Kriminalliteratur, sagte der amerikanische Autor James Sallis kürzlich, vermittle ein Gefühl für Form und Gestaltung, außerdem für Vergeltung und Erlösung. Und: Stil sei eine Reflexion der Art und Weise, wie der jeweilige Autor "mit seiner Welt in Verbindung steht".
James Sallis´ Verbindung zur Welt muss eine eckige, scharfkantige, eine unnachgiebige sein. Der 1944 in Arkansas geborene Sallis dreht keine Locken, er malt keine Kringel, er packt 37 schlanke Kapitel auf 300 Paperback-Seiten und schafft es dabei, die Vorgeschichte seiner Hauptfigur einzuflechten, ja, ein ganzes Leben zu zeichnen von einem "Goldkind mit einer großartigen Zukunft" - bei dem fast alles schief geht.
Der Mann ohne Vornamen
Turner (ein Mann, den man nicht beim Vornamen nennt) wird Soldat im Vietnamkrieg, dann Cop, er steigt auf, tötet einen Kollegen. Seine Motive sind in diesem Moment keine unrechten, er will den Mann schützen, der jetzt mit der Ex-Freundin des Kollegen zusammenlebt. Ins Gefängnis muss er trotzdem. Dort lernt Turner schnell die Knastspielregeln. Und zieht sich, wieder draußen, dorthin zurück, wo er aufgewachsen ist und sich Frösche und Hühner gute Nacht sagen.
Sallis erzählt nicht linear, mal füllt er hier, mal da die Fakten, das Leben etwas auf. Den feinen Strich reserviert er sich für die Charaktere, während die Handlung gleichsam im Dunst verschwindet wie eine Landschaft. Der Leser nimmt hier mal ein Dach, da mal einen alten Baum wahr. Aber letztlich ist das Wer war´s? das am wenigsten Interessante an James Sallis´ Romanen. Sie sind eigentlich Lonesome-Cowboy-Geschichten. Turner etwa sucht in der Einsamkeit und Askese (sein Haus ist mönchisch) nach Erlösung von seiner Vergangenheit: Sie machte ihn zum harten, weltabgewandten Mann. Denn als er plötzlich zwischen Skylla und Charybdis stand, nützte ihm sein integrer Kern gar nichts. Der Rest ist Bitterkeit.
"Dunkle Schuld" (im Original: Cypress Grove) ist der erste von drei Turner-Romanen, er erschien bereits 2003 in den USA. Turner hilft darin dem örtlichen Sheriff, einen Mordfall zu lösen - nur mit diesem Detail greift Sallis zu einem typischen Krimi-Dreh. Der große Rest des Buches ist: nüchtern, wortkarg erzählte Tragödie (die Turners, die seines Kollegen, die des aktuellen Mörders). So ist es auch in "Driver", einer noch reduzierteren, noch halsstarrigeren Sallis-Geschichte um einen brillanten Stuntfahrer, der, weil er eben das absolute Gespür für Autos hat, zum Fluchtfahrer wird bei Raubüberfällen. Bis es schiefgeht.
Sallis´ Figuren sind nicht böse, er schickt keine in der Seele rabenschwarzen Serienmörder auf die Pirsch, vielmehr schliddern seine Täter ins Verhängnis - und manchmal können sie, wie Turner, auf ein Scheibchen Erlösung hoffen. Sollte diese auch nur darin bestehen, mit dem Sheriff ein Bier zu trinken, an einem friedlichen Abend in Cypress Grove, unter Fröschen und Menschen.