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Kleine Kulturgeschichte des Zimmerreisens: Sich an den Tod gewöhnen

Als der Offizier Xavier de Maistre Ende des 18. Jahrhunderts unter Hausarrest stand, erfand er das Genre des Zimmerreisens. Bernd Stieglers Buch "Reisender Stillstand" greift das Thema wieder auf. Von Angela Gutzeit

Der Offizier Xavier de Maistre begründete Ende des 18. Jahrhunderts mit seinem Roman Voyage autour de ma chambre das Genre des Zimmerreisens.
Der Offizier Xavier de Maistre begründete Ende des 18. Jahrhunderts mit seinem Roman "Voyage autour de ma chambre" das Genre des Zimmerreisens.
Foto: Public Domain

Es gibt nichts Größeres als das Leben im Kleinen. Schauen wir uns die Könnerschaft eines Insekts an, sind wir Menschen genötigt, uns vor der Schöpfung, deren Mannigfaltigkeit uns der Mikrokosmos des Kleintierlebens offenbart, zu verneigen. Das ist die Quintessenz des Lebenswerks des französischen Naturwissenschaftlers und Dichters Jean-Henri Fabre. Fabre kommt zwar nicht vor in Bernd Stieglers Buch "Reisender Stillstand", aber er hätte nicht schlecht in dessen Kulturgeschichte der Zimmerreisen hineingepasst, weil gerade das 19. und frühe 20. Jahrhundert, in dem Fabre sein umfangreiches Werk publizierte, und das französische Geistesleben in Stieglers Buch breiten Raum einnehmen.

Die "Zimmerreise" geht auf eine Kuriosität zurück, deren literarische Verarbeitung Weltruhm erlangte und ein eigenes Genre begründete: Dem französischen Offizier Xavier de Maistre war wegen eines Vergehens Ende des 18. Jahrhunderts ein sechswöchiger Hausarrest auferlegt worden, den er auf äußerst phantasievolle Weise und mit wachsenden Vergnügen nutzte: De Maistre bereiste sein Zimmer, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Morgens legte er Reisekleidung an, setzte sich in einen Sessel und nahm dann "die zweckmäßige Schönheit der Alltagsgegenstände" in den Blick. Er betrachtete seine Bilder, seine Bücher, aber auch Lebendiges wie seinen Diener und seinen Hund. Mit seinem Blick verfremdete er das alltäglich Vertraute, um daraus ganz neue Erkenntnisse zu gewinnen - über das Wesen der Dinge, über das Verhältnis zum Anderen, über sich selbst. Xavier de Maistres philosophische Schlussfolgerung: Wenn es ganz offensichtlich mehr eine Sache der Geisteshaltung ist, das Reisen zu genießen , warum dann nicht die Seele allein reisen lassen, während der Körper es sich bequem macht?

Das Buch

Bernd Stiegler: Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum. S. Fischer 2010, 288 Seiten, 22,95 Euro.

Bernd Stiegler: Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum. S. Fischer 2010,  288 Seiten, 22,95 Euro.
Bernd Stiegler: Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum. S. Fischer 2010, 288 Seiten, 22,95 Euro.
Foto: S.Fischer

In den 21 "Etappen" der chronologisch angelegten Studie zeigt Stiegler, dass die Reise in die nächste Nähe, in das augenscheinlich Gewöhnliche bis heute künstlerisch und literarisch immer aufs Neue variiert wird. Aber die Beziehung des Betrachtenden zur Welt und damit die Verortung des Individuums in der Welt hat sich doch gewaltig verändert. De Maistre begründete mit seiner Schrift eine Mode, die sich im 19. Jahrhundert in vielen Facetten entfaltete: Das Bürgertum reagierte auf die Übersättigung der Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts, z.B. eines James Cook, mit dem Rückzug ins Interieur, begünstigt durch bahnbrechende visuelle Erfindungen wie die Photographie, Stereoskope, Dioramen. Die Welt wurde ins Zimmer geholt und die Ausbeute ihrer Entdeckung zur Abbreviatur eines bürgerlichen "Weltinnenraums".

Ob nun S. D´Houay 1880 in seiner Schrift "Voyage d´un enfant à Paris" Klima, Lage, Staatsform, Bevölkerung, Flora und Fauna seines Hauses erforschte, Gaston Chaumont 1845 den "gerahmten Blick" durch das Fenster bevorzugte, Alphonse Karr im selben Jahr den Garten als Ursprung der Erkenntnis pries, der Photograph Carl Blossfeldt die ganze Welt im Wunderwerk einer einzigen Pflanze entdeckte oder der u.a. von Walter Benjamin beschriebene Flaneur den (Pariser) Stadtraum erkundete und zum Raum der Welt erweiterte: Der Mensch des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist bei diesen Reisen in seine nächste Nähe immer eins mit sich.

Wann hat das aufgehört? Wann zog in den Erkenntnisraum des "Zimmerreisenden" der Zweifel ein? Stiegler gibt eine Vielzahl von Hinweisen und verknüpft sie miteinander. Dieses Verfahren stellt hohe Ansprüche, und manches Mal wäre es sinnvoll gewesen, den jeweiligen gesellschaftspolitischen Hintergrund stärker zu betonen. Dass die Existentialisten die "Eingeschlossenheit des Menschen" thematisierten, dass Samuel Beckett den Schädel "zum Anfangs- und Endpunkt (...) jeder Reise" erklärte, hat ja nicht zuletzt mit dem sprachlosen Entsetzen als Reaktion auf eine "entfesselte" Moderne und zwei verheerende Kriege zu tun.

Der Ausweg aus der Sackgasse, zeigt Stiegler, wird fortan u.a. in der "Textualisierung der Welt" gesucht: Die Welt ist Schrift und Zeichen geworden und nur in dieser Gestalt ist sie zu begreifen. Um die Welt zu beschreiben, so der französische Literaturnobelpreisträger Claude Simon, müsse man das Zimmer nicht mehr verlassen.

Tatsache ist aber auch: Der heutige Wohlstandsmensch der westlichen Hemisphäre reist so oft er kann in die Ferne. Stiegler thematisiert diesen anhaltenden Trend nicht. Aber die Beispiele heutiger "Zimmerreisen", die der Konstanzer Literaturwisenschaftler auswählt, stehen in einem teils kritischen, teils skurrilen Verhältnis dazu. Der Künstler Georg Schneider baute für die Biennale 2001 das "Tote Haus ur", das bei der Begehung Orientierungslosigkeit auslöste. Beim Ehepaar Studer kann man im Internet Urlaub in einem virtuellen Alpen-Hotel buchen - wie überhaupt das Internet auf eigentümliche Weise den "reisenden Stillstand" verkörpert. Und Carol Dunlop und Julio Cortázar - zwei Todkranke - erkundeten auf ihrer letzten Reise im Jahre 1982 systematisch die Parkplätze einer Autobahnstrecke. In der gemeinsamen Erkundung des scheinbar Nichtigen fanden sie als Liebende, Reisende und Schreibende ihre Erfüllung. Diese Reise, am Ende dieses wunderbaren Buches, hat unübersehbar die Sympathie des Autors.

"Reisen", zitiert Bernd Stiegler Arsène Houssaye, " bedeutet, sich an den Tod zu gewöhnen". Der uns bekannte Massentourismus erscheint da eher wie eine Flucht. Vielleicht ist tatsächlich die Reise in die nächste Nähe die beste Art, sich diesem unausweichlichen Prozess des endlichen Daseins zu stellen.

Autor:  Angela Gutzeit
Datum:  23 | 6 | 2010
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