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Literatur

25. September 2008

Literatur: Im Dresdner Musennest

 Von SABINE FRANKE
Bereits 1895 eröffnet: Die Standseilbahn verbindet die Dresdner Stadtteile Loschwitz und Weißer Hirsch.Foto: dpa

Uwe Tellkamps monumental märchenhafter DDR-Familienroman "Der Turm".

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In einer Zeit, in der der deutschen Gegenwartsliteratur oft vorgeworfen wird, zu wenig "welthaltig" zu sein, handelt der neue, gewaltige Roman des 1968 geborenen Autors Uwe Tellkamp über fast 1000 Seiten von einer kleinen Insel. Man befindet sich in Dresden, es sind noch sieben Jahre bis zum Untergang der DDR, die Rede ist von einem Wohnviertel hoch über der Stadt mit malerischen Villen hinter verschnörkelten Jugendstilzäunen, eine verträumte Welt voller "Sandstein-Schneckenwedel", Tapetentüren und versteckten Wintergärten. Die Gebäude tragen Namen wie "Delphinenort" oder "Felsenburg", und es sind die letzten Elfenbeintürme des Bildungsbürgertums, das in der DDR eigentlich ein Anachronismus sein sollte. Hier ist man unter sich: Mediziner, Literaten, Physiker, Musiker, der VEB-Fabrikdirektor - abgeschottet, eingeengt, aber behaglich eingerichtet in diesem Rückzugsgebiet einer aussterbenden und gleichwohl wie wild blühenden Elite, die es so bald darauf nicht mehr geben wird: Wie auf trutzigen alten Schiffen steuern die Bewohner in diesen Häusern dem drohenden Untergang ihrer Insel entgegen.

Christian Hoffmann will Arzt werden wie sein Vater Richard, der als Unfallchirurg in einer Dresdner Klinik arbeitet. Es ist das Jahr 1982, und der aknegeplagte Schüler schäumt vor Ehrgeiz und Bildungseifer fast über. Nebenbei muss er üben, wie man "Rotfront argumentiert", ohne seine wahre Gesinnung zu offenbaren - ein Erziehungsprogramm seines Vaters, dem dies selbst jedoch nicht immer besonders gut gelingt.

Der Schwager Meno Rohde hat dagegen in jahrelangem "geschickten Wellenreiten durch die Paternosteraufzüge" die Kunst der Unverbindlichkeit perfektioniert. Als junger Naturwissenschaftler noch für ideologisch ungeeignet befunden und aus der "sozialistischen Zoologie" entlassen, ist er nun Lektor eines wichtigen Literaturverlags und in höchsten Autoren- und Nomenklaturazirkeln unterwegs.

Vom Vater lernt Christian, dass man wendig sein muss, wenn man seinen Kopf retten will. Von Meno lernt er den genauen Blick und das leidenschaftliche Bemühen um präzisen sprachlichen Ausdruck. Denn Meno schreibt: an einem wuchtigen Gesang der mythisch werdenden Erinnerung, einem tiefgängig verklausulierten, poetisch mäandernden Prosatext, wie er vielleicht typisch für eine Art inneres Emigrantentum der DDR erscheinen mag. Menos Aufzeichnungen stellen neben Christians und Richards Blickwinkel die dritte Perspektive in dem vielgestaltig aus Briefen, Träumen, Rückblenden, Fakten und konventionellen Erzählpassagen konzipierten Roman dar.

Um diese drei zentralen Figuren rankt sich ein weit verzweigtes Geflecht von Angehörigen, Freunden, Kollegen und Kontrahenten. An bunter Welthaltigkeit mangelt es also nicht - genannt seien ein hofierter, aus dem englischen Exil in die DDR zurückgekehrter jüdischer Autor, Arbeiter aus einer Karbidfabrik und zwei ehemalige Voltigierreiterinnen des Zirkus Sarrasani. Der Roman erschöpft sich jedoch auch nicht in Milieus und Weltanschauungen. Es geht ebenso um die Wahrnehmung der Zeit, die gebremst dahinzufließen scheint, selbst die Elbe, "graubraun geschuppt, glich einem Saurier, der träge vorwärtskroch".

Im Land mehren sich Versorgungsengpässe und Stromausfälle, man weiß von Ausreiseanträgen, erfährt von Selbstmorden, unter Freunden werden Witze über die alten Herren an der Regierungsspitze gerissen, Zeile für Zeile analysiert man Nachrichten aus Moskau in der Hoffnung auf Wandel, und doch verhält man sich abwartend und müht sich, mehr oder weniger resigniert, menschlich und beruflich redlich zu bleiben und das Beste zu geben. Man konzentriert sich auf das, was man hat, was vor allem heißt, aufs Detail zu achten: "Die Türmer hörten Tannhäuser in sieben verschiedenen Aufnahmen und verglichen sie miteinander." Literatur, Malerei, Theater, Musik, all das wird ausführlich zelebriert, manchmal so sehr, dass man, etwa beim ausufernden Gewese zum 50. Geburtstag von Vater Hoffmann, ungeduldig einwerfen möchte: Leute, das aufwändig beschriebene Essen wird kalt! Aber hier läuft eben niemandem die Zeit davon, alles wird bis in die letzte Nische auserzählt - typische Symptome des Inseldaseins.

Harmlos ist das längst nicht mehr, insbesondere Christian ist von der "süßen Krankheit Gestern" befallen, wie eine Droge braucht er das bürgerliche Idyll. Er denkt in den Schablonen, die ihm in Opern und Romanen vorgegeben wurden, und bringt, etwa, als er sich das erste Mal verliebt, den Brückenschlag zum wahren Leben nicht zustande. Dabei wird der Raum für Eskapismus zunehmend begrenzter und die Ausweichbewegungen werden immer verzweifelter. Wer fremdgeht, wird damit erpresst, wer sich im Schuppen ein Fluchtflugzeug zusammenbastelt, "ä rischtsches Fluchopp-jekt", wird verhaftet.

Auch Christian kommt, kaum dass ihm der begehrte Medizinstudienplatz zugeteilt ist, unter die Räder. Nach üblen Drangsalierungen bei der Armee landet er im berüchtigten Schwedt zum Strafarrest und als Arbeiter in einem chemischen Betrieb, wo er unter menschenunwürdigen Zuständen schuftet.

Hier ist er fern von der vertrauten Welt, die träumerisch ein versunkenes Dresden heraufbeschwört, ein versponnenes und verkrustetes Atlantis, und die auch für die real existierenden Orte der Gegenwart verbrämte, verwunschene Ortsbezeichnungen pflegt: Dinge gehen vor in "Laurasien", "Westelbien" und "Ostrom", auf der "Kupferinsel" und im "Tausendaugenhaus". Es wird mythisch gesprochen, um zu verschleiern, aber auch um dem Märchenhaften Geltung zu verschaffen, Stimmungen zu fixieren, die weichen, vagen Züge der Realität, die sich in einem Land, wo das Objektive einzig und allein das Parteiische ist, im Bereich des Subjektiven und potenziell Unwirklichen bewegt.

Was nicht heißt, dass Tellkamp sich nicht an Faktisches hielte. Geradezu lückenlos wirkt die Dokumentierung des DDR-Lebens, nichts scheint zu fehlen, das Anstehen vor den Geschäften, die Urlaubsreise an die Ostsee mit FKK-Episode, der Behördentag. Alles kommt derart vollständig daher, dass sogar Tellkamp selbst auftritt, flüchtig in einer Nebenrolle als Krankenhausarzt. Und mehr noch: Ähnlich wie Christians Lieblingslektüre, Stefan Zweigs "Die Welt von gestern", ist auch Tellkamps Roman "ein Buch, das von einer lange versunkenen Zeit … erzählte. Es wimmelte darin von Namen, Anspielungen, Zitaten, … ein Wiedererkennungseffekt, der ihn begeisterte".

So ist "Der Turm" nicht nur ein episch angelegter Familienroman, sondern auch ein fein gearbeiteter, genau erinnerter und recherchierter Geschichtsroman, der sich an der Wirklichkeit entlangarbeitet. Christian trägt Spuren von Tellkamps eigener Biografie, zudem hat "Der Turm" Züge eines Schlüsselromans. Bis in scheinbar unbedeutende Nebensächlichkeiten ist er präzise nach realen Personen und Vorkommnissen modelliert, sodass sich ein Insiderpublikum auf Wiederbegegnungen mit alten Bekannten freuen kann, von Manfred von Ardenne (Vorbild für die Romanfigur des Baron Arbogast) bis zu Carola Gärtner-Scholle (im Roman Karlfriede Sinner-Priest).

Doch geht es nicht um Aufdeckung, sondern darum, Geschichte mit den Mitteln des Romans anschaulich, erfahrbar und plausibel zu machen. Tellkamp betrachtet Geschichte und Mythos von innen und außen, zu einer Zeit, in der die Geschichte gerade erst zum Mythos wird.

Es ist ein Buch für Insider, Erinnernde, die selbst dabei waren, wie es auch ein Buch für die Nach- und Nebenwelt ist, die Nacherlebenden, für die dieser Teil der Geschichte immer etwas Erzähltes und nur von außen Betrachtbares bleiben wird. Tellkamp hat der deutschen Literatur frei von Bitterkeit und Ressentiments einen Erfahrungsschatz schriftlich gesichert, der unbedingt erzählenswert war, nicht zuletzt deshalb, weil er uns sonst möglicherweise unmerklich wieder entglitten wäre.

Der Stil der Dresdner sei immer der Stil der Alten gewesen, sagt Baron Arbogast einmal, und so ist es nur konsequent, dass der Roman in der eleganten, gediegenen und nicht zuletzt eigentlich überkommenen Sprache des klassischen bürgerlichen Familienromans geschrieben ist. Bis ins Feinste ausziseliert, bisweilen assoziativ ins Lyrische ausufernd oder genüsslich ins Karikaturistische überdehnt, mit sächsischem Dialekt gewürzt und subversiven Witzen gespickt - Tellkamp zieht viele Register. Virtuos hat er den reichhaltigen Stoff kontrolliert bis zuletzt, wo im furiosen Gewirr der Stimmen, Rollen und Perspektiven eine Ära endet, im Chaos des Wendeherbstes, als jahrelang Aufgestautes sich Bahn bricht und dem Sozialismus seine letzte Utopie nimmt: den Stillstand.

Christian ist zuletzt ein Mensch, der zwar Regungen verspürt, aber keine Richtung sieht. Fast unmerklich geraten er und die Seinen aus dem Blick, während die Masse alles überrennt. Und doch wollen diese Figuren nicht verschwinden. Dringlich bleibt der Gedanke, wie es ihnen ergehen mag, wohin es sie treibt, welche Richtung sie einschlagen. Nicht von ungefähr endet dieser bedeutende Roman mit einem Doppelpunkt im Offenen. Gäbe es einen zweiten Band - man würde ihn sofort lesen.

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 976 S., 24,80 Euro.

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