In England werden Tatsachenromane und das Verhältnis von Fiktion und realen Ereignissen immer heiß debattiert, besonders wenn es um Bücher geht, in denen die jüngere Geschichte verarbeitet wird. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, die auch mir immer wieder gestellt wird: Warum verarbeiten Sie historische Ereignisse in Romanen und nicht in Sachbüchern?
Weil ich manche Dinge verändern will. Wenn mir nicht gefällt, wie die Geschichte sich entwickelt, will ich mich nicht an die Fakten halten müssen. Außerdem möchte ich auch die persönlichen Geschichten erzählen. Ich nenne es den privaten Albtraum der öffentlichen Ordnung, und wenn man sich die Realität anschaut, dann stellt man fest, dass meine erdachten Geschichten eine akkurate Beschreibung sind. Ich stelle mir immer vor, wie viele kriminelle und dubiose Gestalten ein Politiker, selbst wenn er nicht korrupt ist, in seinem Bekanntenkreis hat.
Fühlen Sie sich einer realen Person gegenüber nicht verpflichtet?
Doch, ich möchte den tatsächlich lebenden Personen schon gerecht werden. Ich möchte ihre Leben möglichst wahrhaftig darstellen. Und dann will ich mich ein bisschen amüsieren und alles auf den Kopf stellen.
Sie haben eine zweite Autobiographie geschrieben...
Ja, "The Hilliker Curse". Es geht um mich und die Frauen.
Ihre erste Autobiographie "My Dark Places" (dt. "Die Rothaarige: Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter") haben Sie zwischen "American Tabloid" und "The Cold Six Thousand" geschrieben. Fiel Ihnen das schwer, den Roman zu unterbrechen, eine Autobiographie zu schreiben und dann den Roman wieder aufzunehmen?
Das war leicht. Die Zeitschrift GQ zahlte mir viel Geld dafür, mir die Polizeiakten über den Mord an meiner Mutter anzuschauen. Ich sah, dass ich daraus ein Buch machen könnte, eine Biographie meiner Mutter und meine Autobiographie. Und ich wollte die Gelegenheit ergreifen, den Tod meiner Mutter genauer zu untersuchen. An dem Roman konnte ich später weiter arbeiten.
Und warum haben Sie noch eine zweite Autobiographie geschrieben?
Mir wurde klar, dass das Buch über mich und meine Mutter gar keine Kriminalgeschichte, sondern eine Liebesgeschichte ist. Und dann dachte ich, dass ich in meinem Leben immer vor allem auf eins fixiert gewesen war: auf Frauen. Und jetzt habe ich die ultimative Frau gefunden und musste deswegen ein neues Buch schreiben.
War diese Art der persönlichen Aufarbeitung unangenehm oder eher eine Befreiung? Fällt es Ihnen schwer, so viel von sich zu zeigen?
Nein. Und wissen Sie auch warum, Mr. Peace? Ich bin ein Exhibitionist.
John Dos Passos...
Hab ich nie gelesen.
Also, John Dos Passos schrieb 1932, dass ein Schriftsteller versuchen sollte, ein "Architekt der Geschichte" zu sein. Und ich glaube, das haben Sie in Ihren besten Werken erreicht. Gefällt Ihnen diese Beschreibung - Architekt der Geschichte?
Ja, das gefällt mir.
Denken Sie, Sie haben eher Glück oder eher Pech gehabt mit der Zeit, in die Sie hineingeboren wurden?
Eher Glück gehabt - ja doch.
Übersetzung aus dem Englischen: Andrian Widmann