Literatur

23. September 2010

Kalter Krieg: Dialektik der Aufklärung

 Von Rolf Wiggershaus
Exilmarxist beim US-Geheimdienst: Herbert Marcuse.  Foto: dpa

Tim B. Müller hat einen monumentalen Beitrag zur Ideen- und Intellektuellengeschichte des Kalten Krieges geliefert. Doch nicht alle Interpretationen Müllers überzeugen. Das gilt vor allem bei der Gesamteinschätzung Marcuses.

Drucken per Mail

Dem Historiker und Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung Tim B. Müller ist Bemerkenswertes gelungen: ein monumentaler Beitrag zur Ideen- und Intellektuellengeschichte des Kalten Krieges, der die Ergebnisse intensiver Archivforschung klar strukturiert und literarisch glanzvoll präsentiert. Im Mittelpunkt des Buches steht eine Gruppe von deutsch-jüdischen Emigranten und US-amerikanischen Wissenschaftlern. Für sie begann im Office of Strategic Services (OSS), das nach dem Eintritt der USA in den Krieg gegen die faschistischen Achsenmächte 1942 gegründet wurde, eine gemeinsame Geschichte.

„Research and Analysis Branch“ (R&A) hieß die OSS-Abteilung mit etwa 900 Mitarbeitern, auf die im Rückblick heute selbst die damals noch gar nicht existierende CIA stolz ist. Dieses Who’s Who von zwei Gelehrtengenerationen stellte einen der wenigen herausragenden amerikanischen Beiträge zum Handwerk der Geheimdienste dar. Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen sammelten und verarbeiteten öffentlich zugängliche Informationen aus allen relevanten Bereichen und lieferten auf diese Weise ihren spezifischen Beitrag zum „war effort“ der USA. R&A führte linksintellektuelle Emigranten wie Herbert Marcuse, Franz Neumann und Otto Kirchheimer mit linksliberalen amerikanischen Kollegen wie den Historikern Stuart Hughes und Carl Schorske oder dem Soziologen Barrington Moore zusammen.

Schatten der Geheimdienste

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb R&A als Teil eines nun dem Außenministerium unterstellten Office of Research and Intelligence (OIR) erhalten. Viele der Mitarbeiter wechselten zwar in andere Institutionen, aber durch die gemeinsame R&A-Tätigkeit hatten sich Beziehungen ergeben, die nach Kriegsende anhielten und sich im Dreieck von dem dem Außenministerium unterstelltem Nachrichtendienst, großen Stiftungen wie der Rockefeller Foundation und renommierten Universitäten wie Columbia und Stanford bewährten.

Im Zeichen des Antifaschismus war eine Simultaneität von Verwissenschaftlichung der Politik und Politisierung der Wissenschaft in Gang gekommen. Für Müller drängt sich vor diesem Hintergrund die Frage nach einem Zusammenhang zwischen einer Politisierung der Wissenschaft im Krieg und einer sich politisch verstehenden Theorie der Gesellschaft auf. Im Kontext von Zweitem Weltkrieg und Kaltem Krieg gab es offenbar „eine vergessene formative Phase für die Karriere und das Erkenntnisinteresse“ der erwähnten Linksintellektuellen „im Schatten der Geheimdienste und im Schutze des liberalen Establishments der Vereinigten Staaten“. Für die Hauptprotagonisten von Müllers Buch, Marcuse, Neumann und Hughs, drängt sich daher die Frage auf: Sind sie je aus diesem Schatten herausgetreten? Wollten oder konnten sie das überhaupt? Bei der Suche nach einer Antwort waren vor allem die Archive des amerikanischen Außenministeriums und der Rockefeller-Stiftung für den Historiker bedeutsam.

Müllers dichte Beschreibung sowohl geheimdienstlicher Wissensproduktion als auch des Zustandekommens von Projekten unter den Fittichen der Rockefeller-Stiftung ist beeindruckend. An Hand von Projekten wie dem Marshallplan oder dem als psychologische Offensive gegen die Sowjetunion gedachten „Project Troy“, die zur Europapolitik der USA gehörten, werden gewissermaßen am Material die unterschiedlichen Perspektiven, Strategievorstellungen und Motive diverser Abteilungen anschaulich.

Ein Beispiel für Müllers Geschick, Beschreibung und interpretierende Überlegungen zu verbinden, ist eine Passage über die linken Vordenker des Marshallplans. Stuart Hughes und seinen ökonomischen Mitarbeitern ging es 1947 um die wirtschaftliche Erholung Westeuropas und den Ausgleich mit der UdSSR. Doch: „Die Dialektik der Aufklärung erfasste sie, manchmal wissentlich und öfter unwissentlich.“ Auf die Verwendung der Erkenntnisse und Vorschläge im Geheimdienstapparat hatte der Verfasser von Memoranden keinen Einfluss. „Eine für die politische und ideologische Stabilisierung Westeuropas im Zeichen des demokratischen Sozialismus geplante psychologische Kampagne konnte in ein Instrument der Subversion gegen den Ostblock umschlagen.“

Mit der das Buch fast leitmotivisch durchziehenden Formulierung „Dialektik der Aufklärung“ hat Müller eine zentrale Einsicht seiner Untersuchung auf den Begriff gebracht und damit dem Titel des während des Zweiten Weltkriegs im US-Exil entstandenen Buches von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine neue Bedeutungsschicht hinzugefügt. Gerade das, was an der Arbeit der R&A-Intellektuellen als wissenschaftliche Leistung hervorsticht – etwa die Interdisziplinarität, die Berücksichtigung komplexer Kontexte, die immanente Interpretation des Untersuchungsobjekts –, war umso gravierenderem Missbrauch ausgesetzt. So geriet Marcuses Marxismusforschung, die keine antitotalitären Stereotypen reproduzierte, „in den Sog der psychologischen Kriegsführung“.

Nicht alle Interpretationen Müllers überzeugen. Das gilt vor allem da, wo es um eine Gesamteinschätzung Marcuses und sein Verhältnis zu dem von Horkheimer und Adorno repräsentierten Institut für Sozialforschung geht. Der Sinn der Feststellung, Marcuse sei von einem Exilmarxisten zum amerikanischen Intellektuellen geworden, wird nicht recht deutlich. Wer den Marcuse der 20er und 30er Jahre mit im Blick hat, wird eher eine Kontinuität gewisser existentialistischer Motive wahrnehmen. Dass Marcuse nie ernsthaft eine Rückkehr nach Deutschland angestrebt habe, bleibt eine Behauptung, gegen die unter anderem der Briefwechsel mit Horkheimer spricht.

Ungewollter Sarkasmus

Vor allem aber wird von Müller den als unpolitisch eingestuften Heimkehrern Horkheimer und Adorno ein zu positives Bild der amerikanischen Existenz Marcuses gegenübergestellt. Noch weniger als Neumann hatte es ihn zum politischen Engagement im US-Geheimdienst gedrängt. Eher schob das Horkheimersche Institut ihn dorthin ab. Während seiner Zeit im Geheimdienst wuchs seine Frustration. Er wäre gerne sofort nach Kriegsende an eine Universität gewechselt, wenn er die Chance dazu gehabt hätte.

So klingt – ungewollt – sarkastisch, was Müller zur Situation Marcuses in den 50er Jahren sagt, als er auf Unterstützung durch die Rockefeller-Stiftung hoffte. „Die Stiftungsmitarbeiter wurden Karriereberater. Nachdrücklich … drängten sie Marcuse zum vorläufigen Verzicht auf sein allzu europäisch klingendes Projekt. … Mit einer Studie zur sowjetischen Philosophie, auf einem Gebiet, in dem ihm sein Ruf vorauseilte und das ihm Stellen in Columbia und Harvard eingetragen hatte, sei ihm besser gedient.“

Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition 2010, 736 Seiten, 35 Euro.

Jetzt kommentieren

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Deutscher Buchpreis - Shortlist 2014
Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur