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Literatur

05. Februar 2016

Katharina Winkler „Blauschmuck“: Wahre Geschichte. Poesie der Ohnmacht

 Von Sabine Vogel
Katharina Winkler: „Zur Gänze wahre Begebenheiten.“  Foto: Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag

Erzeugt eine große Wut auf Männer: „Blauschmuck“, der Debütroman von Katharina Winkler, erzählt das Martyrium einer Muslima in einer archaischen Welt.

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Blauschmuck ist Privateigentum. Man spricht nicht darüber. Man trägt ihn wie eine Kette um den Hals, an den Armgelenken, auf den Rippen, Schenkeln und an vielen anderen der Öffentlichkeit verborgenen Stellen des Körpers. Wer keinen Blauschmuck hat, gehört nicht dazu in dem abgelegenen kurdischen Dorf. Blauschmuck nennen die Frauen die Blutergüsse und die himmelblauen, fliederfarbenen, schwarzen Flecken, die einem der eigene Mann oder Vater zugefügt hat.

„Blauschmuck“ heißt der jetzt erscheinende erste Roman der Autorin Katharina Winkler, 1979 in Wien geboren, heute in Berlin lebend. Die Geschichte, so heißt es im Verlagsvorspann, „beruht zur Gänze auf wahren Begebenheiten“. Es ist die Geschichte von Filiz, einer jungen Frau, die 15-jährig und gegen den Willen des Vaters den Mann Yunus heiratet. Yunus ist jung und schön, Filiz ist stolz, dass er sie will. Jetzt gehört sie ihm. Und da ist es auch schon aus mit der Romantik. Filiz wird von Yunus geprügelt, gedemütigt, vergewaltigt, aufgehängt, fast totgeschlagen.

Katharina Winkler erzählt die Geschichte des grauenhaften Martyriums einer Frau in einer archaischen muslimischen Welt. Das Schockierende daran ist, dass Filiz’ Leid keine Ausnahme, sondern in ihrer Herkunftsgesellschaft offenbar ganz normal und üblich ist. Dieser Roman hat das gefährliche Potenzial, alle Vorurteile gegen die frauenverachtende Rückständigkeit von Muslimen zu bestätigen. Das Feindbild ist klar gezeichnet: Die Muslime von dort sind primitive Wüstlinge, die Frauen als ihre legitime Beute betrachten. Die Romanform des Tatsachenberichts begünstigt Empathie, Identifikation mit dem Opfer und erzeugt eine große Wut auf diese Männer.

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Ist es nicht so, dass alles, was unsere Welt gegenwärtig so furchtbar macht, von religiös fanatisierten Männerhorden ausgeht? Und ihre Religion ist der Islam. Ist das Problem also tatsächlich „Die Krise des moslemischen Mannes“, von der jüngst der Schriftsteller Feridun Zaimoglu schrieb? Nach der Lektüre dieses aufwühlenden, ja spannenden Romans könnte man einmal mehr davon überzeugt sein. Aber ist es nicht vielleicht eine Krise des Mannes überhaupt, des Prinzips Mann, das (nicht nur) in vormodernen Gesellschaften ungebrochen herrscht?

Schon Filiz’ Hochzeit ist ein Fest für eine alkoholisierte Männermeute, die Blut sehen will. Die Entjungferung ein Massaker, sie sieht die Wölfe vor sich, wie sie die Lämmer abschlachten. Blut auf der Wiese, Blut auf weißer Wolle. Sie lebt im Haus der bösen Schwiegermutter, schuftet wie ein Maultier, bekommt drei Kinder, dann holt Yunus sie in den „heiteren Himmel“ nach Wien. Dort, so sein Versprechen, „werden wir Jeanshosen tragen“.

Aber Filiz muss weiterhin Burka tragen, Lachen ist verboten, ein geöffneter Mund sei obszön, als zeige sie ihre Schamlippen. Sie darf das von den Donauauen feuchte Kellerloch monatelang nicht verlassen. „20 Quadratmeter Österreich“ im „Land ohne Armut und Krankheit und Supermärkten mit allem“. Draußen gibt es Frauen mit Hosen und wehendem Haar. Abends kommt Yunus, lässt sich die Stiefel ausziehen, Füße waschen, isst, stößt sie.

Winklers Sprache ist karg, einfach und hart, wie die Schläge mit dem Holzscheit, wie das Weltbild der jungen Frau. Jedes Wort sitzt, keines ist zu viel. Es liegt eine Poesie der Wortlosigkeit in ihrer Verdichtung. Die Poesie der Ohnmacht. Im Ungesagten hat der Abgrund Platz. Wenn der Vater das Haus betritt, „kommt mit ihm die Stille“. Die Ehre der Familie, das ist die des Vaters, geht über alles. Die Tochter ist eine gute Schülerin, sie bekommt ein Stipendium. Der Vater sagt Nein. Unterstützung von außen würde seine Ehre verletzen.

Einmal kommt die Mutter in Wien zu Besuch. Als sie ihre Tochter vor der Gewalttätigkeit des Mannes schützen will, wird auch sie verprügelt. Zum Abschied rät sie der Tochter, ihren Mann mehr zu lieben.

Bei allem Horror tut sich immer wieder ein Spalt auf, in dem das Licht der Freiheit durchblitzt. Filiz findet nette Omas und Nachbarinnen, die ihr neue Worte und Schritte beibringen. Doch sie kann nicht gehen oder aufbegehren. Jede Andeutung von Eigenständigkeit wird mit noch mehr Schlägen zerschmettert. Eine Ärztin spricht vom Frauenhaus. „Sie kennt nicht die Welt von Yunus.“

Wie kann ein Mensch so brutal sein? Er hat ein Herz, er weint, nachdem er sie zu Klump geschlagen hat und ihren zusammengeklappten Körper ins Bett trägt. Er liebt sie, er braucht sie, sagt er zerknirscht, um sie bei der nächsten belanglosen Gelegenheit erneut krankenhausreif zu schlagen.

Er kann nicht anders. Könnte er? Können muslimische Männer aus einer hinterwäldlerisch patriarchischen Gesellschaft lernen, dass Frauen mehr als ein Stück Fleisch mit einem Loch drin sind?

Gewalt gegen Frauen ist konstitutiv, aber körperliche Gewalt, Vergewaltigung, auch in der Ehe, ist bei uns ein Verbrechen. Es gibt Gesetze, die das verbieten, und Institutionen, die sie durchsetzen. Ärzte, Krankenhäuser, Fürsorgeheime, Frauenhäuser. Das hat die westliche Zivilisation geschafft, und sie ist auf den Werten des Christentums und der Aufklärung aufgebaut. Wobei die Frauen der Bibel nicht gerade gleichberechtigt sind. Das Frauenwahlrecht ist in Deutschland gerade einmal 98 Jahre alt.

Katharina Winkler: Blauschmuck. Roman. Suhrkamp Berlin 2016. 198 Seiten, 19,50 Euro.

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