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Leggewie und Welzer: Alle reden vom Klima, wir auch

Leggewie und Welzer nehmen "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" in den Blick. Von der Klimakrise ist darin die Rede - und von einer "übergeordneten Metakrise". Was die sein soll wird erst allmählich klar.

Aus dem Videospiel Die Siedler.
Aus dem Videospiel "Die Siedler".
Foto: Ubisoft

Den etwas älteren SDS-Slogan, "Alle reden vom Wetter, wir nicht" könnte man zeitgemäß umformulieren zum Motto, "alle reden vom Klima, wir auch". Das Klima, der Klimawandel, die Klimakrise und damit die Klimapolitik stehen im Mittelpunkt des Interesses von Fachleuten aller Art, Politikern, Intellektuellen und politisch interessierten Zeitgenossen. Und das zu Recht.

Vor einem Jahr hat der Sozialpsychologe Harald Welzer das Thema in einem gleichnamigen Buch zur Spekulation über "Klimakriege" des 21. Jahrhunderts dramatisiert. Davon ist in dem gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie verfassten Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" nicht mehr die Rede. Und das ist einer der Vorzüge des Buches.

Das Buch

Claus Leggewie/Harald Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. S. Fischer 2009, 278 S., 19,95 Euro.

Am Dienstag, 8. September stellen Claus Leggewie und Harald Welzer ihr Buch im Café Central des Grillo-Theaters in Essen vor (20 Uhr).

Hauptsache, "es" wuchs

Die beiden Autoren sprechen jetzt von der "Klimakrise" und von der "übergeordneten Metakrise", wobei zunächst unklar bleibt, was sie damit meinen. Oft hat es den Anschein, als ob sie einfach die griechischen Wörter "meta" (inmitten, mit, gemäß, zwischen, hinter, nach) und "mega" (groß, mächtig, völlig, ganz) durcheinander brächten. Nach fünfzig Seiten erst klärt sich das Verwirrspiel. Welzer und Leggewie meinen, dass sich die zahlreichen Megakrisen von der Hunger- bis zur Finanzkrise zu einer einzigen Metakrise, einer Krise "auf höherer Stufe", verdichtet haben. Die Metakrise ist eine Systemkrise, die "die Endlichkeit eines Gesellschaftssystems" anzeigt, das rund 250 Jahre "erfolgreich" funktioniert hat: das industriekapitalistische Wirtschaftssystem, das auf Wachstum beruht.

Die Art dieses Wachstums war ohne Belang, Hauptsache, "es" wuchs, das heißt das Kapital blieb im Verwertungskreislauf und erzeugte etwas, das irgendwem Profite verschaffte. Diese Einsicht ist nicht ganz neu. "Die hybride Vorstellung () einer Welt tendenziell unaufhörlichen Wachstums" (Welzer/Leggewie) entschleierte nicht erst die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern Karl Marx vor über 150 Jahren. Neu ist nur, dass das, was damals noch weit in der Zukunft lag, jetzt eine akute Gefahr geworden ist. Wenn sich die Erde weiter so erwärmt, wie in den letzten 250 Jahren, droht eine Klimakatastrophe.

Es gibt - grob gesehen - zwei Sorten von Büchern über das Klima. Die erste stammt von Fachleuten, die den Klimawandel als Symptom für gravierende Veränderungen betrachten, aber auf das Kernproblem abzielen: Alles Leben und Überleben auf dieser Welt hängt vom äußerst komplexen System des Wasserkreislaufs ab, das heißt vom Kreislauf von Kohlenstoff und Stickstoff, der den Baustein der Proteine bildet. Bei Welzer und Leggewie ist auf Seite 45 erstmals und ausgesprochen knapp von Wasser die Rede.

Symptom, nicht Ursache

Ihr Buch gehört zur zweiten Sorte von Büchern über das Klima. Es ist insofern Sekundärliteratur, als die Autoren "die karbone Gesellschaft" für die Klimakrise verantwortlich machen, also jene Gesellschaft, die ihren Energiebedarf seit 250 Jahren fast ausschließlich aus Holz, Kohle, Erdöl und Erdgas deckt. Die "Dreieinigkeit" von "Billigenergie, Wachstumsparadigma und karboner Gesellschaft" ist zwar das wichtigste Symptom, das einen Klimawandel bewirkt, aber nicht die einzige Ursache. Natürlich bleibt es trotzdem richtig und wichtig, die Verbrennung fossiler Stoffe zu reduzieren und langfristig andere Energiequellen zu erschließen.

Welzer und Leggewie beziehen sich mehrfach auf den Naturwissenschaftler Jared Diamond und sein Buch "Kollaps". Diamond untersucht an exemplarischen Beispielen, warum Gesellschaften untergegangen sind. Es gibt, wie Diamond belegt, "keinen einzigen Fall, in dem man den Zusammenbruch einer Gesellschaft ausschließlich auf Umweltschäden zurückführen könnte." Wichtig sind immer auch die politische Reaktionen der Eliten eines Landes und der Gesellschaft auf Umweltschäden, Klimaveränderung, Bevölkerungswachstum, Armut und Reichtum. Einen "Umweltdeterminismus" hält Diamond für ebenso naiv wie absurd.

Ein Beispiel Diamonds, das Welzer und Leggewie mehrmals zitieren, sind die Wikinger. Im Jahr 793 n. Chr. kamen sie aus Norwegen über Island nach Grönland, wo sie sich trotz widriger Bedingungen und dank großer Disziplin 450 Jahre halten konnten. Die Gesellschaft wurde zusammengehalten durch eine Elite starker Häuptlinge und den christlichen Glauben. Die Wikinger brachten die Viehzucht ins Land, an der sie auch festhielten, als das Klima im Winter kälter wurde und die Heuproduktion im Sommer karger ausfiel. Die Autorität der Häuptlinge und der Geistlichkeit zerfiel, als eine Hungersnot ausbrach, und den Machthabern blieb nur "das Recht, als letzte zu verhungern. () Das kurzfristige Interesse der Machthaber siegte über die langfristigen Interessen der Gesamtgesellschaft" (Diamond).

Die wichtige Rolle, die Entscheidungen, Interessen und Herrschaft spielen, blenden Welzer und Leggewie dagegen aus - als Kulturwissenschaftler meinen sie, den Wikingern hätte "das kulturelle Konzept" gefehlt. Gegen die aktuelle "Metakrise" setzen sie denn auch auf eine "Kulturrevolution des Alltags" - etwas überraschend - durch eine "Außerparlamentarische Opposition 2.0.".

Die Autoren haben sich zu viel vorgenommen. Sie wollen auf 235 Seiten die Krise analysieren und Auswege diskutieren. Dabei lassen sie gar nichts aus. Auf 30 Zeilen gelangen sie vom Challenger-Unfall 1986 zurück zum Marsch der Hominiden aus Afrika nach Europa vor zwei Millionen Jahren, und dann geht es zügig voran zum Jahr 1933. Das Buch franst in 53 Kapitelchen von durchschnittlich vier Seiten aus und wirkt wie eine feuilletonsoziologische Kompilation aus Zeitungslektüre, Talk-Show-Weisheiten, Netzfunden und obligaten Ergebnissen aus "jüngsten Studien."

Autor:  Rudolf Walther
Datum:  7 | 9 | 2009
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