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Literatur

31. Juli 2015

Lily King "Euphoria": Dreier unterm Moskitonetz

 Von Sabine Vogel
Halt, da sind wir schon mitten im Dschungel, mitten in Lily Kings Roman: Traditionell gekleideter Papua.  Foto: David Gray/rtr

Großes Kino: Lily Kings Roman „Euphoria“ schickt die junge Ethnologin Margaret Mead mit zwei Männern ins Dschungelfieber.

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Was ist erregender, als vom Baum der Erkenntnis zu kosten? Das meint sowohl das erotische Begehren als auch den Rausch, einer alles umstürzenden Wahrheit auf die Spur zu kommen. „Euphoria“ heißt Lily Kings Roman. Es geht um den Beginn einer großen Liebe und um die Wissenschaft der Menschenerforschung. King spinnt darin die historisch belegte Begegnung dreier Anthropologen zu einem mitreißenden Drama weiter, bei dem man bald nicht mehr weiß, ob die Wahrheit oder die Fiktion das spannendere, die Liebe oder die Forschung das abenteuerlichere ist.

Ausgangspunkt ist eine Episode im Leben von Margaret Mead. Schon 1925, nachdem sie das freizügige Sexualleben junger Mädchen auf Samoa studiert hatte, machte die 24-jährige Amerikanerin Furore mit der These, dass Geschlechterrollen kulturell determiniert sind. Mit ihrem Bericht über „wild kopulierende Kinder am Südseestrand“ verhalf Mead der Ethnologie zu einem populären Schub. Das Wilde wurde zum Sehnsuchtstopos. Paradiesverklärung warf man ihr später vor.

Anfang der dreißiger Jahre war Mead mit ihrem Ehemann Reo Fortune, ebenfalls Anthropologe, im tiefsten Dschungel am Fluss Sepik in Papua-Neuguinea. Dort trafen die beiden auf Meads späteren Ehemann Gregory Bateson und verbrachten mehrere Monate mit ihm in einer emotionalen und intellektuellen Dreierbeziehung. War das so?

Völlig fertig, mit schrundigen Wunden, nässenden Geschwüren, Ringelflechten und glühenden Malariaaugen – aber halt, da sind wir schon mitten im Dschungel von Kings Imagination. Margaret Mead heißt darin Nell Stone und ihr Mann Fen hat gerade auch noch ihre Brille zertreten. „Nur wieder ein toter Säugling“, kommentiert der zynisch, als die Eingeborenen ihnen zum Abschied etwas Bräunliches hinterherwerfen. Und damit ist schon auf der ersten Seite ein Ton gesetzt, der alle Romantik noch der zartesten Liebe mit Unheil und Gewalt kontrapunktiert.

Ein zermürbendes Jahr

Nach einem zermürbenden Jahr im Busch ohne nennenswerte Entdeckungen strandet das genervte und zerrüttete Forscherehepaar bei dem britischen Kollegen Andrew Bankson. Der ist da bereits zum Verrücktwerden vereinsamt und so deprimiert, dass er sich gerade im Fluss ertränken wollte. Die Eingeborenen, die ihn aus dem Wasser ziehen, erklären ihm nachsichtig, dass man nicht mit Steinen in den Taschen schwimmen gehen soll.

Und obgleich die eigentliche Heldin des Romans die feministische Aktivistin und Weltverbessererin Mead alias Nell ist, wird Bankson zu Kings Ich-Erzähler. Ja, es wird seine Geschichte. Der große Zweifler – Mead beschrieb ihn in einem Brief an ihre Freundin Ruth Benedict als „1,93 Meter verletzlicher Schönheit“– ist verzweifelt über die Sinnlosigkeit seiner Forschungstätigkeit. Er wird von den Eingeborenen ausgetrickst, für dumm verkauft, verspottet, er erfährt nichts, er versteht nichts. Aber in seinem vermeintlichen Scheitern erkennt er, dass jede scheinbar objektive Erkenntnis mehr über den Forschenden als über den Forschungsgegenstand aussagt. Alle Erkenntnis ist subjektiv.

Allein der Reichtum, die Möbel, das Geschirr, die Leinenservietten, die Nell und Fen von 200 Trägern in den Dschungel schleppen lassen, bringen das Gleichgewicht aus dem Lot. Schon damit verfälschen sie ihre Forschungsergebnisse. Mit den beiden treffen zugleich völlig unterschiedliche Methoden aufeinander. Um sich nicht zu sehr in die Quere zu kommen bei ihrer „Schlacht um Informationen“ teilen sie „ihren“ Stamm in Zuständigkeitsbereiche auf. Fen studiert Verwandtschaftslinien, Erbfolge, den repräsentativen, den männlichen Teil der Stammeshierarchie, Nell ist für Heim und Herd zuständig. Sie weckt zuerst behutsam das Vertrauen der Kinder, interessiert sich für die Handarbeiten und Nahrungszubereitung der Mütter und hat bald Zutritt zum Frauenhaus. Und kommt so einem geheimen Ritual des Transvestitismus auf die Schliche. Von den Kindern erlernt sie die Sprache, aber eigentlich vertraut sie mehr ihrer (weiblichen) Intuition. Zu viel Sprachkenntnis behindert das unvoreingenommene Beobachten, sie verdrängt das Erfassen nonverbaler Kommunikationen. Und die ist bei den Ahnengläubigen von existenzieller Bedeutung.

Sie feiern ihn in einer Orgie

Als der in die Minen entführte Xambun zurückkehrt, seine Auspeitschungsnarben wie eine neue Tätowierung, stürzen sich die Anthropologen auf ihn. Er ist ein unschätzbarer Informant, weil er den Blick von außen auf seine Welt erfahren hat. Doch Xambun bleibt stumm, ein einsamer Außenseiter seiner Gesellschaft. Die Dorfgemeinschaft aber feiert ihn als Helden in einer Orgie, tage- und nächtelange Exzesse aus Fressen, Saufen, Ficken. Nell ist abgestoßen, Fen aber ist hingerissen vom kollektiven Ausbruch des Animalischen. Er bewundert die Barbarei, nichts schreckt ihn am „Primitiven“. Nichts lässt er aus an Selbsterfahrung. Er verlässt die Distanz des Beobachters, er will Teil des Forschungsgegenstands sein. Menschenfleisch? Missionar schmeckt wirklich wie altes Schwein. Frauenraub? Aufregend! Die Besessenheit der Krieger zieht ihn an, friedliche Stämme findet er sterbenslangweilig. Er wird auch keine Skrupel haben, eine heilige Stele mit uralten Schriftzeichen von einem Stamm zu stehlen. Und die Katastrophe auszulösen.

Doch zuvor muss der Höhepunkt her: Er kommt mit dem Buchmanuskript von Helen. Mit der hatte Nell auch mal eine Liebesbeziehung. Wie in Trance verschlingen die drei ihre Worte. „Das stärkste Rauschmittel hätte mir nicht so zu Kopf steigen können“. Helen fegt jede Vorstellung von rassischer Überlegenheit der westlichen Zivilisation als Unsinn davon. Die Ideen explodieren, plötzlich scheinen sich alle Datensplitter und Geister zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Trunken vom Feuerwerk der Erkenntnisse – der wie gesüßter Gummi schmeckende „Kiona“-Wein tut ein übriges – erfahren sie den Moment reinsten Glücks.

Hinter Helen verbirgt sich Ruth Fulton Benedict, Begründerin der kulturvergleichenden Anthropologie. Sie hat mit Mead zusammen in der pazifischen Region geforscht. Ihre Hinterfragung aller „Naturgegebenheit“, etwa von patriarchalen Strukturen, ist Bilderstürmerei, ihre radikale Sprengkraft wird sie erst in der feministischen Rezeption der späten 60er Jahre entfalten. Anhand der melanesischen Dobu, bei denen Diebstahl als höchste Tugend gilt, belegt sie ihre These, dass Kultur gesellschaftlich konstituiert wird – und abendländische Ethik relativ ist. Ihre Theorien über die Dobu beruhten auf Berichten von Reo Fortune, dem Roman-Fen.

Sie war Geheimagentin

Von 1943 bis 1945 war Benedict Geheimagentin der CIA. In deren Auftrag erstellte sie – wie auch Margaret Mead für die Propagandabehörde „Office of War Informations“ – eine Studie über die Kultur Japans. Nach Pearl Harbor war Japan der Hauptgegner der Alliierten im Pazifikkrieg. Spätestens hier endet die Unschuld des kulturanthropologischen Forschens. Mithilfe von Banksons geografischen Angaben wird bei einer Vergeltungsaktion der US-Army ein ganzer Stamm am Sepik ausgelöscht. Wahr ist, dass auch Gregory Bateson in die „anthropologische Kriegsführung“ verwickelt war.

Der Amerikanerin King gelingt mit diesem spannenden Roman das Wunder, dass man selber zum Erforscher des Fiktionalen wird. Damit treibt sie die Schnittstelle zwischen Forschern und den Erforschten im Lesenden selbst auf die Speerspitze. Im Anthropologen-Blog „Savage Minds“ wird übrigens schon darüber spekuliert, wer die Hauptrollen in einer Verfilmung von „Euphoria“ spielen könnte.

Lily King: Euphoria. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Beck, München 2015. 164 S., 19,95 Euro.

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