Literatur

11. Januar 2013

Literatur: Der Eigentümer des Herbstes

 Von Mathias Schnitzler
Wagt sich in unbekannte Räume: Florjan Lipuš. Foto: Marko Lipuš

Ein Roman, der wetterleuchtet und Krallen ausstreckt: „Bostjans Flug“ von Florjan Lipuš. Zwischendrin liegt man am Boden zerstört, heult Rotz und Wasser. Zwischendrin fühlt man sich frei wie ein Adler über den Bergen.

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Solch einen Roman, das ist ein Versprechen, haben Sie noch nicht gelesen. Es sei denn, auch Sie sind ein Fan des Klagenfurter Wieser Verlags und haben vor einigen Jahren bereits diese famose Übersetzung entdeckt: „Boštjans Flug“. Als Lizenzausgabe erscheint der Roman nun in der Bibliothek Suhrkamp; als das, was er vorher schon war, als Weltliteratur.

Dieses Buch nimmt die Fasern des Lebens, verspinnt sie zu Grashalmen und Geäst. Dieses Buch wetterleuchtet in die Vergangenheit und schlägt Funken ins Jetzt. Es beunruhigt und macht verrückt und streckt seine Krallen aus. Vertäut die Mühle, verankert die Straße, damit sie sich nicht in Luft auflösen. Es ist die Liebe und das Verlangen – dort in der Mühle wird er Lina treffen, heimlich, denn so einen wie Boštjan akzeptiert Linas Vater nicht. Und es ist die Wut. Die Wut auf die Deutschen, die Österreicher, die Kirche, die Lehrer, die Nachbarn, den eigenen Vater, die ihn auf die Straße treibt. Denn die Straße ist seine Verbündete, sie lockt ihn hinaus in die Freiheit. Und doch weiß Boštjan, ein Kind noch und zugleich ein Erwachsener, „dass gerade jetzt, während er auf der Straße dahingeht, die Mutter ins Gas geschickt wird.“

Liebe und Gas?

Da rutscht das Buch aus der Hand. Eine Liebesgeschichte. Und Gas. Wortklang und Vernichtung. Geht denn das? Schließlich sind wir nicht in Hollywood. Bei Florjan Lipuš ist alles anders. Lipuš kann das, weil er ein Zauberer ist, der Ernst macht mit dem Schreiben. Seine Sprache knirscht mit den Zähnen, hat Peter Handke gesagt, und gleichzeitig singt sie.

„Auf diesem Platz, der von aller Lüge frei ist, auf das Gestern ausgerichtet und für das Morgen bereit, macht der Eigentümer des Waldsteigs, und zu einem guten Teil auch des Herbstes, die Niederlage quitt, pflanzt sich neuerlich ein und fasst Mut, nimmt Zuflucht in selbstvergessener Schau, hier richtet er sich wieder auf. Von diesem Ort aus steckt er aufs neue die erste und die letzte Szene ab, zieht sozusagen um die beiden einen Zauberkreis: Von dem kleinen Plateau aus sieht er wieder Lina beim Wassertrog stehen, bei jenem denkwürdigen beschwerlichen Regenbitten, wieder und wieder sieht er sie, wie sie die Spange schließt; und von dem kleinen Plateau aus öffnet sich vor ihm die andere Schlüsselszene, rollt sich sehr klar der Tag auf, an dem die Mutter abgeführt wurde: auch sie sieht er am Trog Wasser holen, auch sie netzte sich die Füße dort, es könnte sein, dass jenes Pilgermädchen, das er heute sieht, sie war“.

Zweifach gehört Florjan Lipuš, 1937 im österreichischen Lobnig geboren, einer Minderheit an. Er schreibt, wie es heute nur noch wenige vermögen: wagt sich in unbekannte Räume, überspringt die Zeiten, schafft etwas Außerzeitliches. Und er ist ein Kärntner Slowene, Angehöriger jener Volksgruppe, die aktuell nicht einmal mehr 15 000 Menschen umfasst. Ihre Vorfahren hatten Kärnten einst erschlossen und im 7. Jahrhundert das slawische Fürstentum Karantanien gegründet, wurden im Laufe der Zeit aber immer mehr zurückgedrängt und assimiliert. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland wurden die Slowenen umgesiedelt, verfolgt, ermordet. Widerstand erhob sich, manche flohen in die Wälder, schlossen sich Titos Partisanen an. Später dann keine Entschuldigung, kein Gedenken, die Täter, man kennt das, bleiben an der Macht oder werden zu biederen Angestellten und Rentnern. Das Misstrauen, gegenseitig, bleibt. Der jahrzehntelange Ortstafelstreit um zweisprachige Schilder in Kärnten, man erinnert sich an die scharfe Ablehnung von Landeshauptmann Haider, wird erst im Jahr 2011 geschlichtet.

Schicksal in der NS-Zeit

Peter Handke, ebenfalls ein Kärntner, Sohn einer slowenischen Mutter („Wunschloses Unglück“ erzählte von ihr), macht sich Anfang der achtziger Jahre auf die Suche nach seinen Wurzeln. Seine Muttersprache frischt er mit der Lektüre von Lipuš auf. 1981 übersetzen Helga Mracnikar und Handke den ersten, großartigen Roman von Lipuš „Der Zögling Tjaz“: eine traurige Internatsgeschichte, mit antikatholischer Rebellion, Anklängen an die „Blechtrommel“ und einem Selbstmord. Einen Selbstmord gibt es auch in „Boštjans Flug“. Doch ist es nicht der Held, dem gelingt zum Ende das Fliegen, es ist ein Knecht, der sich erhängt, weil er zwar ein Mädchen hat, das ihn liebt, aber keinen Hof. So verweigert man ihm das Aufgebot. Den Leichnam malt Lipuš als seltsame Frucht, die im Sturm pendelt und den Baum vom Felsen zieht. Der Teufel halte den Toten am Haken, wissen die Bergler, im Wind vertrocknet er, verwest, und seine sterblichen Reste fallen nach und nach auf den Boden wie faules Obst.

Und die Mutter, was war mit der Mutter geschehen? Ihr schreckliches Schicksal, das im Roman nur angedeutet wird, erinnert an das von Lipuš’ Mutter. 1943, der Vater war mit der Wehrmacht im Krieg, erschien eine Gruppe von Partisanen vor ihrem Haus. Man sei auf der Flucht, sammle Brot für die im Wald versteckten Brüder. Frau Lipuš hilft. Die Partisanen entpuppen sich als verkleidete Gestapoleute und verhaften die Frau. Der kleine Florjan sieht seine Mutter nie wieder, im Konzentrationslager Ravensbrück wird sie ermordet.

Der Tod ist allgegenwärtig in den Karawanken im südlichen Kärnten, dort wo Österreich an Jugoslawien grenzte und heute an Slowenien. „Alles Lebendige weicht von hier“, schreibt Lipuš, aus dem Graben, wie die Bewohner ihre Heimat nennen. Damit bezieht sich der Autor nicht nur auf die Massaker der Nazis, sondern auch auf die Armut, die Rückständigkeit, die Repressionen der Alten, der Erzieher, der Katholiken, ob nun slowenisch- oder deutschsprachig. Die jungen Leute fliehen, wandern aus, weil sie es nicht mehr ertragen.

Doch die Toten sind auch die Guten, die Lebendigen in diesem phänomenalen Buch. Die Großmutter schwebt durch den Nebel und leuchtet ihrem Enkel. Und als Boštjan verzweifelt, weil ihn Linas Vater, der gottesfürchtige Kirchdiener, zusammengeschlagen hat nächstens vor Linas Fenster, da erscheint zum ersten Mal auch die Mutter. „Durch das Gas verfeinert, knisternd vom Verbrennungsofen“ macht sie Boštjan Mut, für seine Liebe zu kämpfen, sein Joch abzuschütteln. Keine Worte hat die vom Todeshauch Umgebene, doch ihre Erscheinung erlebt Boštjans als ein Gefühl der Geborgenheit. Ohne Pathos und Spuk schildert Lipuš das. Und schon ist Boštjan wieder auf der Straße, wieder im Wald. „Er greift aus und überholt sich selbst, vom Gehen wechselt er ins Fliegen.“

Ob es ein frohes Ende gibt? Man hofft, und man zweifelt.

Florjan Lipuš: Boštjans Flug. Aus dem Slowenischen von Johann Strutz. Suhrkamp, Berlin 2012. 167 Seiten, 19,95 Euro.

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