Pete Bondurant taucht als Nebenfigur in "White Jazz" auf und ist eine der Hauptpersonen in "American Tabloid" (dt. "Ein amerikanischer Thriller") und "The Cold Six Thousand" (dt. "Ein amerikanischer Albtraum"). War er der Ausgangspunkt für die Underworld-Trilogie? Wollten Sie diese Figur weiterverfolgen und sehen, was passiert?
Ich las gerade Libra ("Waage") von Don DeLillo, das ein großartiges Buch über die Ermordung John F. Kennedys ist, und mir wurde klar, dass ich kein besseres Buch über das Thema schreiben konnte. Aber dann dachte ich, dass die Vorgeschichte des Attentats bis ins Jahr 1958 zurückgeht, und beschloss, ein Buch zu schreiben, das zwar mit dem Attentat endet, aber dieses Ereignis nur am Rande streift. Dabei kam mir die Idee einer Trilogie. Anfangs hatte ich vor, den wirklichen Privatdetektiv Fred Otash, der als Nebenfigur in drei oder vier anderen Büchern auftaucht, zu verwenden. Allerdings hätte ich ihn bezahlt, da ich ihm nicht so recht über den Weg traute.
James Ellroy, geboren 1948 in Los Angeles, ist einer der wichtigsten und auch einflussreichsten amerikanischen Kriminalroman-Autoren. Er erhielt mehrfach den Deutschen Krimipreis, zahlreiche seiner Bücher wurden verfilmt, so entstand etwa "L.A. Confidential" nach seinem Roman "Stadt der Teufel". In Übersetzung erschien von ihm gerade: "Blut will fließen" (Ullstein, 2010). Der Roman landete sofort auf Platz 1 der monatlichen Krimiwelt-Bestenliste.
David Peace, geboren 1967 in Ossett, England, ist einer der wichtigsten britischen Kriminalroman-Autoren. Vor kurzem erhielt er den Deutschen Krimipreis 2010. Ellroy ist eines seiner Vorbilder. Von Peace erschien zuletzt in Übersetzung: "Tokio im Jahr Null" (Liebeskind, 2009). Siehe dazu auch das FR-Interview mit Peace vom 30. November 2009. (fr)
Ist er nicht inzwischen gestorben?
Ja, er ist tot. Ich hätte also nichts bezahlen brauchen. Aber inzwischen hatte ich Big Pete, also beschloss ich, mit ihm weiterzumachen.
Wussten Sie während der Arbeit an "American Tabloid" schon, dass es der erste Teil einer Trilogie werden würde?
Als ich das Ende von "Tabloid" schrieb, merkte ich, dass es eine Trilogie war, und ich wusste, dass der zweite Teil das große Buch über die 60er Jahre sein würde.
Hatten Sie auch schon eine klare Vorstellung vom dritten Band?
Nicht wirklich, nein. Bei den 60er Jahren war es klar: da gab es die sozialen Umwälzungen, die Anti-Kriegs-Bewegung, die Bürgerrechtsbewegung, den Rassismus in den Südstaaten, Howard Hughes, der Las Vegas aufkaufte - jede Menge Material. Aber "Blood´s a Rover" (dt. "Blut will fließen") spielt im Jahre 1972, und das ist eine weniger spektakuläre und darum auch viel weniger erforschte Ära.
Wann legten Sie die Zeitspannen für jeden Roman fest?
Ich hatte beschlossen, die ersten beiden Bände mit den Attentaten enden zu lassen (1963 auf Kennedy und 1968 auf Martin Luther King und Robert Kennedy). Danach schien mir der Tod von J. Edgar Hoover im Jahr 1972 der logische Abschluss für die Trilogie zu sein.
Das sind ja sehr komplexe Geschichten. Wie recherchieren Sie?
Na ja, das Übliche. Ich engagiere Leute, die für mich die Fakten zusammenstellen und in chronologische Reihenfolge bringen. Auf diese Weise bin ich davor gefeit, die Tatsachen durcheinander zu werfen. Und dann fange ich an, von den historischen Fakten aus zu extrapolieren und eine Geschichte und Figuren zu erfinden. So funktioniert das, man extrapoliert...
Ich verbringe mehr Zeit in der Bibliothek, etwa ein Jahr, und dann kommt langsam die Geschichte. Ich finde es bewundernswert, wie Sie gewissermaßen ohne Netz arbeiten.
Wissen Sie, was ich mache, Mr. Peace? Ich liege im Dunkeln. Ich liege einfach da und ... denke nach. Geschichte ist für mich ein gutes Feld. Ich bin ein guter Denker - und sehr zielstrebig. So verbringe ich sehr viel Zeit ... haben Sie Familie?
Ja.
Ich habe keine Familie und hatte auch nie eine. Das ist schon seltsam. Ich bin 61, kerngesund und mein Verlangen nach Frauen ist stärker als je zuvor. Und ich habe endlich die Frau getroffen. Endlich. Aber ich bin der Typ, der an Weihnachten und Ostern zuhause bleibt und dann aus Mitleid irgendwo dazu eingeladen wird. Schrecklich. Und ich meide kulturellen Input. Ich gehe nicht ins Kino und lese keine Zeitung. Worauf ich hinaus will: Ich bin nicht reich; ich zahle Alimente und meine Steuern, aber ich muss keine Familie ernähren. Deswegen kann ich mir eine Assistentin leisten. Ich muss meine Zeit nicht mit Einkaufen vergeuden und mich auch nicht mit so einem Scheiß-Computer rumärgern. Meine Assistentin kümmert sich um meine Emails.
Das ist sehr praktisch.
Allerdings. Ich lebe ein sehr unkompliziertes Leben und halte mir den Kopf frei. So können sich die Ideen in mir entfalten und reifen. So finde ich auch die Stimmen und die Situationen. Ich denke also nicht allzu viel über andere Dinge nach, und die wenigen Dinge, über die ich nachdenke, denke ich sehr sorgfältig durch. Auf diese Weise kann ich irgendein historisches Faktum nehmen und es plausibel in meine Geschichte einbauen. Für die Recherche zu "Blood´s a Rover" schickte ich also jemanden in die Dominikanische Republik - Haiti ist zu gefährlich. Man brachte mir Fotos mit, genug für einen dreistündigen Dia-Vortrag. Nach einer Stunde sagte ich: "Das reicht. Mein Gott, ich sehe es jetzt vor mir! Ich hab die Landkarten; ich hab alles, was ich brauche." Die Erzählperspektive ist natürlich sehr wichtig. Man folgt dem unerfahrenen jungen Crutchfield, der zum ersten Mal aus den Staaten raus ist und in einem Land der Dritten Welt Kindern dabei zusieht, wie sie durch Abwasser schwimmen und nach Flusskrebsen jagen.
Diese Figur, Don Crutchfield - den gibt es doch wirklich...
Ja, der lebt noch.
Sie lagen also irgendwann mal im Dunkeln und überlegten sich, dass man diesen real existierenden Don Crutchfield als Figur in den Roman einbauen könnte?