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Literatur

02. Dezember 2009

Listige Literatur: Der Trickliterat

 Von Peter Michalzik
Foto: Diogenes

Jakob Arjouni erzählt in seinem Roman "Der heilige Eddy" von einem Trickbetrüger. Doch zugleich spielt der Autor der "Kayankaya"-Krimis mit unserem Begriff von Literatur. Von Peter Michalzik

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Auf der Liste der ausgelatschtesten Witze steht der von der Bananenschale ganz oben. Für einen Schriftsteller kann der Reiz der Bananenschale also letztlich allein in der Herausforderung bestehen. Wie gibt man diesem ausgeleierten erzählerischen Gleitkörper neuen Schwung? Ist dem Rutscher auf der Schale eine neue Wendung zu entlocken?

Jakob Arjouni hat diese Herausforderung angenommen und sie mannhaft gemeistert. Mann kommt nach Berlin, zur Computermesse "Combär", und schon am Hauptbahnhof knallt er hin. Der Mann ist nämlich von Eddy als ideales Opfer ausgeguckt worden. Und so hat Eddy sich die Schale selbst in den Weg geworfen, ist ausgerutscht und hat sich auf unseren Mann fallen lassen. Im Fallen hat Eddy übrigens aufgepasst, dass der feine Wollmantel des fallenden Mannes nicht von eventuellen Kaugummis am Boden verklebt wird. Eddy will seinen neuen Mantel nicht ruinieren, bevor er ihn klaut.

Eddy, Held von Jakob Arjounis neuem kleinen Roman "Der heilige Eddy", ist Musiker, eigentlich aber Kleinganove, besser Trickdieb, und zwar ein vergleichsweise trickreicher. Dieb ist eben nicht gleich Dieb. Eddy ist ein sympathisches, im Kern harmloses Exemplar. Interessant macht ihn eine angenehme Eigenschaft: Er beobachtet seine Mitmenschen genau. Allerdings um sie dann umso besser ausnehmen zu können. Es ist Eddys zweite Natur geworden, alle Regungen, Reaktionen, Regenmäntel und Reisetaschen mit den Augen danach abzuklopfen, was sie über ihren Besitzer sagen. Gutgläubig oder nicht, wohlhabend oder nicht, Geld dabei oder nicht. Wonach sucht er, was fürchtet er, wie fühlt er sich wohl?

So lernen sich, von Eddy genau gesteuert, Dregerlein, so heißt der Mann, und Eddy also wie zufällig dank einer Bananenschale kennen, "Ist ja wie ein Witz! Verstehen Sie? Diese Witze, wo einer auf der Bananenschale ausrutscht", sagt Dregerlein. Eddy lädt Dregerlein zum Austernessen ein, bald haben sie, Dregerlein mehr als Eddy, einige Flaschen Weißwein geleert, und noch etwas später ist Dregerlein sein Geld los.

Spöttische Beaobachtungen über Berliner

Das Raffinierte an diesem Anfang ist, dass die Trickbetrügergeschichte eigentlich eine Berlin-/ Provinzposse ist: Was denkt der Provinzler, in diesem Fall aus Bochum, über den Hauptstädter. Je genauer Eddy das vorausahnt, desto leichter kann er Dregerlein ausnehmen. Und dadurch kann Arjouni seine genauen, etwas spöttischen Beobachtungen über Berliner und Provinzler wie von selbst in die Erzählung einbauen. In Eddys Augen wird sozusagen alles von allein zum "Milieu" und manchmal sogar zum "Milljöö".

Arjouni hat ein Buch geschrieben, das so leicht losfliegt, als wäre es ihm egal, dass das Leben jedes Feuerwerkskörpers zeitlich begrenzt ist, für einen Roman jedenfalls niemals reichen wird. In Deutschland spricht man dann gleich von Screwball-Comedy, nun gut, das Problem liegt darin, die Geschichte auf dem Niveau zu halten.

Die Geschichte dreht sich um den "König" von Berlin, einen in der Stadt verhassten Amerikaner aus Neukölln, der gerade die Deo-Werke in Tempelhof übernommen hat und dort mal richtig fett Leute entlassen will. Eddy bringt diesen Horst König mehr aus Versehen um, es läuft auch bei ihm nicht alles bananenschalenglatt. In Königs apart-schöne Tochter Romy verliebt er sich zweitens, was des exquisit-exzentrischen Wesens der Dame wegen nicht einfach ist.

Herausforderungen für Eddy gibt es genug, allein wie die Leiche aus der Wohnung kommt, wo unten im Hof doch die immer nervöseren Leibwächter des toten König stehen. Manchmal wird das ein wenig langatmig und bemüht, immer Funken sprühen, immer gewitzter als der Leser sein, immer noch eine Überraschung im Ärmel haben, das kann auch ein Arjouni nicht, insgesamt aber macht der Autor das bravourös.

Der - gar nicht so heimliche - Held des Romans ist somit der Witz. Der Witz ist immer auch ein verbales Kräftemessen, zwischen Eddy und Dregerlein (leichter Sieg), Eddy und Königs Tochter Romy (von vornherein verloren), Eddy und seinem Freund Arkadi (von solchen Siegen erholt man sich nicht). Aber eben auch zwischen Arjouni und dem Leser.

Auch im Krimi - mit den Kayankaya-Krimis wurde Arjouni bekannt - steckt immer ein Kräftemessen. Autor und Leser streiten über die Frage: Wie offen kann der Autor die Lösung auslegen, ohne dass der Leser draufkommt? Seit einiger Zeit scheint sich Arjounis Lust verschoben zu haben: Wie einfach, wie klischeehaft kann eine Geschichte sein, und dabei trotzdem intelligent bleiben, etwas über unsere Welt erzählen und außerdem noch Drive haben? Oder anders gesagt: Wie wenig Literatur braucht es, um ein gutes Buch zu schreiben?

Eine Art Literaturaversion, eine Literaturhausphobie, scheint die geheime Triebfeder von Arjounis neuem Buch (und wahrscheinlich nicht nur von diesem). Irgendwie stellt jedes Buch dieses Autors von neuem die Frage: Literaturliteratur oder Unterhaltung? Die Gewitztheit von Eddy als Trickbetrüger ist dabei verwandt mit Arjounis Gewitztheit als Literaturvermeider.

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