"Einsamkeit und Sex und Mitleid" - der Titel des neuen Romans von Helmut Krausser scheint zunächst vor allem sperrig bemüht um stimulierende Reizwörter, bis man ahnt, worauf er eine Paraphrase sein könnte. Im Hintergrund tönt es hymnisch: "Einigkeit und Recht und Freiheit" - das stimmt in der Konstruktion überein, im Rhythmus und reimt sich sogar. Überhaupt reimt sich in diesem Roman fast alles. "Des Glückes Unterpfand" allerdings besingt er nicht.
Der Plot ist keineswegs einfach zu referieren, obschon es an ihr nicht mangelt, denn es wird rasant und überbordend erzählt. Aber es fehlt eine Hauptfigur, um die sie zentriert wäre. An ihre Stelle tritt ein Netz aus Beziehungen und Begegnungen, in dem sich Handlung fängt. Denn noch ausführlicher als den Titel legt der Autor das Personeninventar dieses "Berlin-Romans" an, in dem die Stadt keine Rolle spielt. Krausser konzentriert sich auf seine Figuren, durchstilisierte Typen der durchschnittlich schrägen Sorte, und deren vor allem körperliches Begehren.
Vincent, ein wachs-enthaarter Callboy, ist für die perfekte Befriedigung zuständig und überrascht eingangs Vivien in seiner Wohnung, eine obdachlose Einbrecherin, die nebenbei im selben Gewerbe tätig ist. Er und viele andere kehren in einer Spelunke namens "Nachtmar" ein, die als erzähltechnisches Sammelbecken fungiert, und in der die farbige, voluminöse Kellnerin Minnie bedient - zum Beispiel den frühberenteten Lateinlehrer Ekki, den eine Schülerin mit falschen Anschuldigungen ruiniert hat.
Als Johannes, religiös verwirrtes, schon achtzehnjähriges Kind von Mitgliedern einer christlichen Sekte, und der Araber Mahmud, den sein Bruder Faisal mit muslimischem Gedankengut impft, im "Nachtmar" ein Versöhnungsbier zischen möchten, weil sie sich um Swentja gebalgt haben, treffen sie auf ein Rudel von Punks. Deren einer, Holger, bepinkelt Mahmud heroisch, weil der sich rassistisch über Minnie geäußert hat.
Während dieses aparten Krawalls sitzen in der Kaschemme auch Janine, Tänzerin und tragischerweise Epileptikerin, und der Kaufhaus-Marktleiter Uwe, sexuell topfit, aber nicht der Partner für intellektuelle Gipfelstürme. Uwe ist zufällig kurz vorher von Holger überfallen worden, der ihm 120 Euro abgeknöpft hat, mit denen er jetzt die Punk-Truppe im "Nachtmar" einlädt und zu deren König avanciert. Janine und Uwe werden vielleicht ein Paar. Aber Uwe liebt noch seine Frau Julia, eine Managerin, die sich von Vincent und anderen Escortservice-Mitarbeitern regelmäßig nach klaren, herrisch von ihr gesetzten Regeln beglücken lässt.
Julia hat die Adresse des Callboy-Centers auch an ihre frustrierte Freundin Sarah weitergegeben, die, seit sie ein Gotcha-Gewehr ihr eigen nennt und damit dreimal wöchentlich trainiert, vom "Erschossenwerden" träumt und sich davon sexuell erregt fühlt. Ansonsten ist Sarah mit Dr. Thomas Stern verheiratet, der sich, da sie prinzipiell kaum an gewöhnlichem Sex interessiert ist, seiner Sekretärin Carla und ihrem straffen Körper, dem einer Kickbox-Meisterin, zugewandt hat. Die kann ihren Chef sogar buchstäblich aus brenzligen Situationen mit jungen Türken raushauen - hat aber nach fünf Monaten kein Interesse mehr daran, sondern Lust auf den strammen Mulatten, den sie in einem Sex-Club befummeln durfte.
Schließlich wird auch Sarah, die Gotcha-Amazone, ihren Thomas wirkungsvoll gegen den sich trollenden Türken Ümal verteidigen, statt ihrem Gatten selbst, wie eigentlich geplant, eins überzubraten. Höhepunkt des Suspense-Teils ist eine Kindesentführung.
Dass der Autor die vielen Fäden, die er spinnt, höchst kunstvoll zu ver- und entwirren vermag, steht außer Frage. Viele Arbeiten Helmut Kraussers zeugen von seinem Können und Geschick. Auch, dass der Text aus Miniaturen von zuweilen unerhörter Situationskomik zusammengesetzt ist, kann für ihn einnehmen. Aber dass man sich genötigt sieht, aus all dem Stoff und seiner Aufbereitung vor allem zu folgern, die Welt und Berlin seien ein Dorf, jeder tue es nun mal nach seiner Façon, Sex und Macht, ja Gewalt könnten zuweilen etwas miteinander zu tun haben und das Wort "Liebe" sei zu ersetzen durch "Trieb", ist der eher dürre Ertrag dieser hechelnden Farce zum Thema "Sex in the City".
Und schließlich produziert der Text, obwohl er sich anschickt, ein sarkastischer Abgesang auf allerlei zu sein, wahre Liebe dann auch noch vor allem unter den Punks und Ausgegrenzten.
Kraussers Sprache passt sich weder in den Dialogen noch im Erzählton den Figuren an, sondern bleibt durchgängig ironisch auf Distanz, und am Anfang irritiert der Text gar mit gehäuften Stilblüten wie: "Es klang nach einem schläfrig-verständnislosen Hä, das sich auf den Arm genommen glaubte." Dieses Gefühl teilt der Leser streckenweise mit dem Hä.
Helmut Krausser: Einsamkeit und Sex und Mitleid. Roman DuMont, 223 Seiten, 19,95 Euro.