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Literatur

30. August 2013

Kehlmann neuer Roman: Niemand kann es vorher wissen

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Schreibt seinem Bestseller "Die Vermessung der Welt" hinterher: Daniel Kehlmann.  Foto: dpa/lsn

In seinem neuen Roman "F" nimmt sich Daniel Kehlmann das Recht heraus, als Autor auch ein spottender Schlaumeier zu sein, der über den Dingen schwebt. Dass er das nicht leugnet, macht ihn aber tatsächlich zum Souverän.

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Kann der Zufall, der sich als Schicksal wichtig macht und so dem Leben und dem Tod einen Anschein von Sinn verleiht, uns in einem Roman wirklich noch überraschen? Kann es ein Schriftsteller, der damit hantiert? Daniel Kehlmann probiert es in seinem neuen Buch aus, er reizt es aus, auf eine grundsätzliche Art, in einer kalkulierten, das Schematische nicht meidenden Konstruktion. Sie funktioniert ausgezeichnet, obwohl die Ereignisse vorhersehbar sind. Im Nachhinein betrachtet. „,Fatum‘, sagte Arthur. ,Das große F. Aber der Zufall ist mächtig und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal. So etwas passiert schnell.‘“

„F“ heißt auch das Buch, dessen Autor, wie man sieht, sich gar nicht scheut, Erklärungen einzuschieben. Weniger, weil er den Leser für dumm und sich für schlau hielte (hoffentlich), sondern, weil die Dinge in „F“ wie in einem offenen Buch daliegen, aber es hilft den Figuren gar nichts. „F“ heißt auch der Held in einem Buch im Buch, denn Dinge können offen daliegen und dennoch verrätselt sein. Das Buch im Buch ist das Debüt eines bis dahin privatisierenden Schriftstellers, dem ein Hypnotiseur jetzt eingeflüstert hat, er solle sich hinfort gefälligst richtig bemühen. Daraufhin verlässt er seine Familie und wird ein berühmter Autor. Das Debüt heißt in schon etwas drastischer Frisch-Anspielung (mit drastischen Anspielungen hat Kehlmann wirklich kein Problem) „Mein Name sei Niemand“ und stellt das Vorhandensein der Welt so überzeugend infrage, dass es unter anderem den Suizid eines Medizinstudenten in Minden sowie eines Obsthändlers in Fulda und seiner Frau nach sich zieht.
In der schönen, leider nicht sehr häufig aufgegriffenen Tradition, sich ein Buch auszudenken und es in einem anderen Buch zu beschreiben, hat Kehlmann in „F“ einiges zu bieten. Es zeigt sich dabei, dass „F“ seinerseits in der Konstruktion Ähnlichkeiten zu „Mein Name sei Niemand“ aufweist, etwa im Beginn mit einer „klassischen Novelle“.

Küchenpsychologie zu Literatur hochgejazzt

Denn in deutlicher Anlehnung an Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ beginnt „F“, und mit dem opulenten, wahrlich zum Klassiker aufstrebenden Eröffnungssatz: „Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.“ Arthur nimmt die Zwillinge Iwan und Eric sowie Martin, von einer anderen Mutter, also mit in die Vorstellung, nach der die Söhne den Vater für immer verlieren werden. Nachher spiegelt sich das in einer Szene mit Arthurs Enkelin, das ausgeprägte Schamgefühl von Kindern wird trefflich in Szene gesetzt, wie überhaupt Kehlmanns Blick für zwischenmenschliche Irritationen bei aller Monumentalkonstruktion scharfgestellt bleibt.

Dass Arthur möglicherweise genau das hören wollte, was er nun zu hören bekommt, und den Hypnotiseur nur brauchte, um seine eigenen Wünsche zu erfüllen, gehört zu den zahllosen küchenpsychologischen Momenten, die in „F“ rasant und gekonnt zu Literatur hochgejazzt werden. Dass Martin vorher fast unter ein Auto geraten wäre und sich für den Moment des Schocks wie verdoppelt fühlt – einmal als Überlebender, einmal als Überfahrener –, stimmt früh das Doppelgängermotiv an, für das der auf Offensive setzende Kehlmann die Zwillinge braucht: Immer hat der Zufall, hat das Schicksal die Wahl. In Arthur Friedlands komplett im Buch abgedruckter Erzählung „Familie“ (beachten Sie den Anfangsbuchstaben) heißt es: „... wäre er gestorben, gäbe es weder mich noch meine Söhne. An unserer Stelle würden andere, die es nun nicht gibt, ihr Dasein für unausweichlich halten.“

Der Novelle vom Hypnotiseur-Besuch im Jahre 1984 folgt die Geschichte der Söhne am 8. August 2008, durch Rückblenden ergänzt. Martin ist ein ungläubiger Priester geworden. Seine wahre Bestimmung ist der Rubik-Würfel, auf die Meisterschaften, die es zur Überraschung der Zwillinge und des Lesers immer noch gibt, bereitet er sich akribisch vor. Iwan ist in der Kunstbranche tätig, ein Bereich, den Kehlmann schon in seinem frühen Roman „Ich und Kaminski“ (noch bei Suhrkamp, auch eine schicksalshafte Sache, für Suhrkamp) klug auf die Schippe nahm. Der Kritiker Sebastian Zöllner hat in „F“ noch einmal eine Nebenrolle, so dass auch die beginnende Zeitungskrise gestreift wird.

Ordentliche Portion Zynismus

Eric ist in der Finanzbranche tätig, so dass Kehlmann drei große gesellschaftliche Bereiche mit einer ordentlichen Portion Zynismus abhandeln kann. Das ist vor allem mit Blick auf die Finanzkrise beileibe schon geschehen, aber das Ausmaß, in dem Eric die Welt in sämtlichen Details nicht versteht, besticht hier von Neuem. Überhaupt ist Kehlmann ein stets gewitzter Zyniker.

Dass alle drei Brüder auf jeweils ihre Weise Betrüger sind, wird bald klar. Wie das Schicksal sie angreift am 8. August 2008, wird wunderbar ausführlich und schlingernd (schlingernd wie das Schicksal, das alle Zeit der Welt hat) geschildert. Inklusive einer Höllenfahrt. Inklusive eines Schutzengels, der die Zwillinge einmal zu oft verwechselt. Inklusive der Volte, dass Arthur Friedlands und Odysseus’ literarischer „Niemand“ noch rasch eine existenzielle Bedeutung bekommt. Inklusive der lapidaren Erkenntnis, dass es hinterher für die Überlebenden immer irgendwie weitergeht.

Selbstverständlich spielt Kehlmann mit unseren Erwartungen, unserer Bildung und Unbildung, der 38-Jährige, der ja selbst ein Ball des Schicksals ist, indem er für den Rest seines Lebens dem internationalen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ hinterherschreiben wird. Er nimmt sich das Recht heraus, als Autor auch ein spottender Schlaumeier zu sein, der über den Dingen schwebt. Dass er das nicht leugnet, macht ihn aber tatsächlich zum Souverän. Das ist eine altmodische Haltung, hier aber eine durch und durch überzeugende.

Daniel Kehlmann: F. Roman. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag 2013. 380 Seiten, 22,95 Euro.

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