Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

06. September 2010

Kafka-Comic: Erlöst durch Lieblosigkeit

 Von Christian Schlüter
Gregor Samsa als Schabe: Nach einiger Zeit wird er auch von seiner Familie nicht mehr geduldet, nicht mehr ertragen – und vereinsamt zunehemnd.  Foto: Knesebeck

Aus dem Leben einer Schabe: Eric Corbeyrans und Richard Hornes haben eine herausragende Adaption von Kafkas „Verwandlung“ geschaffen. Der Comic liefert nicht einfach die Geschichte, sondern eröffnet ungewohnte Wege.

Drucken per Mail

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Mit diesem berühmten Satz beginnt Franz Kafkas kleine Erzählung „Die Verwandlung“ und auch eine etwas größere Irritation. Denn unklar bleibt, um welches Ungeziefer es sich hier eigentlich handelt. Die meisten würden wohl auf ein Insekt, insbesondere einen Käfer wetten, obwohl Kafka sich, nach allem, was wir wissen, von der Bettwanze aus „Brehms Tierleben“ anregen ließ. Aber verfügt eine Bettwanze über einen „panzerartig harten Rücken“? Und wird Gregor nicht von einer alten Haushälterin zwei Mal „Mistkäfer“ genannt?

Der Szenarist Eric Corbeyran und der Zeichner Richard Horne haben sich in ihrer überaus gelungenen Comic-Adaption für eine drastische Variante entschieden: Aus Gregor Samsa wurde kurzerhand eine Schabe. Sie wird auf der Innenseite des Einbands gleich seitengroß gezeigt, nebst einiger wissenschaftlicher Erläuterungen. Kein Zweifel, die Schabe ist ein „ungeheures Ungeziefer“ und löst beim Betrachter sofort einen Schauder aus: Das Tier hat nicht den besten Ruf und taucht als Unheilsbringer immer wieder gerne in Grusel- und Horrorfilmen auf. Und genau so wird es vom Zeichner auf den ersten Seiten auch düster in Szene gesetzt – in vielen Großaufnahmen, von allen Seiten.

Der Comic hält sich ansonsten an die literarische Vorlage, Eric Corbeyran ist hier trotz aller unvermeidlichen Straffungen und Streichungen zu einer plausiblen Szenenfolge gefunden. Die Seitenaufteilung der Einzelbilder entfaltet eine präzise kalkulierte Dynamik, mal in freierer, dann wieder in strengerer Anordnung beschleunigen oder verlangsamen sie den Erzählfluss. Seine Figuren lässt Richard Horne zumeist vor schwarzem Hintergrund erscheinen, die Farben bleiben immer gedeckt – bis zur letzten Seite, nachdem Gregor gestorben ist, seine Eltern und die Schwester ins Freie vor die Tore der Stadt fahren, der Himmel wieder blau ist und das Kleid der Schwester in kräftigem Rot leuchtet.

Auf diese Weise entsteht jene wohl kafkaesk zu nennende Stimmung, jene beklemmende Atmosphäre, in der jede lebendige Regung niedergedrückt wird und aus der es kein Entkommen gibt. Es sei denn, man kommt dem sicheren Tod durch den Entschluss zuvor, aus dem Leben zu scheiden, gewissermaßen als Akt der Würde: „An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, dass er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester.“ So dankt der vollkommen vereinsamte Gregor seiner Familie, die sich erst von ihrem bürgerlichen Mitleid befreien musste, um zu jener Lieblosigkeit zu finden, die ihn erlöst.

Der Comic „Die Verwandlung“ hat trotz seiner klaren literarischen Vorgaben zu einer eigenständigen, nicht bloß, wie der Knesebeck-Verlag sein Produkt bewirbt, „illustrierenden" Form gefunden. Was in erste Linie daran liegt, dass sich Eric Corbeyran und Richard Horne des ästhetischen Eigensinns ihres Mediums sehr wohl bewusst sind und ihm in den überbordenden Bildertableaus auch nachgegeben haben. Der Comic liefert nicht einfach Kafkas berühmte Geschichte, nur mit weniger Text, sondern eröffnet mit seinem kunstvollen Text- und Bildarrangement der Lektüre eines Klassikers ungewohnte Wege. Geradezu vorbildlich ist das dem französisch-britischen Künstlerduo gelungen.

Wie schwierig ein solches Unterfangen ist, zeigt eine weitere Veröffentlichung bei Knesebeck. Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Ganz ambitioniert wird der Comic als „Graphic Novel“ zur literarischen Gattungen promoviert – was einem allgemeinen Trend entspricht und den Verlagen neue Lesergruppen erschließen soll. Doch illustrieren die Bilder hier nur, dienen der Geschichte als schmückendes Beiwerk und entfalten gerade nicht ihren wunderbaren Eigensinn. Dem Comic-Leser dürfte schnell langweilig werden, wenn er sich durch lange Textkolumnen liest, die in keinem erkennbaren Bezug zum Bilderwerk stehen – außer dem, es an den Rand drängen.

Eric Corbeyran, Richard Horne: Die Verwandlung (von Franz Kafka), Knesebeck Verlag, München 2010, 48 Seiten, 19,95 Euro.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige