Muss der fette Hund auch noch den Wind bestehlen?“, fragt der Altkommunist angesichts der Energiepläne seines verhassten Kontrahenten. Andererseits ist aber doch zu bezweifeln, ob eine alte Dörflerin ihre Katzen wirklich so hochkulturell Stockhausen, Bernstein und Schönberg nennt, oder ob ein durch und durch ländlich geprägter Forstarbeiter angesichts einer Dorfversammlung für sich wirklich den Schluss zieht: „Genormt, bespaßt und verwaltet – eine Bürgerherde.“ Hier pfuscht der eigene Jargon der Autorin, die neben der Arbeit an ihren zahlreichen Büchern 2010 in Jura promovierte und übrigens seit Jahren im Havelland lebt, in den inneren Monolog des Landmanns hinein und versalzt ihr die Stimmigkeit. Aber das sind Ausnahmen.

Schwerer wirkt der Einwand, dass diese Prignitz keine ist. Man hätte sich hier und da eine Prise Stanišic gewünscht, also etwas von dem Erdig-Urigen, das den Uckermark-Roman „Vor dem Fest“ des noch ganz jungen Autors Saša Stanišic im Frühjahr 2014 zu einem literarischen Ereignis gemacht hat, zu einem Dorfporträt, in dem die Natur die herausragende Rolle spielt, die sie auf dem Land nun mal hat. Sogar eine Fähe, eine Füchsin also, mischt sich dort unter die Hauptfiguren. Für Brandenburg-Romantiker, die das Eigentümliche dieses Landes literarisch wegschlotzen möchten wie süffigen Wein, taugt der Roman von Juli Zeh weniger. Dafür ist er zu anthropozentrisch. Er bietet stattdessen jede Menge gelungene literarische Konfliktforschung, radikal unter Leuten eben.

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