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Literatur

03. Juni 2011

Kulturgeschichte der Flugzeugentführungen: Angriff auf eine Zwischenwelt

 Von Hans-Jürgen Linke
Die Lufthansa-Maschine "Landshut" wurde im Oktober 1977 entführt.  Foto:  dpa

Annette Vowinckel geht in ihrem neuen Buch dem Phänomen der Flugzeugentführung nach. So viel Ordnung, so viel klarer Blick, gepaart mit inspirierendem Humor findet man in einem Sachbuch nicht alle Tage.

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In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen entstand eine neue Welt, auf einer insgesamt relativ kleinen Fläche unseres Planeten, aber getragen von einer wirkungsvoll verlockenden und ubiquitären Überlegenheits-Symbolik. Ihre Bewohner gehören keiner bestimmten Nation oder Ethnie an, tragen aber Uniformen, an denen man sie erkennen kann, und sie repräsentieren für viele Menschen, die in realeren Welten zu arbeiten und zu vegetieren genötigt sind, ansatzweise den Inbegriff eines erstrebenswerteren Lebens.

Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis diese Welt sich geformt und sich selbst entdeckt hatte und bis sie die ihr angemessene Beachtung fand. Erst im Jahr 2001 fand sie ihren ersten literarischen Ausdruck in Walter Kirns Roman „Up in the Air“. Es ist die Airworld, jenes halb fiktive, halb reale Gebilde aus Betonbahnen, Terminals, Glas und Stahl, wimmeligen Ankunftshallen, hippen Tax-Free-Läden, Flugzeugen aus aller Herren Länder, schönen Menschen in blauen Uniformen und einer permanenten und fast wirklichen Anwesenheit jeglicher Ferne.

Es wäre sicher sinnvoll, einen ideologiekritischen Blick auf diese Kunstwelt zu werfen, auf die mangelnde Solidität ihrer Fundierung, auf die konsumistische und tendenziell infantile Zuspitzung ihres Wertesystems, aber man sollte ihren internationalen Rang auch nicht unterschätzen: Wahrscheinlich stammen viele der vagen Bewusstseinsinhalte und ästhetischen Programme, mit denen sich das Wort „Globalisierung“ aufgeladen hat, aus dem sozialen und ästhetischen Reservoir der Airworld.Annette Vowinckel macht in ihrem Buch über die Kulturgeschichte der Flugzeugentführungen mit überzeugenden Argumenten diese Zwischenwelt zum eigentlichen Schauplatz. Zwar ist Luftpiraterie immer sehr real, und stets geht es dabei um reale, das heißt diesseitige Zwecke, seien sie politisch oder materiell akzentuiert. Aber ohne den semantischen Überschuss, der in der Airworld gespeichert ist, wäre das Flugzeug als Entführungsobjekt vermutlich weniger interessant. Weil die Airworld von so allgemeinem Interesse ist, kann sich jeder Flugzeugentführer sicher sein, dass er für seine Tat und womöglich für sein Anliegen optimale öffentliche Resonanz erzeugen kann.

Annette Vowinckel geht dem Phänomen der Flugzeugentführung auf mehreren Ebenen nach. Rückgrat ihres Essays ist eine realgeschichtliche Materialsammlung, wobei sie mit historischem Bewusstsein Verlaufsformen, Täter und Absichten typisiert und Formzusammenhänge findet. Die Typisierungen tauchen dann wieder auf in dem eigentlichen Themenfeld ihrer Arbeit, der ideologiekritischen und ästhetischen Reflexion des Phänomens der Flugzeugentführung im Film, in der Literatur, der Popmusik und in den aktuellen Medien.

Unterhaltsame und aspektreiche Aufarbeitung

So entwickelt sich aus einer soliden historischen Bestandsaufnahme eine kritische und dabei überaus unterhaltsame und aspektreiche Aufarbeitung von thematisch zentrierter Mediengeschichte.

Und weil Vowinckel bei all dem sauber, begriffsklar und mit souveräner Übersicht arbeitet, geht ihr nichts durcheinander, obwohl sich in ihrem Buch alles um sehr beängstigende und in ihrer politischen Konnotation verwirrende Dinge dreht: Der originelle Flugzeugentführer McCoy und die Protagonisten des Schwarzen September 1970, die Ereignisse von Mogadischu, von Entebbe und vom 11. September 2001 werden in ihrer historischen Markanz gewürdigt, alles bekommt klar herausgearbeitete Zuordnungen. Und einmal kann man sogar mit Hilfe von Monty Python’s Flying Circus lachen und mit einiger Mühe den ästhetischen Relfex eines bestimmten Tätertyps erkennen. Was den Erkenntnisgewinn des Buches sehr befördert, ist die Tatsache, dass die Autorin dem emotionalen Feldgeschehen im Kontext von Flugzeugentführungen eine klare Denkweise entgegensetzt, ohne damit beruhigen zu wollen. Oder gar zu können.

So viel Ordnung, so viel klarer Blick, gepaart mit inspirierendem Humor findet man in einem Sachbuch nicht alle Tage. Selbst die abschließende Erörterung der scheinbar realitätshaltigen, in Wahrheit aber möglicherweise viel stärker magisch unterlegten Rituale der Sicherheitsdienste zeigt hoch intelligentes historisches Bewusstsein.

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