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Literatur: Des Schriftstellers eigener Steckbrief

Max Frischs New Yorker Vorlesungen von 1981.

Man muss den Leser erfinden, meinte Max Frisch.
"Man muss den Leser erfinden", meinte Max Frisch.
Foto: dpa

Nicht zuletzt durch den spektakulären Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist Max Frisch wieder ins literarische Bewusstsein gerückt (FR vom 19. August). In jenem Briefwechsel hatte er allerdings nicht die Heldenrolle. Frisch war, als Lebensgefährte Bachmanns, darauf bedacht, Celans niederschmetternde seelische Zustände und maßlose Forderungen eher abzuwehren, als sich von ihnen einfangen zu lassen. Einige Rezensenten haben dem Schweizer Schriftsteller diese Robustheit prompt als Grobheit ausgelegt.

Die zwei Poetik-Vorlesungen, die Frisch 1981 in New York hielt und die nun unter dem Titel "Schwarzes Quadrat" postum erstmals erscheinen, fallen in eine andere, spätere Zeit. Bachmann, von der Frisch sich 1962 trennte, kommt trotzdem vor in den Ausführungen über Literatur und eigenes Schreiben des damals 70-jährigen Max Frisch. "Wie Ingeborg Bachmann gearbeitet hat, weiß ich nicht, obschon wir, als Frau und Mann, fünf Jahre zusammen gelebt haben", erzählt er nicht ohne Stolz seinen Zuhörern und zieht daraus die entscheidende Schlussfolgerung: "Die schriftstellerische Arbeit ist eine sehr intime Angelegenheit." Weshalb wir über das Arbeiten insgesamt wenig erfahren, außer dies: Nicht seine eigenen Meinungen interessierten ihn beim Schreiben, sondern "die Konfrontation mit der Sprache".

Anfang der achtziger Jahre lebt Frisch, gerade zum zweiten Mal geschieden, in New York mit einer weit jüngeren Frau, die als Lynn aus der Erzählung "Montauk" (1975) in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Köstliches Detail am Rande: In dem von freundschaftlicher Sympathie und gemeinsamen Erinnerungen geprägten Nachwort spielt Peter Bichsel auf die New Yorker Wohnung an, "sehr nach dem Geschmack seiner amerikanischen Freundin", dabei sei Frisch doch ein "Architekt mit Bauhaus im Hinterkopf" gewesen! Vor dem inneren Auge sieht man sofort üppige Sofas in cremigen Farben auftauchen, in denen der kleine, magische Mann mit der dicken Brille versinkt.

Die Vorlesungen, zwei an der Zahl, gab Frisch am New Yorker City College am 2. und 4. November auf Englisch - vor 750 Zuhörern, was enorm ist, zumal seine Bücher keineswegs auf den amerikanischen Bestsellerlisten standen. Wegen seines harten Schweizer Akzents ließ er lange Passagen aus seinen eigenen Werken, vornehmlich aus dem "Tagebuch 1946-1949", von einem amerikanischen Muttersprachler vorlesen. Dazwischen dann seine eigenen Ausführungen; immer schön knapp, so wie man es von Frisch kennt, dessen Understatement gelegentlich die Unhöflichkeit streift: "Ich habe keine Theorie." Und: "Ich habe auch kein Rezept."

So bremst er gleich am Anfang falsche Erwartungen aus, damit er, umso freier, sich auf die innere Stimme verlassen kann. Recht hat er: Darin ist er gut, und sofort ist der Sog (man hatte ihn fast vergessen) wieder da, der typische Frisch-Ton, diese zugleich melancholische wie sinnliche und geheimnisvolle Nüchternheit, wenn er etwa erklärt: "Der Schriftsteller, im Gegensatz zu den meisten andern Menschen, kann sich nicht entfliehen; er hat seinen Steckbrief selber verfasst."

Die Vorlesungen kulminieren in einer Anekdote; Frisch behandelt sie als Chiffre des gesellschaftspolitischen Teils seiner Poetik: Ein Schweizer auf Geschäftsreise in Leningrad bittet darum, in der Eremitage das "Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch zu sehen, wissend, dass es im Keller den Augen des Volks entzogen ist. Als der Schweizer Geschäftsmann mit der russischen Museumsdame vor dem Bild steht, für ein paar Minuten nur, sind beide begeistert. Warum, schlägt der Schweizer vor, hänge man das Bild nicht neben die Gemälde des Sozialistischen Realismus, das Volk verstünde es doch eh nicht? "Die Dame lachte: Sie irren sich - das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat."

Woraus für Frisch emphatisch resultiert, die Kunst sei die "Gegen-Position zur Macht". Es folgt ein kleines Manifest, gipfelnd in der These, Poesie wahre "die Utopie". Im Nachhinein wirkt das doch recht aufgesetzt und zeitgeistig. Anderes klingt hingegen immer noch überzeugend, etwa, was Frisch über die Magie der Imagination sagt, im Unterschied zur bloßen Fantasie ("Fantasie hatte auch Hitler"); oder über die Sprache gewordene Sprachlosigkeit der menschlichen Kreatur bei Büchner (dieses "Genie einer littérature engagée); oder über das Verhältnis zu seinen eigenen Lesern, die er "als Partner" behandeln will, so wie Tolstoi. Aber die amerikanischen Zuhörer scheint gerade der Gedanke einer Kunst-als-Utopie elektrisiert zu haben: weil er ihnen fremd war.

Max Frisch: Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen. Hrsg. von Daniel de Vin. Suhrkamp Verlag 2008, 93 S., 14,80 Euro.

Autor:  INA HARTWIG
Datum:  5 | 9 | 2008
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