Literatur

31. Juli 2012

Kasperltheater: Räuber Hotzenplotz wird 50

 Von Cornelia Geissler
Mit Gewehr und Säbel - so stellt der Autor Otfried Preussler die Figur des "Räuber Hotzenplotz" dar. Foto: dapd

„Der Räuber Hotzenplotz“ wird 50 Jahre alt und ist damit im besten Alter für Bos- und Weisheiten. Das 1962 erstmals erschienene Buch von Otfried Preußler über ihn ist immer noch, nach 7,5 Millionen verkauften Exemplaren, lebendig und lebensklug.

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Am Ende triumphiert die Polizei. Auch wenn der Räuber zunächst seine Verfolger einfängt und für sich arbeiten lässt. Die Welt ist also gerecht, das Gute siegt. Kann man Kinder heute damit noch locken? Ja, natürlich und unbedingt! Denn der Räuber Hotzenplotz ist nicht nur ein Finsterling, sondern einer mit Geschmack. Das am 1. August 1962 erstmals erschienene Buch von Otfried Preußler über ihn ist auch mit fünfzig Jahren, nach 7,5 Millionen verkauften Exemplaren, noch lebendig und lebensklug.

Zwar mag der Mann mit den sieben Messern und der Pfefferpistole heute kein Kind mehr ernsthaft erschrecken, aber die Geschichte wickelt die Zuhörer, Vorleser und Leser so ein, dass niemand ihrem Charme entkommen kann. Das liegt an der Erzählweise ihres Autors, seinem Herz für die Figuren, seinem Gefühl für Timing und Humor, den sonderbaren Namen und den geschickt eingesetzten Details. Der Seppelhut und die Strumpfsocken, der Gimpel und die gute Fee werden von ihm mit Kalkül im Erzählfluss platziert und wieder aufgefischt.

Personal aus dem Kaspertheater

Als Preußler den Hotzenplotz schrieb, hatte er schon Erfahrung als Geschichtenerzähler. 1923 in Nordböhmen geboren, wurde er nach dem Abitur zur Wehrmacht eingezogen, geriet 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und fand 1949 in Oberbayern ein neues Zuhause. Er wurde Volksschullehrer, manchmal saßen 52 Kinder vor ihm. Um sich ihre Aufmerksamkeit zu sichern, erzählte er ihnen was. Mit Geschichten zunächst für die Zeitung und fürs Radio besserte er sein Gehalt auf. 1956 erschien sein erstes Buch, „Der kleine Wassermann“, es folgte „Die kleine Hexe“ – beide sind Klassiker geworden.

Für den Hotzenplotz bediente Preußler sich des Personals aus dem Kaspertheater. Großmutter und die Fee verkörpern das Gute, Räuber und Zauberer das Gegenteil. Die Polizei steht für Ordnung. Die Geschichte war zunächst eine Fingerberuhigungsübung für den Autor, der sich damals bereits mit dem Krabat-Stoff beschäftigte, der zu seinem großen Roman werden sollte. Er hatte sich Anfang der 60er-Jahre „regelrecht festgeschrieben“ und suchte sich eine Ablenkung „quasi zur Genesung“.

Da raubt nun Hotzenplotz der Großmutter die Kaffeemühle, aus der die Melodie „Alles neu macht der Mai“ erklingt. Während Wachtmeister Dimpfelmoser noch sein Protokoll erstellt, sind die hellen Jungs Kasperl und Seppel schon unterwegs. Einen der beiden verkauft der Räuber an seinen Freund, den großen Zauberer Petrosilius Zwackelmann als Kartoffelschäl-Knecht. Im Schloss entdeckt Kasperl eine seufzende Unke, die eigentlich eine Fee ist – mit ihrer Hilfe beginnt das gute Ende.

Gut und Böse treffen aufeinander

Während der Wortwechsel zwischen Bösewicht und Großmutter komisch ist, weil grobe und kultivierte Sprache aufeinandertreffen, gestaltet Preußler die Verfolgungsjagd slapstickhaft lustig: Mit großem Ernst verkleiden sich die Jungs, indem sie ihre Hüte tauschen. Wenn dann Kasperl immer neu den Namen des Zauberers verdreht, etwa zu Zeprodilius Wackelzahn oder Eprolisius Dackelschwanz, müssen Vorleser und Zuhörer prusten vor Lachen. Das ist für Kasperl kein billiger Scherz, sondern Strategie; der Leser merkt, dass man mit guten Ideen weiter kommt als mit Klagen. Und dass derweil die Amtsperson über all die Verordnungen das Handeln vergisst.

Das Cover der Original-Ausgabe des Kinderbuchs Der Räuber Hotzenplotz von Otfried Preussler aus dem Jahr 1962.
Das Cover der Original-Ausgabe des Kinderbuchs "Der Räuber Hotzenplotz" von Otfried Preussler aus dem Jahr 1962.
Foto: dapd

Fünfzig Jahre nach der Erstausgabe wird der Hotzenplotz nicht nur gekauft, weil Eltern und Großeltern eigene Leseerlebnisse mit den Nachkommen teilen wollen. Gewiss schwingt Nostalgie mit, wenn Großmutters Kaffeetafel so wichtig ist und Kindsein heißt, Zeit ohne Ende zu haben. Doch schon vor fünfzig Jahren lebte Räuber Hotzenplotz im Irgendwann zwischen heute und vorvorgestern. Was die Geschichte lebendig hält, sind die Sprache, die Freundschaft und die Ambivalenz von Gut und Böse.

Die Bücher sehen jetzt aus wie neu, denn im Geburtstagsjahr gibt es sie in Farbe. Der Thienemann Verlag hat die zackigen Bilder von Franz Josef Tripp und die gemütlichen Kapitelüberschriften erhalten und von Mathias Weber am Computer wie handgemalt kolorieren lassen. So haben die Bilder mehr Tiefe. Der greise Autor schickte Weber einen Gruß: Er und der Herr Hotzenplotz würden sich sehr über das farbige Gewand freuen.

Grund zur Freude gibt auch die neue Hörbuch-Aufnahme mit Armin Rohde, der in der Verfilmung von 2006 den Hotzenplotz spielte. Nun spricht er mit feiner Nuancierung das ganze Personal.

Der große, verstörende Roman „Krabat“ war erst nach dem zweiten Hotzenplotz-Buch fertig. In diesem gibt es ein Krokodil, doch nicht als die übliche böse Kaspertheaterfigur. Es ist ein Dackel, von seiner Besitzerin versehentlich verwandelt. Die Erlösung für den Krokodilhund folgt im dritten Band, wenn Räuber und Gendarm sich einig sind.

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