kalaydo.de Anzeigen

Katharina Hacker über einen Mittvierziger: Von Menschen und Schnecken

Als mehrteiliges Roman-Projekt ist ein Stück von Katharinas Hackers Werks"Alix, Anton und die anderen" unter die Räder des Suhrkamp Verlag geraten. Ein halbes Jahr später erscheint nun die Fortsetzung "Die Erdbeeren von Antons Mutter". Von Judith von Sternburg

Katharina Hacker: Die Erdbeeren von Antons Mutter.  S. Fischer, Frankfurt /M.   2010, 175 Seiten, 19,99 Euro.
Katharina Hacker: Die Erdbeeren von Antons Mutter. S. Fischer, Frankfurt /M. 2010, 175 Seiten, 19,99 Euro.
Foto: S. Fischer

Als mehrteiliges Roman-Projekt ist das Werk, an dem Katharina Hacker derzeit arbeitet, ein Stück unter die Räder ihrer Trennung vom Suhrkamp Verlag geraten. Ihren Ärger über die Betreuung des ersten Teils "Alix, Anton und die anderen" und seiner graphischen Gestaltung kann man noch immer auf ihrer Internetseite www.katharinahacker.de nachlesen. Ebenso den Abschnitt "Der Mord", der den Roman fortführt und überhaupt erst abrundet. Im Buch dagegen hielt sich der Eindruck des Unklaren.

Vielleicht war das alles auch etwas zu kompliziert gedacht und konstruiert. Nur ein halbes Jahr später erscheint nun "Die Erdbeeren von Antons Mutter" bei S. Fischer. Hier ist nichts kompliziert gedacht und konstruiert. Alle Kompliziertheit geht nur noch von den beschriebenen Leben selbst aus. Aller Sinn für Konstruktion wird in raffinierte Perspektivwechsel investiert, die keine Ich-Erzähler brauchen, um nah dran zu sein. Dieses so kunstfertig natürliche wie subtil gelenkte Erzählen erzielt eine immense Tiefenwirkung selbst in Randfiguren bei höchstmöglicher Ökonomie auf nicht einmal 200 Seiten.

Von dem Berliner Freundeskreis mit Alix und den anderen verlagert sich die Handlung in den niedersächsischen Ort Calberlah, Antons Heimat. Er fährt nicht gerne zu seinen Eltern. Das hat nichts damit zu tun, dass er sie nicht lieben würde. Eher ist er in seinen Vierzigern damit befasst, über sein eigenes Privatleben nachzudenken. Der unverheiratete Arzt, seine Freundin mit Kind, die Eltern, die sich Enkel gewünscht hätten, Tochter Caroline, ebenfalls kinderlos und möglichst weit weg in den USA: Eventuell glaubt der Leser, sich allzu rasch in diesen Verhältnissen zurechtzufinden. Dann irrt er aber. Denn hinter dem tückisch trauten Romantitel tut sich ein so seltsames wie realistisches Panorama der Bedrohungen auf.

Die erste Bedrohung ist die Demenz, an der die Mutter Antons noch nicht lange, aber deutlich leidet. Anton, als Mediziner ohne Illusionen, beobachtet bei einem Telefonat mit ihr auch sein eigenes Entsetzen. " man hörte ihr an, dass sie sich nicht sicher war, mit wem sie sprechen würde, auch dann noch, wenn sie seinen Namen schon ausgesprochen hatte, Anton. In ihrem Mund ging sein Name verloren. " Hackers präzise Schilderung der Krankheit - hier die Beobachter, dort die Mutter selbst, jeder sehr für sich allein - ist ein Maßstab, wenn man sich klar macht, dass das eines der literarischen Themen der Gegenwart und Zukunft ist und sein wird.

Die zweite Bedrohung könnte der ehemalige Freund von Antons Freundin Lydia sein. Rüdiger ist ein junger Kriegsveteran - ja, den Typus gibt es wieder in Deutschland -, der ihr noch immer nachstellt. Rigoroser noch hat sich sein Kamerad Martin an Lydias Sohlen geheftet, der vor allem dadurch auffällt, dass er klein ist. Man kann darüber lächeln, man kann davor Angst haben. "Wenn er nur nicht so klein wäre, dachte Anton." Hacker reichen Stichworte, um die Entfernung zu kennzeichnen, die Martins und Rüdigers Parallelwelt vom bürgerlichen Leben trennt. "Nichts konnte ihn täuschen", weiß Martin über sich. "Das war schon immer so gewesen. Einsatz. Geschick."

Die dritte Bedrohung sind die Schnecken, die die Erdbeeren von Antons Mutter fressen werden. Sie sind Hauptakteure eines unheimlichen Finales. Als Armada des Grauens fallen sie über die Früchte her. "Aber das Widerliche an diesen Tieren war zweifellos, dass sie so wahrnehmungslos waren, auf entsetzliche Weise lebendig und abgeschnitten von allem, was das Leben ausmachte." Martin hat Antons Mutter kennengelernt und sagt zu Rüdiger: "Wenn wir sterben, ist alles weg, klar. Aber sie lebt."

Die Erdbeeren von Antons Mutter, selbst gepflanzt und später eingekocht, sind natürlich ein Bild für verlorenes Familienglück und in der Demenz schwindende hausfrauliche Fähigkeiten. Das wäre simpel, wenn Hacker es nicht virtuos handhaben könnte: das Unglück der Mutter, die nicht mehr weiß, was sie für das Einkochen benötigt, zu dem es doch nie mehr kommen wird; das Entsetzen ihrer Umgebung, der die Erdbeeren selbst längst völlig gleichgültig sind.

"Ein paar Sachen gerieten so leise aus den Fugen", heißt es einmal, als jemandem der oben erwähnte Mordfall einfällt. So hängt alles zusammen. So sitzen Katharina Hackers Sätze. Und so leise geraten ein paar Sachen aus den Fugen, dass dieser Vorgang mit dem Ende des Buches noch nicht voll erfasst ist: Der kleine Martin lungert noch immer herum. Der Niedergang der Mutter hat erst begonnen. "Du bist zu früh gekommen", sagt der Vater zu Caroline. "Wir brauchen dich erst später." Katharina Hacker macht sanft und unerbittlich eine düstere Perspektive für die Generation auf, der sie selbst angehört und die hier in ihrem halb freien, halb eingeklemmten Leben in mittleren Jahren so treffend beschrieben wird, dass es schmerzen kann.

Die Autorin liest heute bei der Eröffnung des 5. Frankfurter LiteraTurm-Festivals, 19 Uhr, Opernturm. www.literaturm.de

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  25 | 5 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.