Justine Lévy, obwohl Sie als extrem schüchtern gelten, erzählen Sie in Ihren Büchern jedes Mal intimste Erlebnisse aus Ihrem Leben. Können Sie diesen Widerspruch erklären?
Bin ich wirklich so schüchtern? Mein Vater behauptet das zwar, weil ihm das vermutlich irgendwie niedlich vorkommt. Aber ich glaube nicht, wirklich so schüchtern zu sein. Ich würde es zumindest anders nennen: Ich habe Angst vor Massen. Sobald mehr als zwei Menschen in einem Raum sind, bekomme ich Angst.
Justine Lévy, 37, Tochter des Ex-Mannequins Isabelle Doutreluigne und des Philosophen Bernard-Henri Lévy, hat mit 23 ihren ersten Roman veröffentlicht, in dem sie mit ihrer drogensüchtigen Mutter abrechnete. Weltruhm erlangte sie mit ihrem zweiten Roman, "Nicht so tragisch" (2005 auf Deutsch), der erzählt, wie Paula, ein italienisches Topmodel, ihr den Ehemann ausgespannt hat. Kaum war die Verbindung Carla Brunis mit Frankreichs Präsident Sarkozy offiziell, wurde das Buch zum Bestseller. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Patrick Mille hat Lévy zwei Kinder, Suzanne, 5, und Lucien, 1.
In ihrem jüngsten Roman erzählt sie vom schlechten Gewissen, Mutter zu werden, während die eigene Mutter stirbt. "Schlechte Tochter" ist auf Deutsch soeben im Antje Kunstmann Verlag erschienen, übersetzt von Claudia Steinitz, 176 S., 17,90 Euro. ith
Trotzdem bleibt es ein Widerspruch...
Eigentlich nicht. Schüchtern zu sein heißt, vor anderen Angst zu haben. Aber wenn man schreibt, ist man mit sich allein. Man schreibt auch nicht für ein großes Publikum. Man schreibt für ein, zwei ganz bestimmte Personen, an die man beim Schreiben denkt. Man fabriziert doch keine schönen Sätze nur für sich allein.
Schreiben Sie für Ihren Vater?
Auch. Manchmal schreibe ich für meinen Vater, manchmal für jemand anderes.
Der Titel Ihres Buches lautet "Schlechte Tochter". Nach allem, was man über Ihre Mutter weiß, nämlich dass sie drogenabhängig war, dass sie zeitweise im Gefängnis saß und Sie vernachlässigt hat, hätte der Titel wohl eher "Rabenmutter" lauten müssen?
Nein. Meine Mutter war eigentlich keine schlechte Mutter. In Wahrheit hätte ich keine bessere haben können. Ich habe sie von Anfang an geliebt und sie hat mich geliebt, auf ihre seltsame Art. Sie hatte eben diese eigene, verschrobene, wenn man so will verrückte Weise die Menschen zu lieben. Ich habe nie an ihrer Liebe gezweifelt, wusste aber, dass ich nicht auf sie zählen kann. Auch wenn sie mir seltsam wacklige Fundamente gegeben hat, hat sie mir zugleich auch sehr schöne Sachen vermittelt.
Ist der Titel also ironisch zu verstehen?
Ein wenig Ironie ist drin, aber gleichzeitig ist da auch etwas Wahres dran. Ich meine nicht, dass ich in meiner Kindheit eine schlechte Tochter war, sondern dass ich eine schlechte erwachsene Tochter bin, die schnell die Schnauze voll hat, sich nicht ständig um ihre kranke Mutter kümmern will, die einfach ihr Leben genießen will und ihre Mutter ausgerechnet im Stich lässt, als sie sie am meisten gebraucht hätte.
Kommt das schlechte Gewissen daher, dass Sie genau dann schwanger werden, als Sie Ihre Mutter verlieren?
Ja. Das ist schon seltsam. Als sie die Hauptperson hätte sein müssen, wuchs in meinem Bauch ein Wesen heran, um das ich mich fast mehr kümmern musste. Etwas, das mehr und mehr Platz einnahm, das den Kummer aufsaugte, den Schmerz verdünnte. Auch deshalb bin ich eine schlechte Tochter, weil ich überzeugt bin, dass man nicht einfach so schwanger wird. Es gibt eine Verbindung zwischen Kopf und Körper. Es war also alles andere als Zufall.
Und der Krebs, der ist Ihrer Meinung nach also auch kein Zufall?
Nein, vor allem nicht der Brustkrebs, der die Brust zerfrisst, mit der man sein Kind ernährt hat.
Der Krebs ist ein großes Thema in der Gegenwartsliteratur. Haben Sie Bücher dazu gelesen?
Nein. Ich will so etwas nicht lesen, aus Angst, das könnte mich traurig machen. Ich würde auch mein eigenes Buch nicht lesen, wirklich nicht. Ich mag traurige Bücher nicht.
Was lesen Sie denn?
Ich mag Bücher, die mir nicht ähneln. Die woanders hin führen, keine Bücher der Art, wie ich sie schreibe.
Warum erfinden Sie selbst keine Geschichten?
Ich wäre gerne eine Schriftstellerin, die ihrer Vorstellungskraft vertraut. Aber ich habe das ehrlich gesagt noch nicht einmal probiert. Ich weiß, dass mir das nicht liegt. Es gibt andere Leute, die das wunderbar machen. Ich nicht. Leider nicht.
Sie gehen sehr viel weiter: Alle Figuren in Ihren Romanen sind bekannte Persönlichkeiten. Wieso lösen Sie sich nicht von Ihrer Familiengeschichte?
Wieso sollte ich? Ich bin stolz auf meinen Vater. Ich habe kein Problem mit ihm. Zwischen ihn und mich passt kein Blatt Papier. Und selbst wenn ich einen Roman mit Cowboys und Indianern geschrieben hätte, hätte man mir doch dasselbe vorgeworfen, nämlich dass ich von seinem Einfluss profitiere. Und das stimmt natürlich. Ich habe davon profitiert. Vor allem am Anfang, jetzt weniger. Ich weiß, dass das ungerecht war. Andererseits gab es für mich keine Alternative. Hätte ich seinen Freunden verbieten sollen, über meine Bücher Gutes zu sagen? Hätte ich nach Australien abhauen sollen? Hätte ich es mir verbieten sollen, zu schreiben, nur weil es die anderen aufgeregt hat?
Ist es für Sie am Ende womöglich sogar noch schwieriger, sich einen Namen zu machen, weil Sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer die Tochter von BHL bleiben werden?
Ich habe mir nie einen Namen machen wollen. Ich bin zufrieden mit meinem Namen, dem Namen meines Vaters. Ich bin stolz auf ihn. Dass die Leute sich aufregen, das hört eines Tages auf oder auch nicht. Aber das war nie mein persönliches Problem.
Ärgert es Ihren Vater, dass Sie über ihn recht intim schreiben?
Er hat mir in dieser Hinsicht noch nie etwas vorgeworfen, obwohl er eigentlich auch sehr schamhaft ist. Ich habe mich das aber auch gefragt, ob ihm das so gefällt, dass ich ihn zeige, wie er im Krankenhaus ankommt, alles kontrollieren will. Aber darüber hat er nie mit mir gesprochen. Er hat immer nur grammatikalische Anmerkungen gemacht. Oder gesagt: "Justine, du kannst unmöglich so lange Sätze machen." Er ist da sehr großzügig. Entweder räumt er den Schriftstellern alle Rechte ein. Oder ich habe Narrenfreiheit. Oder aber das Bild, das ich von ihm zeichne, schmeichelt ihm.