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Katharina Hackers umstrittener Roman: Risse im Eis

Viel Aufregung gab es vorab um Katharina Hackers neuen Roman "Anton, Alix und die anderen". Gegen ihren Willen dampfte der Verlag die 200 Seiten durch ein neues Layout um ein Drittel ein. Von Nicole Henneberg


Foto: Suhrkamp Verlag

Viel Aufregung gab es vorab um Katharina Hackers neuen Roman "Anton, Alix und die anderen", dessen Erscheinen sich durch einen Streit der Autorin mit ihrem Verlag um Wochen verzögerte. Gegen ihren Willen wurden die zweihundert Seiten durch ein neues Layout um ein Drittel eingedampft; dabei schrumpfte die rechte der beiden Textspalten zu einer Art marginalem Randgemurmel. Fatal, denn dort geht es um Schuld, Scham und Lebensangst, um jene Fragen, die leitmotivisch den ganzen Roman durchziehen. Alix und ihre Freunde, die sich jeden Sonntag zum Mittagessen bei Alix´ Eltern im gutbürgerlichen Zehlendorf treffen, sind melancholische, an sich selbst und am Leben zweifelnde Menschen.

Äußerlich sieht der Alltag dieser kinderlosen Mittvierziger gut aus und sie stehen auch keineswegs mit leeren Händen da, wie das überdrehte Yuppie-Paar in Katharina Hackers letztem Roman "Die Habenichtse" (für den sie mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde). Trotzdem klafft der Abgrund aus Mutlosigkeit und Todesangst von Tag zu Tag mehr. Das heutige Berlin, wo der Roman während eines besonders grauen Winters spielt, wirkt starr und böse - ein ironisches Gegenbild zum Hauptstadt-Glamour, den die Politik so liebt.

Das Buch

Katharina Hacker: Alix, Anton und die anderen. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009. 126 Seiten, 19,80 Euro.

Geheime Anarchie

Die Schicksale der sechs Hauptfiguren scheinen einer geheimen Anarchie unterworfen: Jede noch so kleine Änderung der eingefahrenen Rituale kann in die Katastrophe führen. Als die Freunde beschließen, die Eltern am Sonntag in ein vietnamesisches Restaurant einzuladen, beginnt sich die verstörende Emigrantengeschichte der vietnamesischen Besitzer auf rätselhafte Weise im Roman auszubreiten.

Die 1967 in Frankfurt am Main geborene Katharina Hacker, die in Freiburg und Jerusalem Philosophie und Judaistik studiert hat, ist eine subtile und hochsensible Erzählerin. Gerade mit ihrem letzten Roman hat sie viel gewagt und eine feinnervige, reflexive Erzählweise mit einem sozial drastischen Stoff kurzgeschlossen - eine wichtige Kombination, liest man doch letzteres fast nur als bieder erzählte Geschichten. Wegen dieser besonderen Qualität ihres Erzählens befällt einen nach den zwölf Kapiteln, aus denen der jetzt gedruckte Roman besteht, Ungeduld. Und Ratlosigkeit, von der erst der Blick auf ihre Website (www. katharinahacker.de) befreit. Hier findet sich, neben einer Presseerklärung zu ihrem Streit mit dem Suhrkamp Verlag, den sie bereits mit diesem Buch in Richtung S.Fischer verlassen wollte, das alles verändernde nächste Kapitel, die Fortsetzung des Romanprojektes - von dessen geplanter Mehrteiligkeit man auch erst hier erfährt. "Der Mord" erzählt kunstvoll , aber drastisch von der Tötung jener vietnamesischen Familie, einem Mafia-Mord aus verschmähter Liebe. Nach diesem Paukenschlag, der unbedingt in den Roman selbst gehört hätte, liest sich rückwirkend alles anders. Die vielen Unfälle, das Ertrinken, die Vergiftungen, das Überfahren werden - allein im ersten Kapitel sterben drei Menschen - erweisen sich als Ankündigungen einer größeren Katastrophe: des Weiter-Lebens in Einsamkeit und existentieller Fremdheit. Das seelische Elend der vietnamesischen Geschwister, einer entwurzelten Restfamilie, bildet den düster-eindringlichen Spiegel der grabesruhigen Wohlstandsleben. Doch bleibt die schwerste Bürde, die Alix und ihre Freunde mit sich schleppen, ihre renitente Hoffnung auf Glück und die (durch die Gewalttat böse konterkarierte) Angst, dass sich in ihrem Leben nichts mehr ändert. Vorerst gibt es kein Entkommen, keine Lösung und keinen Trost.

Wand oder Tür

Alix, bei der alle Fäden zusammenlaufen, weil sie als einzige ohne Wünsche ist und nichts und niemand festhalten will, sieht das unerbittlich klar, denn: "wo sie hörte, was andere für Abgründe hielten, dachte sie ein ums andere Mal, es gäbe am Ende doch keinen Abgrund, sondern bloß Erbärmlichkeiten, Schmerzen, Ängste und die allermerkwürdigsten Hochgefühle. Daniel in der Löwengrube, er war die zutiefst melancholische Gestalt, die besagte mit ihrem traurigen Gesang, daß einem nichts zustieß, auch wenn der Tod drohte, und gleichgültig, wie groß die Angst war. Nichts öffnete eine Tür in eine andere Welt. Und ob es eine solche Tür überhaupt gab oder nicht, war gleichgültig, wenn sich die Tür nicht nur nicht öffnete, sondern man unfähig war zu unterscheiden, was Wand und was Tür sein mochte."

Das Verhängnis, das in diesem philosophischen Roman über den Figuren tickt, ist die im Rhythmus des eigenen Atems vergehende Zeit, die Erinnerungen substanzlos werden lässt. Man meint, die Stimme der Marschallin aus dem "Rosenkavalier" zu hören und sieht hinter Alix´ sanfter, fatalistischer Miene das Gesicht Ottilies aus Goethes "Wahlverwandschaften". Es ist nur konsequent, dass Alix´ Mann Jan, von Beruf Psychoanalytiker, daran glaubt, "daß einem das Herz bricht" und der chinesische Killer über Liebe und Erbarmen grübelt, bevor er sich zur Tat entschließt.

Wie fragil das Leben der Freunde in Wahrheit ist, zeigt sich in dem freien Raum, der zwischen den beiden Textspalten entsteht. Sie widersprechen, kreuzen und torpedieren einander und stehen für all das, was ausgelassen, verweigert oder verdrängt wurde. Die Geschichte bleibt beunruhigend offen, warten wir also gespannt auf die Fortsetzung. Klar ist nur, dass Alix, Anton und die anderen sich auf sehr dünnem Eis bewegen.

Autor:  Nicole Henneberg
Datum:  23 | 11 | 2009
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