Aktuell: US-Wahl | Türkei | Olympische Spiele | Brexit
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

30. Mai 2006

Klare Geschlechterrollen

 Von ANTJE SCHRUPP

In ihrer Studie über "Sexualität im Mittelalter" entkräftet Ruth Mazo Karras viele der gängigen Klischees

Drucken per Mail

Über mittelalterliche Sexualität kursieren im Allgemeinen zwei konträre Vorstellungen: In diesem Zeitalter kirchlich verordneter Keuschheit sei Sex nur im Dunkeln und Geheimen getrieben worden, meinen die einen. Im Gegenteil, glauben die anderen: In diesen schamlosen, von bürgerlicher Spießigkeit noch unbehelligten Jahrhunderten hätten die Menschen ihre Triebe weit ungehemmter ausgelebt als später - angeregt im wahrsten Sinne des Wortes auch von beengten Wohnverhältnissen und dem Fehlen anderer Freizeitbeschäftigungen.

Solche Klischees gehen aber, wie Ruth Mazo Karras in ihrem lesenswerten Buch zeigt, an dem, was Sexualität im Mittelalter bedeutete, völlig vorbei. Der Schlüssel zum Verständnis historischer Quellen, die über das Thema Auskunft geben können, liegt vielmehr darin, sich von heutigen, modernen Vorstellungen von Sexualität erst einmal zu verabschieden. Vor allem von der Idee, dass Sex etwas sein könnte, das zwei Menschen miteinander tun. Im Mittelalter galt nämlich Sex als etwas, das ein Mensch mit einem anderen tat - normalerweise ein Mann mit einer Frau.

Anhand zahlreicher nicht nur christlicher, sondern auch jüdischer und islamischer Quellen hat die US-amerikanische Mediävistin ein umfassendes Bild der mittelalterlichen Sexualität gezeichnet. Obwohl die Studie notgedrungen disparat ist - umfasst sie doch einen Zeitraum von rund 1 000 Jahren, nämlich von 500 bis 1500 n. Chr. -, gibt es doch einige höchst interessante Grundlinien.

Dreh- und Angelpunkt mittelalterlicher Sexualmoral war die von der christlichen Kirche verbreitete Vorstellung, dass Geschlechtsverkehr (verstanden als penetrierende Handlung, die ein Mann an einer Frau vornimmt) keinesfalls der Lustbefriedigung dienen dürfe, sondern ausschließlich zum Zwecke der Fortpflanzung in Kauf zu nehmen sei - und zwar nur bei denen, die den Weg keuscher Enthaltsamkeit nicht zu gehen in der Lage sind.

Dass Ehelosigkeit als ein hohes Gut galt, dem familiäre Verbundenheit als notgedrungen in Kauf zu nehmende Realität unterzuordnen sei, stellt eine interessante Traditionslinie dar, deren letzte Verästelungen auch in der Gegenwart noch anzutreffen sind. Sie werfen ein relativierendes Licht auf die gegenwärtigen Demografiedebatten mit ihren Appellen, Kinder zu zeugen. Während nach christlichem Verständnis jede Lust auch im Ehebett Sünde war, sahen jüdische und muslimische Zeitgenossen das entspannter: Ihnen kam es nur darauf an, unehelichen Nachwuchs zu verhindern.

Über die Fortpflanzung hinaus

Dass die eheliche Fortpflanzung den Kern des Sexualverständnisses bildete, hatte vor allem zur Folge, dass vieles von dem, was heute unbestritten dem Bereich des Erotischen zugewiesen wird, im Mittelalter nicht als solches galt: lesbische Sexualität, weibliche Masturbation, Händchenhalten und Küssen unter Mönchen und Nonnen, feurige und tiefgehende Liebeserklärungen, die damals auch Männer einander häufig in Briefen (und womöglich auch in Gesprächen) zukommen ließen.

Nach mittelalterlicher Vorstellung hatte all dies nichts mit Sexualität zu tun, weil das zentrale Instrument der Zeugung, nämlich der erigierte Penis, dabei keine Rolle spielte. Nicht Erotik, Erregung und Lust bildeten das Zentrum der Sexualität, sondern nach allgemeiner Auffassung das "Reinstecken" und "Reingesteckt bekommen", also die beiden ganz eindeutig als aktiv und passiv voneinander abgegrenzten Rollen des Geschlechtsaktes.

So galt es zum Beispiel nicht als Sünde, wenn zwei Frauen sich gegenseitig erotisch stimulierten, sondern nur wenn sie sich dabei mit einem Gegenstand penetrierten - denn dies bedeutete, dass sie eine verbotene "aktive" Rolle simulierten. Auch die Sündhaftigkeit männlicher Homosexualität, damals in der Regel als "Sodomie" bezeichnet, hing in ihrer sozialen und moralischen Relevanz vom jeweiligen Part ab: Wenn ein Mann einen anderen Mann penetrierte, war das nicht schlimmer, als wenn er mit einer Frau schlief, die nicht die eigene war. Wenn ein Mann es aber zuließ, von einem anderen penetriert zu werden, verdrehte er die zugewiesenen Geschlechtsrollen, und sein Vergehen war um ein Vielfaches größer.

Die strikte Unterscheidung von aktiver und passiver Rolle beim Geschlechtsverkehr bedeutet auch, dass der Akt der Vergewaltigung anders als heute bewertet wurde: Die passive Rolle einzunehmen, bedeutete bereits per definitionem, Gewalt zu erleiden. Die Gewaltausübung stellte gemäß der mittelalterlichen Logik keinen großen Skandal dar. Die Frage nach der Zustimmung der Frau wurde also schlicht nicht gestellt, sie galt einer solchen Logik als irrelevant.

Dass Frauen gleichwohl für sexuelle Vergehen verurteilt werden konnten, zum Beispiel als Ehebrecherinnen, zeigt nur an, dass gleichzeitig auch ein anderes Verständnis von Schuld vorherrschte: Es ging dabei nicht um individuelle, moralische Verantwortung, die bestraft werden sollte, sondern vielmehr um die Verstrickung in "widernatürliche" Verhältnisse.

Freudenhaussex und Fürsorge

Das christliche Ideal der Ehelosigkeit führte im Übrigen erst im 12. Jahrhundert zur Durchsetzung des Zölibats für Priester. Und es verursachte auch damals bereits demografische Probleme, zum Beispiel nachdem die Pest im 14. Jahrhundert rund ein Drittel der Bevölkerung ausgelöscht hatte. In Florenz reagierte man darauf mit der Gründung städtischer Bordelle. Dahinter stand der - nach der Katastrophe nicht zuletzt soziale - Gedanke, dass Männer durch den Freudenhaussex angeregt würden, um Spaß auch mit ihren Ehefrauen zu finden und somit für Nachwuchs zu sorgen.

Ruth Karras Mazo hat mit ihrer Studie ein in vielerlei Hinsicht erhellendes, streckenweise amüsantes und gleichzeitig gut lesbares Buch geschrieben. Sie bereitet eine Fülle wertvoller Informationen auf und stellt so manches Klischee in Frage, dessen Auswirkungen auch heute noch relevant sind.

Ruth Mazo Karras: Sexualität im Mittelalter. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Hartung. Verlag Artemis und Winkler, Düsseldorf 2006, 350 Seiten, 28 Euro.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige