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Literatur

25. März 2013

Karlheinz Deschner : Jede Schmach und jede Schande

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Mit dem zehnten Band seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ schließt Karlheinz Deschner eines der großen Werke des 20. Jahrhunderts ab.  Foto: Reuters

Mit dem zehnten Band seiner "Kriminalgeschichte des Christentums" schließt Karlheinz Deschner eines der großen Werke des 20.Jahrhunderts ab.

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Im Jahre 1956 erschien Karlheinz Deschners erster Roman. 1957 die Umfrage: „Was halten Sie vom Christentum?“ und im selben Jahr das Vademecum einer Moderne der Abspeckung: „Kitsch, Konvention und Kunst – eine Streitschrift“. Nein, das wird kein Geburtstagsartikel. Der ist ganz groß fällig am 23. Mai 2014. Da wird Deschner – hoffentlich – 90 Jahre alt werden. Jetzt gilt es erst etwas anderes zu feiern. Der zehnte, der abschließende Band seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“ ist erschienen. 1986 war Band 1 herausgekommen. Ein Leser schrieb mir dieser Tage, es sei unakzeptabel, zu behaupten, die katholische Kirche habe im Laufe ihrer Geschichte sich immer wieder wie eine Verbrecherorganisation verhalten. Er mag das als Beschimpfung gelesen haben, die man hinnehmen oder gegen die man sich verwehren kann. Es war aber eine Tatsachenbehauptung. Material für sie findet man bei Deschner.

Der Autor wird nicht müde zu erklären, dass er eine „Kriminalgeschichte des Christentums“ schreibt, keine umfassende, allen Seiten dieser Religion gerecht werden wollende Darstellung. Statt ihm dankbar zu sein und zu überlegen, wie man den Gang-stern im eigenen Laden das Handwerk hätte legen können, oder – wichtiger noch – wie man verhindern kann, dass immer wieder neue Verbrechen unter dem Deckmantel der Religion begangen werden, wird der Überbringer der unangenehmen Nachricht immer wieder beschimpft. Das zeigt nur, dass die Stellvertreter Christi sich nicht unterscheiden von uns anderen Sterblichen. Sie sind eben nicht nur Sünder, sondern sie sind ebenso wenig dankbar dafür, auf ihre Sünden angesprochen zu werden wie der Rest der Menschheit. Desto wichtiger sind diese Vorhaltungen. Desto wichtiger ist Karlheinz Deschner.

        

Karlheinz Deschner Kriminal-geschichte des Christentums. Bd 10.Rowohlt 2013, 320 S., 22,95 Euro
Karlheinz Deschner Kriminal-geschichte des Christentums. Bd 10.Rowohlt 2013, 320 S., 22,95 Euro

1962 erschien auf 700 Seiten „Abermals krähte der Hahn – Eine kritische Kirchengeschichte von den Anfängen bis zu Pius XII.“. Das war eine Sensation. Im Jahr darauf betrat Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ die Bühne. Nach dem Ende der Naziherrschaft hatten die Kirchen – als wären nicht auch sie involviert gewesen – sich den verunsicherten Deutschen als Wahrer der abendländischen Werte empfohlen. Mal inklusive ein wenig Demokratie, mal eher nicht. In dieser Zeit, da vor allem der Katholizismus in der Bundesrepublik heftig auf Mitgestaltung der Republik drangen, waren Deschners Bücher ein wirksames Gegengift, wie ich als Schüler eines evangelischen Internats aus eigener Anschauung sagen kann.

Auch nur Menschen

Karlheinz Deschner machte sich die Arbeit, auf die die hartnäckigen Verteidiger der Institutionen gerne verzichteten. Er wälzte Akten, stieg in die verwirrenden Auseinandersetzungen um alte und neue Dogmen und verstand es, uns klarzumachen, dass uns in den Kirchen keine Organisation der Erwählten gegenüberstand, sondern eine von Menschen wie du und ich, die nur leider versuchen, uns darüber hinwegzutäuschen und so zu tun, als seien sie prinzipiell die Guten. Dass es so etwas wie die prinzipiell Guten nicht geben kann, dass durch diese Idee vielmehr dem Missbrauch noch ein paar Möglichkeiten mehr gegeben werden, das sagt einem der Verstand. Wie die christlichen Kirchen im Laufe der Geschichte immer wieder gegen diese Vernunft Sturm liefen, das kann man nachlesen in den zehn Bänden von Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“. Sie sind im Rowohlt-Verlag zu haben. Alle zehn Bände. Und es gibt eine CD-Rom-Ausgabe der Bände 1-9 in der Digitalen Bibliothek. Die gibt es freilich nur noch antiquarisch.

Man stößt darin auf so einfache Feststellungen wie diese: „Hierzulande gab es in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts in Würzburg für 1 149 Studenten der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät zehn Lehrstühle, für 238 Theologen 16. In Bamberg – der Geburtsstadt Deschners – finanzierte damals der christlich-soziale Freistaat Bayern für 30 Theologiestudenten 11 Professuren.“ Ich lese das und denke, warum mache ich mir nicht die Mühe und sehe mal nach, wie das heute aussieht? Es ist Faulheit. Wir sind die Öffentlichkeit, wir sollten nachschauen und prüfen, was ja noch nicht einmal versteckt wird.

Die CD-Rom-Ausgabe ist natürlich eine besondere Freude. Man kann Begriffe eingeben und kommt so zu einem ganz eigenen Blitzritt durch die Kirchengeschichte. Zum Beispiel aus aktuellem Anlass: Papstwahl. Man erfährt dort, dass bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts jeder Laie Bischof werden konnte. Eine der Voraussetzungen war, dass er ein guter Gatte und Familienvater war! Noch bis ins sechste Jahrhundert wählte in Westeuropa die Gemeinde den Bischof. Auf der Lateransynode von 769 wurde diesem demokratischen Spuk, der ja dann in den Kirchen der Reformation wieder auferstand, ein Ende gemacht. Den Laien blieb das Recht der Akklamation. Zum ersten Konklave der Geschichte der katholischen Kirche (1241) schreibt Deschner: „Das Kardinalskollegium, gespalten in kaiserfreundliche und kaiserfeindliche Kardinäle, war nach Gregors IX. Tod tief zerstritten. Keine Gruppe erreichte die vorgeschriebene Zweidrittelmehrheit. Da sperrte der von Gregor geförderte Senator Matteo Rosso Orsini, Mitglied des dritten Ordens der Minoriten – ein Franziskaner also – in Rom jetzt faktisch als Diktator herrschend, die Kardinäle unter zermürbenden Begleiterscheinungen in das Septizonium ein, den verfallenen Palast des Kaisers Septimius Severus. Ein Kardinal bekam beim Hereinschleifen den Rücken aufgerissen; ein Kardinal, der Engländer Robert von Somercote, starb nach einem Monat von den Wächtern verhöhnt unter erbärmlichen Umständen.“ Nach sechzig Tagen gab es endlich einen Papst, der freilich vierzehn Tage später starb, „ohne geweiht zu sein, ohne Abzeichen, ohne Siegel, ohne eine einzige Amtshandlung, außer der Exkommunikation des Senators Orsini und seiner Schergen. Den ‚Gesta Treverorum‘ zufolge endete der Papst durch Gift. Daher ließen die Kardinäle die heilige Kirche viele Tage ohne Oberhaupt und gleichsam verödet, da sie ein ähnliches Ende befürchteten.“ So viel zur Einrichtung der altehrwürdigen Institution des Konklave.

Nur selten der Folter entgegen

Der letzte Band der „Kriminalgeschichte des Christentums“ wendet den Blick nach Norden und zur Heiligen Stadt Moskau, zum dritten Rom. Es gibt auch dort nur wenige Geschichten, in denen das Christentum, diese Religion der Nächstenliebe, sich der Folter, den Massakern entgegenstellte. Auch dort segneten die Priester die Instrumente der Vernichtung und priesen noch die blutrünstigsten Herrscher. Die waren selbst überzeugt von ihrer Christlichkeit. Iwan der Schreckliche zum Beispiel las morgens in der Bibel, konsultierte die Heiligenlegenden, kannte die Psalmen und Teile der Evangelien auswendig. Er liebte es, sie zu rezitieren, und Ende Februar 1549, er war gerade 19 Jahre alt, da rief er den Menschen auf dem Moskauer Roten Platz zu: „Gottesvolk, von Gott unserer Hut anvertraut! Bei eurem Glauben an ihn, bei eurer Liebe zu mir: Seid bereit zu vergeben … Vergesst, was geschehen ist und was nicht wieder geschehen wird! Tut Feindschaft und Hass von euch! Lasst uns alle einig sein, in christlicher Liebe!“ Das hindert ihn nicht daran, Hunderte, die sich ihm angeblich widersetzt hatten, hängen und in Stücke hacken zu lassen. Darunter immer wieder auch seine engsten Mitarbeiter.

Es mag die Aufgabe der Kirche sein, sich für den Frieden einzusetzen. Sie tat es nur bei den seltensten Gelegenheiten. In diesem letzten Band erinnert Karlheinz Deschner an das Jahr 1648: „Mit dem Westfälischen Frieden, mit der fortschreitenden Säkularisierung Europas, dem sich herausbildenden Staatskirchentum und dem Zeitalter der Frühaufklärung begann der politische und kirchliche Einfluss Roms mehr und mehr zu schwinden. Es musste ja selbst Katholiken irritieren, dass fast ausschließlich das Papsttum die Beendigung des Dreißigjährigen Krieges verdammte, dass es immer wieder für dessen Fortführung eintrat. Dreimal protestierte, von sämtlichen Kardinälen unterstützt, Legat Fabio Chigi, der spätere Alexander VII. gegen den Friedensabschluss, den dann Innozenz X. in Bausch und Bogen verwarf als ungerecht, ‚null und nichtig‘, ‚inhalts- und wirkungslos für alle Zeiten‘.“

Sich im Recht fühlen

Wer es sich gemütlich machen möchte, in einer Welt aus Sonntagspredigten und freundlichen Allgemeinheiten, die einhergehen mit der niemals ermüdenden Bereitschaft, seinen Nächsten mit Gewalt oder doch wenigstens mit ihrer Androhung – „außerhalb der Kirche gibt es kein Heil“ – vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, dem wird Karlheinz Deschner immer ein Ärgernis sein. Dem ist Deschner es aber auch gerne. Wer erkennen möchte, wie man auch bei besten Absichten immer wieder in die Lage kommt, das Schlimmste zu tun, der wird auf Deschner nicht verzichten können. Er wird immer wieder in seinen Büchern nachblättern und immer wieder erschrecken. Freilich nicht so sehr über die Frommen, als über sich. Denn Deschner hält uns die als einen Spiegel hin, in dem wir uns nur zu gut selbst erkennen.

„Sie taten Böses jenen, die Jesus liebten, die seine Gebote befolgen wollten, sie rissen ihnen die Zungen, die Augen aus, zertrümmerten ihre Gebeine, sie begruben sie lebendig, sie kreuzigten, verbrannten, mauerten sie ein Leben lang ein, sie taten ihnen jede Schmach und jede Schande an und jeden Schmerz, sie rächten sich an ihren Kindern noch und Kindeskinder, sie fühlten sich gut und im Recht, sie fühlen sich noch immer so. Und schlugen doch die Menschheit ans Kreuz.“

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